Pro-Kontra
Ist «Germany's Next Topmodel» Graus oder Augenschmaus?

Letzten Donnerstag lief die Jubiläums-Staffel von «Germany's Next Topmodel» an. Bereits zum zehnten Mal suchen Heidi Klum und Co. Deutschland schönstes Mädchen. Ist «Germany's Net Topmodel» gut oder schlecht für die Zuschauer?

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Die Castingshow geht in die nächste Runde. Junge Mädchen werden wieder en masse um ihren Traum vom Modeln kämpfen und dabei Schweiss und Tränen vergiessen. Sorgt die Sendung bloss für spritzige Unterhaltung bei einem Mädels-Abend oder ist GNTM ein sexistisches Zur-Schau-Stellen von jungen Mädchen, welchem jedgliche Würde abhanden gekommen ist?

PRO von Alexandra Fitz, Redaktorin Leben und Wissen

Alexandra Fitz

Alexandra Fitz

Nordwestschweiz

Wir können doch von Zuschauern erwarten, dass sie differenzieren und Shows auch kritisch konsumieren? Wir sind nicht dumm!

Vorweg: Ich hasse Heidi Klum! Sie nervt, wirkt oberflächlich und die Welt hat genug von ihrem «Ich-halte-überall-mein-Gesicht-rein»-Syndrom. Okay, ich gebs zu, vielleicht spielt auch ein wenig Neid mit. Aber die Castingshow «Germanys Next Topmodel» (GNTM) hat mir viele lustige Abende mit meinen Mädels verschafft.

GNTM ist weder sexistisch noch gefährlich und auch nicht oberflächlicher als das andere Casting-Geflimmer. Kritiker argumentieren, man müsse den Zuschauer schützen. Aber können wir von den Konsumenten nicht erwarten, dass sie differenzieren können? Etwas kritisch rezipieren? Wir sind nicht dumm! Jungen Mädchen sollten wir mehr vertrauen. Wenn sie sich mit ihren Freundinnen austauschen und die Eltern junger Mädchen die Sendung und das Frauenbild mit ihnen besprechen, steht einem Model-TV-Abend nichts im Weg.

Es hat auch einen Lerneffekt. Die jungen Frauen sehen deutlich: Das ist nicht nur ein Traumjob. Die Teilnehmerinnen werden herumgescheucht, schikaniert, mal für ihren speckigen Bauch gerügt. Das mag hart sein. Aber meist ist es die Wahrheit. Für diesen Moment. Diese Show. Diesen Beruf. Sie heulen, wimmern und schimpfen. Dann dürfen die Zuschauerinnen denken: He, du willst diesen Job, also tu was dafür. Du willst mit deinem Aussehen Geld verdienen. Andere büffeln und rackern. Der Lerneffekt: Man fragt sich, ob man das auch will, und lernt, dass man Disziplin und Leidenschaft braucht.

Solche Sendungen haben neben den Gedanken über den eigenen zu dicken Bauch auch Persönlichkeits-Aufbau-Potenzial. Man beobachtet die oft dümmlich wirkenden Frauen, wie sie sich anzicken, lächerlich machen und amüsiert sich dabei. Fühlt sich klug. Erhaben. Man könnte denken: lieber ein paar Kilos zu viel, dafür ein paar Hirnzellen mehr und ein starkes Rückgrat.

Okay, nach den Chips und dem Wein hatten wir manchmal ein schlechtes Kalorien-Gewissen, während die Mädchen auf ihren dünnen Stelzen über den Catwalk stolzierten (oder eher torkelten). Aber he, das hätten wir auch ohne GNTM – unsere Welt ist gespickt mit Schönheitsidealen und die Model-Serien machen dieses Problem nun wirklich nicht fetter.

KONTRA von Nadja Rohner, Redaktorin Zurzach

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Aargauer Zeitung

Es gibt Schlimmeres als «Germany’s next Topmodel» – trotzdem sollten wir diese Zurschaustellung junger Frauen kritisch betrachten.

Im Vergleich mit TV-Tiefpunkten wie dem «Dschungelcamp» oder dem «Bachelor» wirkt «Germany’s Next Topmodel» harmlos. Immerhin hat Modelmamma Heidi Klum ihren «Mädchen» noch nie die Hoden irgendwelcher Tiere verfüttert. Problematisch ist die Sendung dennoch.

Laut Statistik haben im Schnitt 2,66 Millionen Zuschauer(-innen) die letzte Staffel gesehen. Zwei Drittel davon waren 14 bis 49 Jahre alt. Man kann getrost davon ausgehen, dass das übrige Drittel hauptsächlich aus Mädchen unter 14 Jahren bestand. Und genau das ist bedenklich: Denn während bei einem Film oder einer normalen Serie jedem Zuschauer völlig klar ist, dass da nur Rollen gespielt werden, gibt sich eine Casting Show mit Kandidatinnen «von der Strasse» den Anstrich der realen Welt – und junge Mädchen glauben das nur allzu gerne.

Das Sendungskonzept: Dünne, langbeinige Mädchen stolzieren im Bikini vor der Jury auf und ab. Viele stolpern auf ihren Highheels, die Kamera hält gnadenlos drauf. Klum und Co. filtern die jungen Frauen: modeltauglich – nicht modeltauglich. Schön – nicht schön. Die Auserwählten werden umgestylt, angemalt und ein bisschen angezogen, bevor sie sich fürs perfekte Foto aus Helikoptern hängen, auf fahrende Autos klettern oder mit fremden Typen und Schlangen kuscheln müssen. Wer nicht spurt, gilt als schwierig und fliegt aus der Sendung (ausser, man ist die Schönste und kann sich deshalb alles erlauben). Die zitternde Kandidatin steht am Ende vor der Jury wie die Maus vor der Schlange und muss hören, dass «wir heute leider kein Foto für dich haben» – und Tschüss.

Also Klappe halten und Dreck fressen, sonst ists aus mit dem Traum von der Modelkarriere. Selbstbestimmung? Respekt? Würde? Fehlanzeige. Dafür jede Menge Tränen, Dramen und 18-Jährige, die wie in der ersten Folge der neuen Staffel sagen, Schönheit sei also schon das Allerwichtigste, und wenn man nicht schön sei, habe man beim ersten Eindruck quasi bereits verloren. Sind das wirklich Botschaften, denen wir unsere Zwölfjährigen unkommentiert aussetzen wollen?

Keine Mutter muss ihrer Tochter das donnerstagabendliche TV-Vergnügen verbieten. Aber weil gerade sehr junge Teenies bisweilen unreflektiert und unkritisch sind, sollte man mit ihnen über die Sendung und das vermittelte Frauenbild sprechen – und es, wo nötig, geraderücken.