Küsnacht
«Jahrtausendfels» bleibt nach seinem Sturz, wo er ist

Die Landkarte im Küsnachter Tobel muss neu gezeichnet werden. Seit Dienstagmittag liegt ein abgestürzter Fels auf dem Wanderweg. Dort soll der 250 Tonnen schwere Brocken auch bleiben - als geologischer Zeuge eines Jahrtausendereignisses.

Christian Dietz-Saluz
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250 Tonnen schwer ist das Gestein
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Der Fels schlug eine breite Schneise durch den Wald
Der Fels ist 6 Meter hoch - und bleibt, wo er ist
Felssturz bei Küsnacht

250 Tonnen schwer ist das Gestein

Manuela Matt

Dieses Naturschauspiel hätte man sehen wollen. Am Dienstag um etwa 11.30 Uhr bricht ein rund 6 Meter im Durchmesser grosses Stück einer Felsnase im Küsnachter Tobel ab. Mit dumpfem Grollen überschlägt sich der Riesenbrocken mehrmals. Es kracht im Wald, grosse Bäume werden wie Zündhölzer geknickt. Unaufhaltsam kugelt und rutscht der Fels den Hang hinunter, immer wieder brechen tonnenschwere Brocken von ihm ab. Die Erde im Tobel bebt unter der Wucht.

Der Koloss überrollt eine Brunnenstube, in der Trinkwasser gefasst wird, und zermalmt den Beton wie die Meeresbrandung eine Sandburg. Auf dem Wanderweg, kurz vor Bach und Brücke, kommt der Fels nach fast 100 Metern zum Stillstand. Dann verliert er nochmals das Gleichgewicht und kippt auf seine breiteste Seite. Ende eines Felssturzes, wie man ihn sich vorstellt, wenn man das Tobel einen Tag nach dem seltenen Naturereignis aufsucht.

Keine Menschen am Weg

Tatsächlich gibt es keine Augenzeugen des Küsnachter Felssturzes. Ein Jogger entdeckte den Riesenbrocken und meldete den Vorfall («ZSZ» vom Mittwoch). Sofort wurde das Tobel gesperrt und die ersten Untersuchungsarbeiten begannen. Nach dem Schrecken folgte Entwarnung. «Wir sind erleichtert, dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind», sagt Gemeindepräsident Markus Ernt (FDP) am Schauplatz vor den Medien. Das ist Glück, denn hier suchen und finden regelmässig Wanderer und Freizeitsportler Erholung.

Jetzt ist es idyllisch ruhig. Es riecht intensiv nach frisch geschlagenem Holz. Eine Schneise mit gefurchtem Boden markiert die Bahn, die der Fels in den Wald geschlagen hat. Markus Ernst spricht beinahe mit Stolz vom «Küsnachter Felssturz», ein Ereignis, wie es nur alle paar Hundert Jahre vorkommt.

Nicht vorhersehbar

«Vor einer Woche haben wir eine Tobelbegehung gemacht», sagt Geologe Reto Murer. Nichts habe auf den bevorstehenden Abbruch an der Felsnase hingedeutet. «Grundsätzlich gibt es hier immer Steinschläge, aber in dem Ausmass hätten wir das nie erwartet», sagt Murer. Ob der letzte Winter mit vielen Frostperioden und grossen Niederschlagsmengen für den Felssturz veranwortlich ist, möchte der Fachmann weder bestätigen noch dementieren. «Wir hatten in diesem Winter zwar mehr Steinschlag als sonst, aber im Prinzip handelt es sich hier um ein Naturphänomen, das einfach irgendwann passieren kann - es hätte auch im Herbst sein können.»

Beim abgebrochenen Gestein handelt es sich um Nagelfluh, eine am Pfannenstiel typische Hinterlassenschaft der letzten Eiszeiten. Das Schotter-Konglomerat wird auch «Herrgottsbeton» genannt und ist vor allem bei Bauherren gefürchtet. Wenn die Bagger darauf stossen, wird der Aushub teuer.

Bis Wochenende wieder offen

Jetzt scheint der rund 125 Kubikmeter grosse und etwa 250 Tonnen schwere Koloss auch kostbar zu sein. Für den Präsidenten des Verschönerungsvereins Küsnacht Andreas Fischer ist klar: «Das ist ein Jahrhundertereignis, vielleicht sogar ein Jahrtausendereignis, das darf nicht mehr weggeräumt werden.» Gleicher Meinung ist Reto Murer: «Liegen lassen, das ist geologische Geschichte, die uns hier vor Augen geführt wird».

Auch Gemeindepräsident Markus Ernst liebäugelt mit diesem Gedanken. «Der Fels liegt jetzt stabil, er sieht eindrücklich aus und gehört ab jetzt zur Geschichte von Küsnacht». Die Landkarte müsse nun halt neu gezeichnet werden. Auch der Wanderweg wird in Zukunft einen kleinen Bogen um den imposanten Brocken machen. Eine erste Wandergruppe wurde gestern schon um den Felsen herumgelotst.

Gestern begannen die Aufräumarbeiten der Forstleute. Das Loch um die Brunnenstube ist mit einem Gatter gesichert. Nach einem Sicherheitscheck wird das Küsnachter Tobel wieder freigegeben. Markus Ernst rechnet mit der kompletten Öffnung bis zum Wochenende.

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