EM2012
Heute greift Englands Sturmtank Wayne Rooney ins Turnier ein

Stürmerstar Wayne Rooney wird nach seiner Sperre heute Abend erstmals an der EM für England spielen. England braucht im letzten Gruppenspiel gegen die Ukraine ein Remis, um weiterzukommen.

Raphael Honigstein, Krakau
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Trägt Englands Hoffnungen: Wayne Rooney ist wieder da

Trägt Englands Hoffnungen: Wayne Rooney ist wieder da

Keystone

Natürlich werde Wayne Rooney nach dem Ablauf seiner Sperre im letzten Gruppenspiel gegen die Ukraine von Anfang an spielen, hat Roy Hodgson im Lauf der Woche gesagt, er habe ja keine andere Wahl. «Es würde sonst einen Aufstand in der Kabine geben», lachte der 64-Jährige. Mit der heiss ersehnten Rückkehr des 26-jährigen Stürmers beginnt für England in Donezk – so der Plan – Teil zwei, der angenehmere Part dieser EM. Der Anfang war ein wackeres Arbeitsunentschieden gegen Frankreich und ein den Schweden mit viel rohem Willen abgetrotzter Sieg. Jetzt soll mit Rooney der Fussball kommen. «Er ist mein Ass im Ärmel», sagte Hodgson voller Vorfreude.

«Ich wollte es nicht. Es geschah einfach»

«Es war furchtbar, draussen zu sitzen, man kann das Spiel nicht beeinflussen, man hat keine Kontrolle», hat der Manchester-United-Spieler über seine unfreiwillige Zuschauerrolle erzählt, die er einem Rückfall in alte, impulsive Zeiten verdankte. Beim letzten Qualifikationsspiel gegen Montenegro (2:2) im vergangenen Oktober hatte er einem Gegenspieler unmotiviert in die Wade getreten – und sah Rot. «Ich wurde schon ein paar Mal danach gefragt, aber ich kann ehrlich gesagt nicht erklären, was da passiert ist,» hat er gesagt, «ich wollte es nicht, es geschah einfach.»

Im Königreich sorgt man sich, dass Rooney vor lauter Aufregung über seinen verspäteten EM-Auftritt heute Abend in der Donbass-Arena abermals die Kontrolle verlieren könne. Doch Hodgson verwirft derartige Bedenken: «Ich kenne die Geschichten, aber ich habe bisher nichts von ihm gesehen, was mich beunruhigen müsste. Sein Verhalten im Training und im Hotel war erstklassig. Er ist ein absoluter Profi, kein Tier im Käfig.»

Die Eindrücke aus dem Mannschaftsquartier in Krakau scheinen ihn zu bestätigen. Rooney machte auf die Reporter einen fokussierten, ausbalancierten Eindruck, ganz anders als während der WM in Südafrika. Sorgen um eine den Boulevardblättern zu Ohren gekommene, später veröffentlichte Affäre drückten auf das Gemüt, die mönchische Abgeschiedenheit von Rustenburg machte ihn ausserdem ganz kirre.

Die Frage nach seiner mentalen Ausgeglichenheit sitzt dem Sohn eines Amateurboxers aus Liverpool seit Beginn seiner Karriere wie ein gnadenloser Gegenspieler im Nacken. Doch mit den Jahren ist eine noch wichtigere, dringlichere Frage hinzugekommen. Wann wird «Roo», Englands unzähmbare Verheissung, denn nun endlich seinem sagenhaften Talent bei einem grossen Turnier gerecht?

Der weisse Pelé

2004, als er bei der EM in Portugal mit 18 Jahren wie ein Mini-Tornado über den europäischen Spitzenfussball herfiel und vier Tore erzielte, hatten die englischen Zeitungen in kürzester Zeit alle Superlative verschossen. Am Ende blieb nur noch «der weisse Pelé» übrig, ein Ehrentitel, an dem der für Populismus aller Art stets empfängliche Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson gleich grossen Gefallen fand. Aus «Wazza» wurde in diesem Moment der Wiedergänger von «Gazza», dem vermeintlichen Erlöser Paul Gascoigne. Mit Rooneys Siegeszug – und dem seines Teams – war es allerdings schlagartig vorbei, als ihm Portugals Jorge Andrade auf den Fuss stieg. Rooney ging mit Mittelfussbruch vom Platz, das Viertelfinale im Elfmeterschiessen verloren.

Rückblickend lässt sich feststellen, dass weder er noch sein Land sich von diesem Malheur vollständig erholt haben. Rooneys letzter Turniertreffer datiert vom Juni 2004. 2006 fuhr er nur halb fit zur WM nach Deutschland, ein anderer Mittelfussknochen war nicht vollständig verheilt. 2008 verpasste man die EM komplett, zwei Jahre später erlebten sein Fussballland und er den historischen Tiefpunkt. Rooney lief in Südafrika wie ein tollwütiges Huhn über den Platz und schimpfte in die Kamera auf die pfeifenden Fans.

«Er ist, was Ibrahimovic für die Schweden, Schewtschenko für die Ukrainer ist», sagte Hodgson, diese Abhängigkeit von Rooneys Lust und Laune, kann für sein Team Segen und Fluch zugleich sein. «Wir haben das Team, um den Titel zu gewinnen», sagte Rooney. Was er nicht sagte, ist, ob England in diesem Turnier auch den Rooney dafür hat.