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Im Strudel der Gefühle

Die Psychiatrischen Dienste Aargau AG eröffnen im Herbst 2014 eine neue Schwerpunktstation für Borderline-Patienten

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Eduard Zander, PDAG.

Eduard Zander, PDAG.

Gesundheit Aargau

Borderline? «Häufiger als Schizophrenie, aber weniger bekannt», sagt Eduard Zander, Leitender Oberarzt Allgemeinpsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG). In Zahlen: Ein bis zwei Prozent der Schweizer Bevölkerung sind von dieser Persönlichkeitsstörung betroffen. «Das merkt respektive sieht man diesen Personen aber nicht unbedingt an», sagt Eduard Zander – und nennt damit einen der Gründe, weshalb psychische Erkrankungen in der Gesellschaft einen schweren Stand punkto Glaubwürdigkeit haben. «Bei einem gebrochenen Bein im Gips zweifelt niemand. Was aber, wenn einem das Herz gebrochen ist?»

Äusserst instabile Gefühlswelt

Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden unter grossen Gefühlsschwankungen und inneren Spannungen, häufig verbunden mit selbstverletzendem Verhalten. Sie haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu steuern; wissen nicht, wie sie mit ihnen umgehen sollen und reagieren sehr impulsiv. «So nach dem Motto: Heute verliebt – morgen bereits wieder frisch verliebt.» Oder auch: Heute jauchzend die Welt umarmend, morgen dann alles rabenschwarz sehend. «Betroffene haben eine äusserst instabile Gefühlswelt, es braucht vergleichsweise wenig, und es zieht ihnen komplett den Boden unter den Füssen weg», weiss Eduard Zander aus seinem Berufsalltag.

Soziale Kompetenzen trainieren

Stellt sich die Frage: Wie lässt sich das behandeln? Medikamente allein können da wenig ausrichten. In den letzten Jahren, so Zander, habe sich die Dialektisch-Behaviorale Therapie, abgekürzt DBT, als das Therapieverfahren erster Wahl herausgestellt. Dieses ist im ambulanten und stationären Setting möglich und beinhaltet eine Einzeltherapie mit Verhaltens- Analyse sowie «Skills»-Gruppen- Training. Das Ziel dabei: Die eigenen Emotionen besser managen zu können, besser mit (emotionalem) Stress umgehen lernen sowie soziale Kompetenzen zu trainieren.Eduard Zander nennt ein Beispiel: «Wichtig sind Achtsamkeitsübungen, etwa am Beispiel des Essens: Man konzentriert sich ganz bewusst auf diesen Vorgang, auf den Geschmack, auf das Gefühl beim Essen, die Empfindungen – und ist in Gedanken nicht bereits wieder irgendwo anders.»

Drogen, Depressionen, Suizid?

Das funktioniere ganz klar nicht, solange der Patient schwer depressiv oder suizidgefährdet ist, aktiv Drogen konsumiert oder zum Beispiel eine psychotische Störung aufweist, erklärt Eduard Zander. Da die Borderline- Erkrankung aber häufig mit solchen «Begleiterscheinungen» einhergehe, müssten zuerst diese behandelt werden, bevor man sich der eigentlichen DBT zuwenden könne. Vor allem auch darum, weil mit dem Patienten zu Beginn eine Art «Vertrag», ein «Commitment», abgeschlossen wird. Gerade wegen der emotionalen Instabilität, die die Störung ausmacht, sei eine klare Therapievereinbarung zu Beginn der Behandlung von erheblicher Bedeutung für eine konstruktive, belastbare Therapie-Arbeit, so Zander. «Das Commitment beinhaltet Regeln und Vereinbarungen in Bezug auf den Umgang mit Suizidalität, Drogenkonsum, Krisenintervention und Störungen der therapeutischen Rahmenbedingungen. Diese werden schriftlich festgelegt und sind verbindlich. Verbindlichkeit ist für diese Menschen ganz besonders wichtig», betont Eduard Zander.

Erstes stationäres Angebot

Beim neuen stationären Behandlungsangebot der PDAG, das voraussichtlich im Herbst 2014 eröffnet und Platz für acht bis zehn Patienten bieten wird, handelt es sich um das erste stationäre Angebot dieser Art auf einer Akutstation. Eduard Zander: «Der Vorteil liegt auf der Hand: Borderline-Patienten mit akuter Suizidalität bei Depression oder emotionaler Krise – etwa, wenn ein Angehöriger stirbt oder sich eine Freundin abwendet –, können damit PDAG-intern auf einer Kriseninterventions- Station aufgefangen und ausreichend stabilisiert werden.» Dies, damit sie danach ins neue stationäre DBT-Programm aufgenommen oder ambulant weiterbehandelt werden können, etwa mit der Teilnahme an einer «Skills»-Gruppe des Externen Psychiatrischen Dienstes (EPD).

Kurz notiert

Durchgängiges Konzept

Der Übergang von der stationären zur ambulanten Behandlung ist oft nicht nur mit einem Wechsel der zuständigen Therapeuten verbunden, sondern häufig auch mit einem Wechsel der Behandlungskonzepte. Speziell für Borderline-Patienten ist Kontinuität aber entscheidend. Im Rahmen der integrierten Versorgungskonzepte arbeiten die Behandlungsteams des stationären und des ambulanten Bereichs der PDAG mit denselben Therapieansätzen. So kann der Patient in der Klinik Gelerntes auch ausserhalb weiterführen und erlebt, dass alle Therapeuten «am selben Strick ziehen». Das zeigt auch das Beispiel einer jungen Patientin mit Borderline-Persönlichkeitsstörung, die längere Zeit in der Klinik hospitalisiert war. Nach dem stationären Aufenthalt führte sie die DBT weiter und besuchte das ambulante Gruppenangebot. Da dieselben Therapieansätze zum Einsatz kommen, fühlte sie sich in der Gruppe sofort «aufgehoben». In der ersten Zeit nach der Hospitalisation erlebte sie noch einige kürzere Krisen. Diese konnten jedoch innert weniger Tage dank enger Zusammenarbeit aller Beteiligten auf der Kriseninterventionsstation aufgefangen werden. Weitere Informationen im Internet unter: www.pdag.ch

Autorin: Ursula Känel Kocher / Gesundheit Aargau

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