Manifesta
Hier entstehen Kino, Badi und Bar – aber auch ein Ort der grossen Fragen

Der Pavillon of Reflections dürfte zur Hauptattraktion der Kunst-Biennale werden, die am Samstag beginnt

Matthias Scharrer
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Blick auf den Pavillon of Reflections vom Zürichseeufer aus.
11 Bilder
Tagsüber ist der Pavillon Badi mit Bar, abends Kino.
Manifesta 11: Pavillon of Reflections
Videokünstler Christian Jankowski ist Kurator der Manifesta 11
Für den Pavillon verbauten ETH-Studenten Holz aus Zürcher Wäldern.
Noch ist die Arbeit an der schwimmenden Insel nicht ganz fertig.
Im Inneren wurde das Cabaret Voltaire für die Dauer der Manifesta zum Zunfthaus der Künste umgebaut.
Der Turm macht den Pavillon weitum sichtbar.
Das Holzkonstrukt soll zur Ikone der Manifesta 11 werden, sagen die Veranstalter.
Manifesta-Kurator Christian Jankowski erklärt den Pavillon of Reflections
Das Cabaret Voltaire erhält für die Manifesta einen neuen Erker.

Blick auf den Pavillon of Reflections vom Zürichseeufer aus.

Matthias Scharrer

Damit eines gleich geklärt ist: Der schwimmende Holzpavillon vor der Quaibrücke in Zürich mit dem Riesen-LED-Bildschirm ist kein Public Viewing für die Fussball-Europameisterschaft, die am Freitag beginnt. Nein, hier gehts um Kunst. Doch die Macherinnen und Macher der Kunst-Biennale Manifesta 11, die am Samstag anfängt, haben mit dem Pavillon of Reflections — so der Name des Holzkonstrukts — dafür gesorgt, dass auch die Kunst in einem populären Rahmen gezeigt wird: Der Pavillon ist Kino, Schwimmbad und Bar in einem.

Die Filme, die ab Samstag über den grossen LED-Bildschirm flimmern werden, dokumentieren das Entstehen der Kunstwerke, die 30 Kulturschaffende zusammen mit anderen Berufsleuten eigens für die Zürcher Ausgabe der Manifesta entwickelt haben. «What People Do For Money – Some Joint Ventures» lautet deren Titel. Das Konzept dahinter: Internationale Künstlerinnen und Künstler sind in Zürich in den letzten Wochen und Monaten auf Zürcher Berufsleute getroffen, haben sich mit ihnen auseinandergesetzt und neue Werke geschaffen. Diese sind sowohl in den Arbeitsräumen der Berufsleute als auch in den Zentren der Manifesta im Löwenbräu-Areal und im Helmhaus ausgestellt.

Studierende der Zürcher Hochschule der Künste haben das Zusammenwirken der Künstler und Berufsleute mit der Kamera begleitet. Ihre Filme werden während der 100-tägigen Manifesta jeweils abends zwischen 20 Uhr und Mitternacht im Pavillon of Reflections gezeigt. «So sieht man den Prozess der Werkentstehung», sagte Manifesta-Kurator Christian Jankowski gestern bei einem Medienrundgang auf der schwimmenden Insel.

Röntgenbilder von Houellebecq

Sie dient gleichzeitig auch als Badeanstalt und fasst bis zu 300 Besucherinnen und Besucher. Der Eintritt zum Pavillon kostet sechs Franken. Eine Bar ergänzt das Angebot. Mit dieser Kombination will Jankowski tagsüber Publikum neugierig machen auf das, was abends auf dem Bildschirm gezeigt wird — und auf die Ausstellungen der Manifesta im Löwenbräu-Areal, im Helmhaus, aber auch im Cabaret Voltaire sowie in den «Satelliten» genannten Arbeitsstätten der Berufsleute, die mit den Manifesta-Künstlern kooperieren.

Für knapp 100 Tage in Zürich

Die Kunstbiennale Manifesta gastiert mit wechselnden Themen alle zwei Jahre in einer anderen europäischen Stadt. Vom 11. Juni bis 18. September findet sie erstmals in Zürich statt. Hauptstandorte sind das Löwenbräu-Areal, das Helmhaus, das Cabaret Voltaire und der Pavillon of Reflections beim Bellevue auf dem Zürichsee. Kurator der Manifesta 11 in Zürich ist der Deutsche Videokünstler Christian Jankowski. (mts)

Zu Letzteren zählt beispielsweise der französische Literat Michel Houellebecq, der auch als Fotograf tätig ist. In Zürich traf er mit Henry Perschak, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin an der Klinik Hirslanden, zusammen. Houellebecq machte dabei seinen Körper und die Darstellungsformen und Kosten der Medizin zum Thema: Er stellt Röntgenaufnahmen seines Gehirns und Tonaufnahmen sowie bewegte Bilder von Herz und Kreislauf Arztrechnungen gegenüber.

Doch zurück zum Pavillon of Reflections: Er ist das Werk von Architekturstudenten des ETH-Studios Tom Emerson. Damit der Pavillon innert vier Wochen zusammengebaut werden konnte, verbrachten sie ihre Wintersemesterferien in einer Montagehalle in Winterthur Grüze, heisst es in einer Medienmitteilung der ETH Zürich. Sie arbeiteten mit Tannenholz aus Zürcher Wäldern, das während des Hitzesommers im letzten Jahr vom Borkenkäfer befallen war. Auch Schwimmelemente, die während der Fussball-Europameisterschaft 2008 ein Public-Viewing-Floss auf dem Zürichsee trugen, bauten sie ein. Hauptsponsor des Pavillons of Reflections sind die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich.

Was nach der Manifesta aus dem Holzpavillon wird, ist noch offen. «Ich hoffe, dass er ein Nachleben hat», so Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen. Doch zunächst einmal solle er ein Ort der Reflexion über die «ganz grossen Fragen» werden: Arbeiten wir in Zukunft noch? Wer arbeitet für viel Geld, wer für wenig? Und: Gibt es künftig noch Arbeit für alle?

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