Deitingen/Alchenstorf
In einer Männerdomäne fährt sie schwere Maschinen

Für eine Frau eher ungewöhnlich, doch nicht unmöglich. Die in Alchenstorf wohnhafte Sandra Leibundgut fährt fast alles von Lastwagen über Bagger bis zu Dumper und Dozer.

Urs Byland
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Für alle und jeden ein Lächeln übrig hat Sandra Leibundgut, hier auf der Neubaustelle beim Spital Solothurn.

Für alle und jeden ein Lächeln übrig hat Sandra Leibundgut, hier auf der Neubaustelle beim Spital Solothurn.

Hanspeter Baertschi

Frauen, die schwere Baumaschinen bändigen, entsprechen nicht den gängigen Vorstellungen. Eigentlich vermutet man am Steuer eines Baggers oder eines Muldenkippers Männerhände. Sandra Leibundgut entspricht nicht dem Klischee, beflügelt aber mit ihrer attraktiven Erscheinung andere.

Den Lastwagen des elterlichen Betriebs hat sie einfach auf der Strasse beim Tearoom Felber in Deitingen stehen gelassen, und damit einigen Autofahrer eine Aufgabe hinterlassen. «Das darf ich hier, wo soll ich sonst parken», verteidigt sie sich beim Interviewtermin mit dieser Zeitung.

«Wenn irgendwo gebaut wird, denkt niemand an einen Parkplatz für uns», sagt sie und lacht. Die Baggerarbeit im Steinbruch der Deitinger Bürger gehört momentan der Vergangenheit an. Sie muss im Familienbetrieb anpacken. Grund ist ein schwerer Unfall ihres Vaters vor nicht ganz einem Jahr. Seither kann er sich nicht mehr bewegen oder sprechen und ist auf Rundumbetreuung angewiesen. «Er war der Kopf des Betriebs. Er hat die Aufträge angenommen, die Arbeiten delegiert und die Mutter hat die Büroarbeit erledigt.»

Glücklicherweise seien sie und ihr Bruder Adrian bereits seit 10 Jahren beziehungsweise seit 15 Jahren im elterlichen Betrieb tätig. Bruder Adrian mache vor allem die Aushübe für Einfamilienhäuser. Sie ist Vertragsfahrerin für die Firma Toplog in Pieterlen. In erster Linie sieht man Sandra Leibundgut auf der Strasse in ihrem Lastwagen. Daneben bedient sie Dumper (Muldenkipper), Bagger und Pneulader. Dozer und Trax fährt sie ebenfalls, «aber da bin ich noch nicht so gefitzt».

Im «Glungge»-Dorf aufgewachsen

Neben der Mutter arbeitet noch ein Angestellter im Betrieb Leibundgut Transporte und Erdarbeiten mit. Der Betrieb hat seinen Rechtssitz in Wynigen, ist aber in Rüedisbach beheimatet. «D Glungge steht noch gleich wie früher. Wenn man vorbeifährt, erkennt man sie sofort.» Gemeint ist der Bauernhof, der im Schweizer Film «Ueli der Knecht» als Kulisse diente. Die eigene «Glungge», der eigene Bauernhof in Rüedisbach, wird von der Mutter geführt. Die 36-jährige Sandra Leibundgut ist stolz auf ihre Abstammung. Sandra Leibundgut, ein Bauernmädchen? «Völlig, und ich war es gerne. Aber diese Zeit ist vorbei.»

Heute lebt sie in einer Wohnung in Alchenstorf, dem Dorf der Schwingerkönige. Mit Matthias Sempach ist sie per Du – «wir kennen uns» – und dem nur wenige Jahre älteren anderen Schwingerkönig, Adrian Käser, dürfte sie auch schon begegnet sein.

Mithilfe beim Spitalneubau

Als Vertragsfahrerin ist sie auf vielen Baustellen in der Region anzutreffen. Aktuell ist sie mit dem Dumper beim Neubau des Spitals in Solothurn beschäftigt. Aber nicht am Samstag. Das sei früher eher der Fall gewesen, damit der Betrieb existieren konnte. «Heute pflegen wir am Samstag den Maschinenpark. Wir machen alles, was möglich ist, selber.»

Ihre Arbeit beinhalte mitnichten nur das Polieren der Karosserien. «Ich bin ein guter Handlanger! Ich kann und will aber nicht alles machen. Ich ziehe beispielsweise keine Pneus auf, aber ich montiere schon Räder am Camion. Das ist eine Frage der Technik.» Man müsse als Lastwagen-Fahrerin schon etwas «es Rüedeli» sein. Sie habe Erfahrung, kenne sie doch schwere Arbeiten aus dem Gastgewerbe, weil sie Köchin und Service lernte.

«Mein Vater hat das seinerzeit nur zum Spass gesagt, als ein Chauffeur ging. Jetzt söttsch de hei cho.» Sie habe es sich selbst auch gewünscht, am Steuerrad eines Lastwagens zu sitzen, und wollte es deshalb unbedingt versuchen. «Es gab damals keine Frau, die so viele Maschinen bedienen kann, wie ich jetzt.» Aber sie wisse, dass auch andere Frauen ihre Arbeit leisten könnten.

«Es ist wahrscheinlich eine Frage der Gelegenheit.» Sie habe sicher auch ihrem Vater gefallen wollen. «Er war stolz auf mich. Er hat das natürlich genossen. Und ich liebe diese Arbeit.» Nichts, weder Wind und Wetter noch Mühsal bei der Arbeit würden sie davon abhalten können.

Die Exotin

Die Exotin in der Männerdomäne hat keine Probleme mit dem männlichen Geschlecht. «Man muss manchmal etwas aushalten, das zweideutige Denken und ihre Sprüche annehmen und darüber lachen können», gibt sie zu. Aber sie sei selber ein zufriedener Mensch. Zudem sei sie sich ihrer Wirkung bewusst. «Sie schätzen es eigentlich, wenn auch mal eine Frau auf dem Bau arbeitet.» Ihre Fingernägel habe sie bewusst rot lackiert. «Ich will noch etwas Frau sein. Ich bin gerne Frau.»

Als Vertragsfahrerin komme sie oft als Fremde in eine Gruppe hinein und bleibt auch nicht lange. Freizeit und Kontakte habe sie kaum. «Das ist so in dieser Branche.» Sie schätze dafür ihre Freiheit, höre ihren Lieblingssender, und wenn doch etwas Zeit übrig bleibt, fährt sie eine Runde mit ihren Oldtimern, einer Vespa und einem Fiat Cinqucento.

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