Seegfrörni
Heute vor genau 50 Jahren wurde der Zürichsee zum Eisfeld

Zu Fuss von Stäfa nach Wädenswil über den Zürichsee wandern, ohne nasse Füsse zu bekommen: Was heute unvorstellbar erscheint, war 1963 Realität. Damals fror der Zürichsee komplett zu. Genau vor 50 Jahren wurde der See zum Betreten freigegeben.

Martin Steinegger
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Auf dem Zürichsee während der Seegfrörni Februar 1963
11 Bilder
Am 25. Februar 1963 fand eine Fahnenübergabe auf dem Eis vor Thalwil statt - organisiert von Gemeindepolizist Paul Stoffel.
Ein Eissegler auf dem zugefrorenen Zürichsee bei Zürich während der Seegfrörni
Seepolizist Anton Schnetzer war täglich auf dem Eis im Einsatz
Seegfrörni
Dieter Kummer (rechts) spielte häufig vor seinem Elternhaus auf dem Eis und brach auch mal ein. In der Nähe der Holzpfosten rettete er ein vierjähriges Mädchen.
Margrit Hiltebrand spazierte mit ihrer Familie von Erlenbach nach Thalwil.
Ein Schiff der Zürcher Schifffahrtsgesellschaft hinterlässt eine Schneise im Eis des zugefrorenen Zürichsees am Ende der Seegfrörni
Seegfrörni 1963
Volkfest auf dem Eis: Im Februar 1963 strömten an manchen Tagen bis zu 150000 Menschen auf den zugefrorenen Zürichsee.
Menschen auf dem zugefrorenen Zürichsee während der Seegfrörni

Auf dem Zürichsee während der Seegfrörni Februar 1963

Keystone

Am 1. Februar 1963 war der Eispanzer fast 14 Zentimeter dick - die Behörden gaben den zugefrorenen See für die Bevölkerung frei. Tausende genossen das Spektakel, Imbissbuden wurden auf das Eis geschleppt, Kufensegler flitzten ?ber den See, und ganze Völkerwanderungen zogen von einem Ufer ans andere.

Für Wissenschaftler und Klimatologen war die Seegfrörni eine einzigartige Gelegenheit, um die Prozesse zu untersuchen, die bei der Vereisung eines grossen Sees vonstattengehen. Für die Behörden hingegen war das Ganze eine Herausforderung. Sie mussten für Ordnung sorgen, wenn an sonnigen Tagen bis zu 150 000 Menschen auf dem See herumschlitterten. Auch das sich stets verändernde Eis und die Wetterentwick­lung mussten im Auge behalten werden.
Das Seegfrörni-Spektakel endete erst am 8. März, als der Winter langsam aufgab und Tauwetter einsetzte. Das Eis wurde an diesem Tag endgültig für das Publikum geschlossen.

So kalt war es nie mehr

Der Zürichsee ist seit Beginn der regelmässigen Wettermessungen 1864 bisher acht Mal zugefroren: 1880, 1891, 1895, 1907, 1909, 1929, 1941 und 1963. Bis heute wartet man vergeblich auf eine Neuauflage. Zwar kam es in den letzten Jahren mehrmals zu kleineren Vereisungen - etwa im Februar 2012 in diversen Hafenmolen oder auch im März 2006, als sich mitten auf dem See eine dünne Eisschicht bilden konnte. Eine Gfrörni vom Kaliber des Winters 1963 gab es aber nie mehr.

Der Grund dafür ist schnell erklärt: Es war nie kalt genug. Der Seegfrörni-Winter war aussergewöhnlich frostig und vor allem lang. Er begann bereits Mitte November und ging erst Ende März zu Ende. Gemäss Meteoschweiz handelte es sich um den drittkältesten Winter seit Beginn der Wettermessungen. Noch kälter waren nur die Winter 1879/1880 und 1890/1891, in denen der See ebenfalls zufror.
Der kälteste Winter der letzten 20 Jahre war 2005/2006. Er war 1,21 Grad kälter als im langjährigen Durchschnitt. Verglichen damit spielte der Seegfrörni-Winter in einer ganz anderen Liga: Er schlug mit einer Temperaturabweichung von minus 5,04 Grad zu Buche.

Auch in diesem Jahr wird es übrigens definitiv nichts mehr werden mit einer kompletten Seegfrörni. Dafür war der Winter bisher viel zu mild.