11.11.11
In anständigen Masken ohne Publikumsbelästigung

Und wieder war Rudolf Baumann aktiv. Der Gründer des Langenthaler Museums Trummlehus hat sich einem weiteren Volksgut im Oberaargau gewidmet. Waren es vor kurzem Sagen aus, die er in einem Buch gesammelt hat, ist das nächste Thema die Fasnacht.

Urs Byland
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Das Treiben der Bärenbande folgt einem alten Drehbuch. Urs Lindt

Das Treiben der Bärenbande folgt einem alten Drehbuch. Urs Lindt

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Dazu hat Rudolf Baumann schon vor vier Jahren etwas geschrieben. «Narren, Spassmacher und Witzbolde» hiess das Werk, das im Stadtberner Ott-Verlag erschienen ist. Nun legt er nach: Pünktlich und in der Zeitrechnung der Narren zum Jahrhundert-Zeitpunkt am 11.11.11 beschreibt er in einer weiteren Broschüre die «Fasnachtsbräuche im Oberaargau».

«Ich habe in der Zwischenzeit mehrere Texte zum Thema erhalten, im Besonderen einen Text von Melchior Sooder, der nicht mal in der Landesbibliothek vorhanden ist», berichtet Rudolf Baumann, selber seit 36 Jahren begeisterter Fasnächtler. Dann kam die Anfrage der Historischen Gesellschaft für einen Vortrag. «Als ich merkte, das ich kaum zehn Prozent von dem, was ich weiss, erzählen könnte, habe ich mich dahintergeklemmt und eine Broschüre zusammengestellt.»

Die 64-seitige Broschüre im A4-Format wird von Baumann im Eigenverlag in einer Auflage von 200 Stück herausgegeben und kostet 28 Franken. Etliche Illustrationen, Zeichnungen, Karikaturen und Fotos ergänzen die Texte, wobei die Fotoauswahl teilweise etwas gar willkürlich erscheint. Dennoch finden sich gerade bei den alten Schwarzweissbildern schöne Motive. Baumann beginnt nicht gleich mit den Oberaargauer Fasnachtsbräuchen. Der «ewige Geschichtsstudent» – Baumann besucht seit Jahren Vorlesungen an der Uni Bern – startet bei den Römern, beleuchtet kurz Mittelalter und Renaissance, bevor er über die Fasnacht in der Schweiz und im Speziellen im Bernbiet berichtet.

Berichte von Golowin und Gotthelf

Hier beginnen auch die Texte der Gastautoren. Darunter ist beispielsweise ein Bericht des 2006 verstorbenen Autors und Mythenforschers Sergius Golowin über das Tschämele. Das Wort stamme von Schemen, gleich Schatten, Bedeckung, Vermummung, Maske. Durch die Wahl mannigfaltiger Larven konnte sich der Mensch in seinen Bräuchen den Gestalten seines Glaubens nähern.

Im Bernbiet hiess Tschämele «allerlei Possen in vermummter Gestalt spielen». Golowin zitiert Gotthelf, der 1844 berichtete: «Vor 40 Jahren war das Tschämele Sitte, es wurde aber wegen der dabei herrschenden Unsitten abgestellt.» Gotthelf erwähnt, dass dabei junge Burschen gar «so genannte Huren» wild vollführten. Zwischen Burgdorf und Trachselwald sei dieses allgemeine Treiben neu aufgelebt «zu grossem Ärgernis ehrbarer Hausväter».

Golowin schreibt, dass dieser Brauch «aus dem Bewusstsein des Volks verdrängt» worden sei, und zitiert Berichte aus dem Jahr 1909: «Die Ortspolizeibehörde von Lotzwil hat es gänzlich untersagt und die Behörden von Wynau erlassen eine Bekanntmachung, worin das Tschämele nur gestattet wird, wenn solches in anständigen Masken, ohne Belästigung des Publikums und oh-
ne Ärgernis erregendes Betragen geschieht.»

Einzigartige Stellung

Für die Fasnachtsbräuche im Oberaargau, dem Kernthema der Broschüre, verwendet Baumann einen Text von Melchior Sooder, Lehrer und Volkskundler aus Rohrbach, aus dem Jahr 1935. Sooder wies schon damals auf die einzigartige Stellung des Oberaargaus in Bezug auf die Fasnacht im Kanton Bern hin. Hier sei die Fasnacht noch mannigfaltig, obwohl «dürftige Aufzeichnungen der Chorgerichtsmanuale zeigen, dass nicht alles, was einmal lebendig war, sich bis in die Gegenwart hinein erhielt».

Sooder berichtet von den Speisen, den Lärminstrumenten und den «Heischegänge». Er erzählt vom Fasnechtbär, von der Hirsmändifuehr oder der Weibermühle und von vielem mehr. Das letzte grössere Kapitel ist der Fasnacht in Langenthal gewidmet. Dazu sind Texte von Grossrat Max Bühler, Journalist Eduard Nacht, Harry Egger senior und Robert Roth abgedruckt.

Zum 11.11.11: Iris Jäggi und Rudolf Baumann, Fasnachtsbräuche im Oberaargau und ihre Wurzeln. Ein öffentlicher Vortrag der Historischen Gesellschaft Langenthal, Donnerstag, 10. November, 19.30 Uhr, Alte Mühle.

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