Administrativ Versorgte
Im Staatsarchiv finden administrativ Versorgte die Wahrheit

Die Wahrheit hinter ihren Schicksalen finden Administrativ Versorgte in den Archiven - Staatsarchivar des Kantons Zürich Beat Gnädiger spricht im Interview darüber, wie er sie bei der Suche nach der Vergangenheit unterstützt und über ihre Schicksale.

Michael Rüegg
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Staatsarchivar Beat Gnädinger: «Wir haben keine Zahlen. Wir kennen nur Einzelfälle.»zvg

Staatsarchivar Beat Gnädinger: «Wir haben keine Zahlen. Wir kennen nur Einzelfälle.»zvg

Herr Gnädinger*, worum geht es bei administrativ Versorgten?

Beat Gnädinger: Der Begriff «administrativ Versorgte» steht für Menschen, die bis 1981 von einer staatlichen Behörde wegen «Liederlichkeit», «Verwahrlosung» oder «Arbeitsscheu» in eine Anstalt eingewiesen wurden, ohne dass diese Massnahme durch eine richterliche Instanz überprüft werden konnte.

Welche Rolle spielen die Archive in der heutigen Diskussion?

Die Archive überliefern die Unterlagen der öffentlichen Organe und machen so das staatliche Handeln auf der Basis von Originalakten nachvollziehbar. Und zum staatlichen Handeln gehören eben auch solche Eingriffe in den persönlichen Bereich Einzelner.

Bis in die Achtzigerjahre wurden auch im Kanton Zürich Menschen «versorgt». Weiss man, wie viele der Betroffenen heute noch leben?

Nein, wir haben keine Zahlen. Bis jetzt kennen wir nur Einzelfälle.

Aber auch im Kanton Zürich leben Menschen, denen damals Unrecht widerfahren ist?

Ja, zweifellos. Historiker und Archivare sind aber der Meinung, dass historische Tatbestände auch vor dem entsprechenden historischen Hintergrund beurteilt werden müssen. In diesem Sinn stellt nicht einfach jede Massnahme aus vergangener Zeit automatisch ein Unrecht dar, nur weil man heute anders verfahren würde. Sondern nur diejenigen, die unverhältnismässig waren, schon aus damaliger Sicht. Wenn zum Beispiel eine ledige junge Frau wegen einer ungewollten Schwangerschaft im Gefängnis landete.

Melden sich Betroffene beim Staatsarchiv?

Ja, und wir versuchen, diese Leute bei der Suche nach Spuren ihrer Vergangenheit zu unterstützen. Wir sind ja generell für die Öffentlichkeit da, für alle Leute, die ein «historisches» Anliegen haben – also selbstverständlich auch für Betroffene von staatlichen Zwangsmassnahmen.

Was sind das für Schicksale?

Ganz unterschiedliche. Ehemalige Verdingkinder, Menschen aus ganz prekären Familienverhältnissen, administrativ Versorgte, Leute, die als Kind hin- und hergeschoben wurden. Ich verstehe gut, weshalb diese Menschen Klarheit über ihre Vergangenheit wollen.

Kann denn der Schmerz gelindert werden, wenn man Akten von damals schwarz auf weiss lesen kann?

Ich meine ja. Wenn jemand die harten Fakten sieht, bestätigt sich vielleicht ein Bild – oder es stellt sich das Gegenteil heraus. Vor allem aber kann einem Betroffenen endlich etwas klar werden. Meine Mitarbeiter beobachten manchmal, dass Besucher schon gegen Ende eines Gesprächs bei uns mit einem Aspekt der Vergangenheit ins Reine kommen können: «Jetzt weiss ich endlich, wie es war, jetzt ziehe ich einen Schlussstrich unter die Geschichte.» Manchmal tun gesicherte Informationen zwar weh – dafür verschwindet eine quälende Ungewissheit.

Und die Dokumente tragen die Unterschriften der Verantwortlichen.

Ja, Unterschrift, Stempel, Originalpapier. Akten haben eine sehr unmittelbare Ausstrahlung. Wir händigen Betroffenen solche Akten aber nicht einfach aus. Unsere Mitarbeiter unterstützen Betroffene bei der Durchsicht, geben bei Bedarf Erläuterungen und machen auf Wunsch Kopien.

Das Parlament in Bern hat ein «Entschuldigungsgesetz» entworfen. Ihr Verband, die Archivdirektoren, hat es teilweise kritisiert.

Ja, zum Beispiel die Archivierungsvorschriften darin. Sie sind überflüssig. Das Archivwesen ist Sache der Kantone, da hat der Bund, ausser für sich selbst, nichts zu regeln.

Auch nicht Mindeststandards?

Gegenüber persönlich Betroffenen kann man keine Schutzfristen geltend machen. Sie haben ein Anrecht auf Einsicht in Unterlagen, die sie selbst betreffen. Aber auch was die Regeln für die Forschung angeht: Viele Kantone sind weit fortschrittlicher als vom Bund vorgeschlagen.

Und wenn man etwas über seine Eltern oder Grosseltern erfahren will?

Wenn jemand nicht direkt persönlich betroffen ist oder der Betroffene verstorben ist, gibt es Regeln, wer Einsicht nehmen darf. Nicht immer liegt im Interesse eines Betroffenen, wenn Verwandte Einsicht erhalten in Unterlagen über ihn.

Ein anderer Kritikpunkt war der Ausschluss finanzieller Forderungen, man will in Bern nicht, dass Genugtuungszahlungen an Betroffene geleistet werden.

Wenn ein Staat feststellt, dass er gegenüber einem Teil seiner Bürger Unrecht begangen hat, er aber zwei Paragrafen später Haftungsansprüche ausschliesst, erscheint uns das unlogisch. Unsere Meinung ist: Wenn jemand einer Massnahme unterworfen war, die schon nach damaligem Rechtsverständnis unverhältnismässig oder gar rechtswidrig war, soll sich ein Staat nicht nur entschuldigen, sondern einen Haftungsanspruch zumindest nicht ausschliessen.

Im Fall der nachrichtenlosen Vermögen ehemaliger jüdischer Flüchtlinge vergingen Jahre, bis Geld geflossen ist.

Bei den Betroffenen, die sich bei uns gemeldet haben, stand der finanzielle Aspekt bisher nie im Vordergrund. Es ist aber richtig: Viele Betroffene sind schon lange tot, andere sind schon sehr alt. Immerhin waren in Zürich administrative Versorgungen seit 1879, also während 102 Jahren, möglich.

Das Gesetz will eine Art «Bergier-Kommission» zum Thema administrativ Versorgte einsetzen. Sie plädieren für einen anderen Ansatz.

Wir haben schon sehr früh die historische Erforschung des Themas unterstützt. Die Schweiz hat eine funktionierende Forschungslandschaft, es gibt bereits Ergebnisse und neue Projekte sind in Planung. Mit anderen Worten: Es läuft bereits etwas. Jetzt eine Kommission einzusetzen, ist unnötig und würde laufende Forschungen möglicherweise diskriminieren.

Jüdische Flüchtlinge, Kinder der Landstrasse, Verdingkinder, Versorgte – liegen in den Archiven noch mehr unbequeme Wahrheiten, die eines Tages kritisch hinterfragt werden?

Dazu müsste man mit Augen der Zukunft auf heute schauen können. Auszuschliessen ist das nicht. Potenzielle Wahrheiten sollte man ohnehin nie ausschliessen – weder bequeme noch unbequeme. Und genau deshalb ist es so wichtig, dass wir Originaldokumente dauernd aufbewahren. Nur so kann eine Gesellschaft diejenigen Forschungen anstellen lassen, die sie für wichtig erachtet – auch wenn ein Thema schon einmal aus anderer Warte untersucht und beurteilt wurde.

*Beat Gnädinger ist Staatsarchivar des Kantons Zürich und Präsident der Schweizerischen Archivdirektorenkonferenz.