Kappel
«Ich würde es vermissen, wenn ich nicht mehr Mähdrescher fahren könnte»

Urs Studer aus Kappel verbringt seine Zeit gerne auf dem Mähdrescher im Gäu. Der 68-Jährige hat vor einigen Tagen nämlich seine 50. Mähdresch-Saison hinter sich gebracht.

Karin Schmid
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Vor einigen Tagen hat Urs Studer seine 50. Mähdresch-Saison hinter sich gebracht.Gerber und Reinmann AG, Schwarzhäusern

Vor einigen Tagen hat Urs Studer seine 50. Mähdresch-Saison hinter sich gebracht.Gerber und Reinmann AG, Schwarzhäusern

Als Urs Studer als Kind gefragt wurde, was er werden wolle, lautete seine Antwort: Bauer oder Landwirtschaftslehrer. «Aus mir hätte es aber nie einen Lehrer gegeben», schränkt der heute 68-Jährige lachend ein. Der 1845 von seinem Urgrossvater Fabian Studer erbaute Studer-Hof im Kappeler Unterdorf wird – seit der Pensionierung von Urs Studer – in fünfter Generation von seinem Sohn Matthias Studer geführt. Doch hier soll der Vater noch Thema sein: Urs Studer hat vor einigen Tagen nämlich seine 50. Mähdresch-Saison hinter sich gebracht.

Urs Studer lernte und arbeitete nach der Schulzeit bei seinem Vater Viktor in der Landwirtschaft. «Als ich 19 Jahre alt war, begannen wir mit dem Lohndrescher-Geschäft. Als unser Betriebspartner Stefan Wyss nach drei Jahren aufhörte, kaufte mein Vater seinen ersten eigenen Lohndrescher.» Der erste Drescher der Familie Studer gehörte zur ersten Serie der Marke «John Deere» und war der erste mit Korntank und ohne Strohpresse. Die Studers dreschten Flächen in Kappel und in den umliegenden Gemeinden. «Zu dieser Zeit gab es noch nicht viele Lohndrescher», erinnert er sich.

Vorher war die Familie mit dem Bindemäher unterwegs gewesen. «Am Anfang konnte man nur die Wintergerste und die Lagerfrucht dreschen. Die Saison war sehr kurz.» Ende der Sechzigerjahre sei aus arbeitstechnischen Gründen als Arbeitsmaschine nur noch der Mähdrescher infrage gekommen. «Der Bindemäher mähte nur; wir mussten die Ware mit nach Hause nehmen. Der Drescher mäht und drescht. Das war eine wahnsinnige Erleichterung.»

Mit der Nachbarsfamilie Josef Christen betrieb die Familie Studer in Kappel in den Vierziger- und Fünfzigerjahren eine Bindemähergemeinschaft. Das Foto stammt aus jener Zeit und zeigt Josef Christen am Steuer sowie rechts Urs Studers Grossmutter Johanna Studer auf dem Bindemäher.

Mit der Nachbarsfamilie Josef Christen betrieb die Familie Studer in Kappel in den Vierziger- und Fünfzigerjahren eine Bindemähergemeinschaft. Das Foto stammt aus jener Zeit und zeigt Josef Christen am Steuer sowie rechts Urs Studers Grossmutter Johanna Studer auf dem Bindemäher.

Archiv: Urs Studer

Fall für den «Menschenschutz»

«Als ich die erste Klasse besuchte, kaufte mein Vater den ersten Traktor», erzählt Urs Studer. «Schon als Kind fuhr ich immer auf dem Bindemäher mit, weil mich die Technik interessierte.»

In den vergangenen 50 Jahren war Urs Studer mit fünf verschiedenen Mähdreschern der Marke «John Deere» unterwegs. «Die ersten beiden kaufte mein Vater. Ich hatte damals noch keinen eigenen Hof, sondern arbeitete für meinen Vater.» Als er selbst den dritten Drescher habe kaufen wollen, habe er der Bank dafür keinerlei finanzielle Sicherheiten bieten können. Schliesslich habe der Vater für ihn gebürgt.

«Die ersten drei Mähdrescher hatten keine Kabine», erinnert sich Studer an die Zeit zwischen 1967 und 1990. «Der ganze Staub und die Hitze waren brutal. Hätte es – analog dem Tierschutz – einen Menschenschutz gegeben, man hätte sich dort gemeldet», scherzt Studer. Heute gibt es keine Maschinen ohne Kabine mehr; sie besitzen sogar eine Klimaanlage. Von 1991 bis 2007 war Drescher Nummer vier im Einsatz, seit 2008 ist Nummer fünf an der Reihe.

Nur noch drei Wochen Saison

Der Sommer 2003 ist Urs Studer wegen der lang anhaltenden Hitze besonders in Erinnerung geblieben. «Am 19. Juli war schon der letzte Dreschtag.» Je nach Wetter fängt die Saison fürs Mähdreschen Ende Juni an. Früher habe sie bis September gedauert. «Aufgrund der Klimaveränderung und der Leistungsfähigkeit der Maschinen dauert die Saison heute nur noch drei Wochen.» Der aktuelle Mähdrescher der Studers hat einen Turbomotor mit 200 PS und einem 700-Liter-Benzintank. «Zum Tanken muss man da schon einmal 1000 Franken in die Hand nehmen», sagt Urs Studer.

Die Mähdresch-Saison beginnt mit der Ernte der Gerste. Anschliessend sind Raps, Dinkel und Weizen sowie Hafer an der Reihe. «Von der Mittagszeit bis vor und nach Mitternacht – das waren früher schon lange Tage», erinnert sich der Kappeler. «Vor einer angesagten Regenperiode wurde es hektisch; jeder wollte dreschen.»

Im Vergleich zu vergangenen Zeiten sei die Anzahl der Kunden um die Hälfte zurückgegangen. Dafür sind heute die Felder grösser.» Seit 2001 pflegt die Familie Studer eine Zusammenarbeit mit der Bauernfamilie Lorenz Kissling in Hägendorf. Allerdings nur, was die Tierhaltung angeht. «Beim Betriebszweig Mähdreschen habe ich immer alleine geschäftet», sagt Studer.

Am 7. August 2016 waren Urs Studer und sein Mähdrescher letztmals im Einsatz. «Aufgrund der zweimonatigen Regenperiode vor, während und nach der Blüte ist 2016 ertragsmässig eine der schlechtesten Saisons der vergangenen 50 Jahre.» Die «guten Siebzigerjahre» seien jedoch ohnehin vorbei, stellt der 68-Jährige fest. «Der Ertrag für Getreide und Milch war damals doppelt so hoch wie heute. Der höchste Getreidepreis lag bei gut einem Franken pro Kilogramm. Heute bekommt man dafür nicht einmal mehr 50 Rappen. Für Raps gab es zwei Franken pro Kilo, heute sind es 70 bis 80 Rappen.»

Der Teilzeit-Lückenbüsser

Der erste Drescher habe 28 000 Franken gekostet, heute zahle man dafür rund das Zehnfache. Studers erste 25 Mähdresch-Jahre waren «finanziell besser als die letzten 25. Das Geschäft Mähdreschen muss einfach selbsttragend bis rentabel sein». Im Gäu seien noch rund vier, fünf grössere und kleinere Lohnunternehmen tätig. «Die grösseren haben sogar zwei oder drei Drescher, zum Beispiel Schneider und Keller in Fulenbach. Ansonsten gibt es einzelne Bauern wie mich, die einen haben.»

Nach Urs Studers Pensionierung vor drei Jahren hat Sohn Matthias den Landwirtschafts- und Mähdreschbetrieb des Studer-Hofs übernommen. Seither ist der Senior «nur noch Teilzeit-Lückenbüsser», wie er sagt. Auf der Strasse sei er nicht mehr so gerne unterwegs mit dem Mähdrescher. «Im Alter lässt die Konzentration etwas nach.» Doch die Freude am Fahren auf dem Feld nimmt ihm niemand. «Ich würde es sehr vermissen, wenn ich nicht mehr Mähdrescher fahren könnte.»