Schulpsychologie
Ist das gesunde Kind noch vorgesehen?

Jürg Forster zur Frage, ob unser heutiges Schulsystem nicht zu viel des Gutgemeinten tut und was die heutigen Hauptaufgaben eines Schulpsychologischen Dienstes sind.

Matthias Scharrer
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Jürg Forster: «Es gibt immer noch Kinder, die zu wenig Förderung bekommen.»

Jürg Forster: «Es gibt immer noch Kinder, die zu wenig Förderung bekommen.»

Matthias Scharrer

Schulpsychologen, Heilpädagogen, Schulärzte, Logopäden, Schulsozialarbeiter: Herr Forster, ist das gesunde Kind im heutigen Schulsystem überhaupt noch vorgesehen?

Jürg Forster*: Unbedingt! Die Mehrheit der Kinder ist zum Glück gesund. Und die, die in einer schwierigen Phase ihrer Entwicklung oder krank sind, brauchen Unterstützung, damit sie wieder gesund werden. Aber auch bei diesen Kindern achten wir auf die gesunden Teile. Denn ein Kind ist nie nur verzögert in der Entwicklung oder verhaltensauffällig, sondern hat immer auch gesunde Anteile. Und die versuchen wir im Schulpsychologischen Dienst zu fördern.

Wie?

Indem wir der Lehrperson sagen: Da und dort hat das Kind Stärken, auf die man noch stärker bauen kann. Es wäre verheerend, wenn man bei den Kindern, die Schwierigkeiten in der Schule haben, nur Störungen sähe. Es gibt eine grosse Bandbreite in der Entwicklung, und viele Kinder benötigen keine Unterstützung, das anerkennen wir – auch wenn manche dieser Kinder vielleicht etwas länger brauchen.

Trotzdem kommt manchmal der Eindruck auf, dass eine gewisse Überversorgung vorhanden ist. Wie sehen Sie das?

Die Schule ist in der Schweiz insgesamt gut dotiert mit individuellen Förderungen und therapeutischen Möglichkeiten. Da haben wir ein hohes Niveau. Aber das System ist noch nicht optimiert in dem Sinne, dass immer die richtigen Kinder am meisten Unterstützung bekommen. Wir versuchen die Förderungen dort, wo sie nicht mehr nötig sind, abzubauen und abzuschliessen. Das ist auch im Interesse des Kindes. Aber es gibt immer noch Kinder, die einfach zu wenig Förderung bekommen, die eine intensivere Unterstützung bräuchten.

Warum?

Es gibt bildungsferne Eltern, die Widerstände haben, wenn es darum geht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und es gibt Lehrpersonen, die nicht mit dieser und jener Förderperson zusammenarbeiten wollen, sondern es lieber allein probieren. Zudem gibt es Eltern, die Widerstände gegen Therapeuten haben.

Ist dieser Widerstand nicht manchmal auch begründet? Da gibt es Abklärungen durch Schulpsychologen, -ärzte, Logopäden – und irgendwann denkt man: Lasst doch das arme Kind in Ruhe!

Ja. Ich finde eine kritische Haltung von Eltern gut. Das sollen sie einbringen. Es ist ja auch im Kanton Zürich so geplant, dass Eltern immer einbezogen sind, wenn es um sonderpädagogische Massnahmen geht – und an Standortgesprächen sagen können, was sie finden. Und wenn sie mit einer Massnahme nicht einverstanden sind, wird sie nicht stattfinden. Wenn Eltern zu allem Ja sagen, was ihnen vorgeschlagen wird, tun sie ihrem Kind keinen Gefallen. Sie sollen dazu Stellung nehmen, was für ihr Kind gut ist, denn sie kennen es am besten.

Kann es auch sein, dass so ein System von Fachleuten Probleme sucht, um seine Existenz zu legitimieren?

Mmmh. Das wäre nicht gut. Dann müsste man das System herunterfahren auf den Level, den es braucht.

Aber Ihrer Meinung nach ist es auf dem richtigen Level?

Ein weiterer Ausbau ist nicht nötig, aber eine Optimierung des Angebots. Ich finde es wichtig, dass Fördermassnahmen und Therapien regelmässig überprüft werden.

Was sind heute die Hauptaufgaben des Schulpsychologischen Diensts?

Wenn Lehrpersonen und Eltern sich an Standortgesprächen nicht einigen können, weshalb ein Kind in der Schule Probleme hat und wie ihm geholfen werden kann, wird der Schulpsychologische Dienst oft beigezogen, um eine fachliche Einschätzung einzubringen.

Und: Bei Kindern, die psychische Belastungen haben, braucht es jemanden, der Hilfe in die Wege leiten kann. Das können wir sein, das können aber auch Eltern sein, die sich direkt an eine Therapiestelle oder Praxis wenden. Ebenso gelangen Schulen in Krisensituationen an uns, wenn zum Beispiel eine Lehrperson oder ein Kind gestorben ist. Zudem wollen wir präventiv aktiv sein, indem wir Lehrpersonen beraten, sodass es gar nicht erst zu Lern- und Verhaltensauffälligkeiten kommt.

Was sind die häufigsten psychischen Schwierigkeiten bei Kindern – und was kann man dagegen tun?

Sehr häufig sind Aufmerksamkeitsstörungen. Dann: Verhaltensauffälligkeiten im Sinne von Regelverletzungen, wenn Kinder sich provokativ oder aggressiv verhalten. Auch Motivationsprobleme, wobei man dabei auch auf den Unterricht achten muss.

Es liegt nicht immer an den Kindern. Manchmal kann auch die Lehrperson etwas besser machen oder die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen verbessert werden. Dass Eltern und Lehrpersonen nicht gut zusammenarbeiten, ist ein häufiger Grund für Probleme. Wir werden dann beigezogen, damit die Lehrperson wieder mehr mit dem Kind arbeiten kann und das Kind zu Hause die nötige Unterstützung erhält.

Zeitweise war Ritalin in aller Munde: Aufmerksamkeitsdefizite medikamentös zu behandeln – nimmt das derzeit zu oder ab?

Die Verschreibung von Ritalin, die übrigens nicht vom Schulpsychologischen Dienst vorgenommen wird, hat meines Wissens in den letzten Jahren eher zugenommen. In manchen Fällen gab es früher eine Unterversorgung, heute wohl weniger. Bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit ist es immer wichtig, die Eltern und die Lehrpersonen zu beraten. Das kommt bei medikamentösen Behandlungen manchmal zu kurz.

*Jürg Forster leitet seit 18 Jahren den Schulpsychologischen Dienst der Stadt Zürich.

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