Züpfe-Zmorgem
«Ich bin froh um die Proteste in den arabischen Ländern»

Der Journalist und Auslandkorrespondent Werner van Gent spricht am Anlass der Firma Ammann über die Krise in Nahost und die Chancen für die betroffenen Länder.

julian perrenoud
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Daniela Schneider, Organisatorin des Ammann-Züpfe-Zmorge, und Journalist Werner van Gent. zvg/Matthias Kuert Daniela Schneider, Organisatorin des Ammann-Züpfe-Zmorge, und Journalist Werner van Gent. zvg/Matthias Kuert

Daniela Schneider, Organisatorin des Ammann-Züpfe-Zmorge, und Journalist Werner van Gent. zvg/Matthias Kuert Daniela Schneider, Organisatorin des Ammann-Züpfe-Zmorge, und Journalist Werner van Gent. zvg/Matthias Kuert

Solothurner Zeitung

Noch im Januar warnte Werner van Gent in seinem Referat im Wanger Kleintheater vor der «enormen Jugendarbeitslosigkeit im Nahen Osten». Ein wahres Pulverfass. Dass sich innerhalb nur weniger Wochen die Lage mit blutigen Protesten von Tunesien über Ägypten und Libyen nach Jemen derart zuspitzen würde, konnte nicht einmal er ahnen.

Gebannt verfolgen viele Schweizer die neusten Entwicklungen im Kampf um Freiheit und Demokratie – auch mit einem Auge auf den Ölpreis. Und als die Ammann-Gruppe mit Auslandkorrespondent van Gent gestern Morgen zum 15. Züpfe-Zmorge lud, verwunderte es wenig, dass das Interesse enorm war: Beinahe 400 Personen füllten die Halle des «visavis»-Gebäudes. Die Fasnacht steht vor der Tür, also wichen die Organisatoren vom Hotel Bären in der Innenstadt ins firmeneigene Gebäude am Bahnhof aus.

Van Gent, Wohnsitz in Athen, freischaffender Korrespondent fürs Schweizer Radio und Fernsehen, kennt den Nahen Osten gut: Seit fünf Jahren organisiert er neben seiner journalistischen Arbeit Studienreisen, etwa in den Oman, genannt Arabia felix (glückliches Arabien). Doch auch in Oman gab es erste Proteste, Schiessereien und Tote.

«Facebook anstelle von Gebeten»

Dass der Westen, die betroffenen Regierungen, ja sogar Terrornetzwerke wie al-Kaida von den länderübergreifenden Protesten total überrumpelt wurden, schreibt van Gent den Neuen Medien zu: «Facebook anstelle des Freitagsgebetes», sagte er, «vielleicht ist das in Arabien der Beginn einer neuen Individualisierung.» Der Versuch der totalitären Regimes, das Internet zu zensurieren, scheitere, weil die Menschen immer neue Wege zur Kommunikation fänden.

Van Gent hütet sich aber davor, das Wort «Revolution» in den Mund zu nehmen. Denn erst im Nachhinein zeige sich, ob es tatsächlich eine geworden sei. Der Zug, auf den jetzt verschiedene Interessengruppen aufspringen wollen, fahre bereits, aber niemand wisse wohin.

Ängstliche Europäer

Gar nicht abwegig scheint es, die Entwicklungen in Nahost mit denjenigen zu vergleichen, als 1989 die Sowjetunion auseinanderbröckelte. Oder als zweihundert Jahre zuvor in Frankreich Bürger die Monarchen stürzten. Doch während in Europa heute ein friedlicher Übergang zu einer Gemeinschaft stattfindet, fallen in Libyen Bomben und sterben Zivilisten. «Wir haben eine Instabilität anstelle einer Scheinstabilität», sagte van Gent und sprach die Abhängigkeit von arabischen Rohstoffen an. Zwei Drittel der weltweiten Erdöl- und ein Drittel der Gasvorräte lagern dort. «Das macht für uns den Nahen Osten sehr nah.»

Anders als in Iran, der sich zu einer islamischen Militärdiktatur wandelt, entstanden die neusten Proteste dieses Jahres nicht auf einem religiösen Hintergrund, es gab weder Anführer aus Parteien oder Gruppierungen wie den Muslimbrüdern in Ägypten. «Die arabischen Länder sind seit Jahrzehnten in ihrer Entwicklung blockiert, deshalb bin ich froh um die Proteste.» Van Gent sieht sie als Chance auf dem langen Weg zur Demokratie. Gleichzeitig bemängelt er die ängstliche Haltung Europas.

Demokratie bedeute eine gewisse Chancengleichheit für alle, und um diese im Nahen Osten umzusetzen, müsse sich Europa neu bestimmen, sagte van Gent. Er sieht denn auch Europas Stärke in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung nach zwei Weltkriegen. Nach heutiger Rechnung hätten die Regierungen damals jährlich bis zu 240 Milliarden Franken in einen Marshallplan investiert, der Europa zu dem formte, was es heute ist. Einen solchen schlägt der Journalist für den Nahen Osten vor, auch wenn die nötigen finanziellen Mittel immens wären. Seine Überzeugung ist: «Ein Land funktioniert wie eine Firma. Wer sie richtig führt, bringt sie zum Laufen.»