Thun
«Ich bin ein guter Kommunikator»

Nach 20 Stapi-Jahren blickt Hansueli von Allmen zurück auf eine bewegte Zeit als Politiker

Katharina Schwab
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Solothurner Zeitung

Die Regale sind bis auf ein paar wenige Ordner leer geräumt, auf dem grossen Schreibtisch sind die Aktenberge verschwunden. Dafür brennen vier Adventskerzen auf dem langen Konferenztisch. Hansueli von Allmen ist bereit für seinen Abschied aus dem Rathaus. Zwanzig Jahre lang war der SP-Mann Stapi von Thun und prägte die Stadt mit. Nun wird er im Januar 2011 das Zepter seinem Nachfolger Raphael Lanz (SVP) übergeben.

Aufschwung für Thun

Als Hansueli von Allmen das Amt 1991 von seinem Vorgänger und zugleich ehemaligen Seklehrer Ernst Eggenberg übernimmt, steckt Thun in einer Krise: Gerade haben die Metallwerke Selve ihre Schliessung bekannt gegeben, auf ein Asylantenheim wird ein Brandanschlag verübt, die Spar- und Leihkasse Thun bricht zusammen, und die Ruag entlässt viele Mitarbeiter. Von Allmen ist stolz darauf, zusammen mit den Kollegen des Gemeinderats die Stadt aus der Krise geführt zu haben: «Heute wird Thun als Kultur- und Sportstadt wahrgenommen.» Wie er das geschafft hat? «Ohne überheblich klingen zu wollen, aber ich bin ein guter Kommunikator», sagt er bedächtig und mit klaren Worten. Er könne verschiedene Menschen zusammenführen und mit ihnen Lösungen erarbeiten; das sei seine Stärke.

Am Familientisch politisiert

Eine solch teamorientierte Arbeit habe zum Erfolg vieler Projekte geführt, sagt der langjährige Stadtpräsident überzeugt. In der heutigen Zeit allerdings sei es schwieriger geworden, so zu arbeiten: «Deswegen fühle ich mich in der Politik nicht mehr so wohl wie früher.» Alles brauche viel mehr Zeit und Kraft. Nie wohlgefühlt habe er sich im Nationalrat, obwohl er in dieser Zeit (1995 bis 1999) in Bundesbern viele Beziehungen knüpfen konnte. «Am Abend sah ich keine Ergebnisse, das störte mich», sagt der ehemalige Offizier und Pfader. Ausserdem habe er nicht den Einfluss gehabt, den er gerne wollte.

Politisiert worden sei er am Familientisch. Als Sohn eines Arbeiters und Gewerkschafters habe er bereits früh gelernt, dass die Politik ein Instrument sei, um etwas zu verändern. In der Pfadi habe er zudem gelernt, dass man eigene Ideen und Ansichten umsetzen könne, allerdings nicht lautstark auf der Strasse wie die 68er – wo er damals als 22-Jähriger durchaus hineingepasst hätte. Das sei nie seine Welt gewesen, so von Allmen.

Nebenbei Politiker

Als junger Mann hat er bei den Schweizerischen Bundesbahnen die Lehre gemacht und ist dort geblieben, bis er schliesslich vollamtlicher Politiker wurde. Wer war der bessere Arbeitgeber: die SBB oder die Thunerinnen und Thuner? «Beide waren gleich gut.» Die SBB hätten ihm durch Teilzeitpensen ermöglicht, nebenbei Politiker zu sein. Und obwohl er als Stapi nie eine Lohnerhöhung erhalten habe, sei er immer zufrieden gewesen: «Der Lohn war schliesslich schon vor 20 Jahren gut», zudem habe er Teuerungsausgleich erhalten, sagt von Allmen schmunzelnd.

Hansueli von Allmen ist nicht nur als Stadtpräsident und einstiger Nationalrat bekannt, sondern auch als Sammler. Seit den 70er-Jahren führt er das Schweizerische Cabaret-, Chanson- und Pantomimen-Archiv (vgl. nebenstehendes Interview). Dem Archiv hat er auch seinen Ehrendoktortitel der Universität Freiburg zu verdanken. Als er davon erfuhr, sei er erst einmal erschrocken; «schliesslich habe ich keine Stunde an einer Uni verbracht». Aber es sei ein Höhepunkt in 40 Jahren Archivarbeit gewesen. Eine andere Ehre erfuhr der Stapi letzte Woche: Neu sind er und seine Frau Anita Thuner Ehrenbürger (az Langenthaler Tagblatt berichtete), auch darüber freut er sich sehr.

Durch Unfall gelernt

Der Stapi hinkt immer noch ein wenig. Letzten August hatte er einen Unfall und wurde am Knie operiert, die Physiotherapie dauert immer noch an. Aber diese Verletzung – wegen der er einige Wochen zu Hause bleiben musste – habe ihn eines gelernt: «Es geht auch ohne mich.»

Ohne ihn wird auch das nächste Jahr im Thuner Rathaus beginnen. Dieses Lebewohl falle ihm nicht nur leicht: Vor allem der Abschied von ganz nahen Menschen werde ihn sicher wehmütig stimmen. 2011 wird Hansueli von Allmen jede Menge Zeit haben. Diese weiss er auch einzusetzen; sei es auf dem Flyer-Velo, mit Büchern statt Akten oder beim Kaffeetrinken mit langjährigen Wegbegleitern. Und in der Kulturszene wird man das bekannte Gesicht sicherlich auch treffen.