FC Wohlen
Herr Tschachtli, setzen Sie mit der aktuellen Strategie Ihren Ruf aufs Spiel?

Verwaltungsratspräsident Lucien Tschachtli sagt, wie es um den FC Wohlen steht und wie es weitergehen soll – auch falls er in die Super League aufsteigen sollte.

Rainer Sommerhalder und Ruedi Kuhn
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Lucien Tschachtli verzichtet auf einen Rekurs.
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Der CEO des FC Wohlen, Lucien Tschachtli, im Stadion Niedermatten.
FC Wohlen Tschachtli

Lucien Tschachtli verzichtet auf einen Rekurs.

Sandra Ardizzone

Ist der sportliche Erfolg des FC Wohlen überhaupt bezahlbar? Klar ist, der Klub lebt finanziell derzeit über seinen Verhältnissen. Präsident Lucien Tschachtli kämpft mit Herz und Seele dafür, die Verhältnisse den Plänen anzupassen.

Herr Tschachtli, wir sagen, der FC Wohlen kann sich eine Saison in der Super League finanziell gar nicht leisten?

Das ist nicht so. Wenn wir eine Saison Super League in der Niedermatten spielen könnten, dann wäre das finanzielle Risiko das Kleinste.

Für den Lizenzantrag mussten Sie auch ein Budget einreichen. Wie hoch wäre dieses im Falle eines Aufstiegs?

Rund 3,6 Millionen Franken.

Wie will Wohlen ein solches Budget stemmen?

Wenn man in der Super League spielt, gibt es gesicherte Mehreinnahmen – TV-, Marketing- und Staff-Gelder. Dann kann man davon ausgehen, dass zu Heimspielen in der Super League zwischen 2500 und 4500 Zuschauer kommen. Auch das generiert zusätzliche Einnahmen. Und dann habe ich der Liga noch gesagt, Wohlen würde so ungefähr um den siebten Platz spielen – und das gäbe dann noch eine Rangprämie (lacht).

Der siebte Platz war ein Scherz?

Ja, natürlich.

Wie viel TV-Gelder erhält der FC Wohlen derzeit?

Ich will diese Zahl nicht nennen, weil ich nicht weiss, ob sie öffentlich ist. Der substanzielle Teil geht aber an die Klubs der Super League.

Und welche zusätzlichen Kosten kämen auf Sie zu?

Es sind primär drei Personalien: Einen Marketingverantwortlicher zu 50%. Diesen haben wir unabhängig von der Ligazugehörigkeit in unseren Plänen. Dazu einen Finanzchef und einen Physiotherapeuten. Ein professioneller Staff berechtigt umgekehrt wieder zu Geldern der Liga.

Welches Budget haben Sie für die Challenge League eingegeben?

Rund 2,45 Millionen Franken.

Ein solches Budget ist aber noch nicht gesichert?

Nein. Man muss bedenken, dass ein Budget mit einer nachhaltigen Professionalisierung langfristig gegen 3 Millionen Franken betragen dürfte. Wir sind zwingend auf weitere Sponsoreneinnahmen angewiesen, denn ein solches Budget ist aus der näheren Region heraus nicht finanzierbar. Unsere Werbepartner sind praktisch ausschliesslich KMU-Betriebe aus der Region. Hier sind wir sehr gut bedient. Unsere lokalen Werbeeinnahmen können wir um maximal 80'000 Franken erhöhen. Das Ziel ist eine Partnerschaft mit einem starken Sponsor, der sich mit diesem Klub als Werbeplattform identifizieren kann – jung, dynamisch, erfolgreich!

Ist das nur eine schöne Idee oder gibt es konkrete Kontakte?

Wenn wir die derzeitige Strategie mit dem vorgesehenen professionellen Betrieb längerfristig sichern wollen, dann sind wir auf eine solche Partnerschaft angewiesen.

Mit 150'000 Franken wäre man als Hauptsponsor dabei?

Nein, das würde ich nicht unterschreiben.

Wer könnte ein solcher Partner sein?

Es ist alles offen. Es gibt die traditionellen Werbepartner, aber es gibt auch noch andere Partnerschaften. Eine industrielle Partnerschaft beispielsweise.

Was verstehen Sie darunter?

Der FC Wohlen ist in einer Industrie tätig, die sich Profifussball nennt. Innerhalb dieser Industrie gibt es mögliche Partnerschaften, die eine Win-win-Situation im sportlichen Bereich schaffen könnten. Ein Beispiel: Alle Teams der Super League unterhalten eine U21-Mannschaft. Dort hat es aber maximal zwei, drei Spieler drin, die den Durchbruch in den Profifussball schaffen werden. Die grossen Talente wie Shaqiri, Xhaka oder Embolo machten diesen Schritt bereits nach der U18. Der finanzielle Aufwand, eine U21 zu unterhalten, ist gross im Vergleich zum Ertrag. Wäre es für einen Super-League-Klub nicht sinnvoller, die Spieler mit Potenzial bei einem Partnerklub in der Challenge League zu platzieren – etwa dem FC Wohlen?

Gibt es konkrete Überlegungen, dass der FC Wohlen Farmteam eines starken Super-League-Vereins wird?

Wenn der FC Wohlen professionellen Fussball mit der ersten Mannschaft auf dem Platz erfolgreich umsetzen will, dann braucht es zusätzliche finanzielle Mittel. Dafür braucht es Partnerschaften – eine Werbepartnerschaft oder eben eine industrielle Partnerschaft. Am besten beides. Und ganz wichtig: Das zusätzliche Geld fliesst bei uns in die Strukturen und die Organisation, nicht in zusätzliche Spieler. Sie können davon ausgehen, dass im Bereich einer industriellen Partnerschaft bereits erste Kontakte stattgefunden haben – und zwar national wie international. Es gibt im industriellen Bereich ja noch mehr mögliche Partner als einen anderen Verein.

An wen denken Sie?

Es wird sicher kein Ölscheich kommen, es wird sicher auch sonst nicht irgendjemand kommen. Aber eine Mehrheitsbeteiligung ist nicht ausgeschlossen bei einer industriellen Partnerschaft. Dies wird im Moment aber verhindert durch die Statuten der Swiss Football League. Aber es gibt weltweit im Fussball grosse Bewegung. Durch die neuen Bestimmungen der Fifa dürfen bei Verträgen ab 1. April 2015 keine Drittpersonen mehr Rechte an den Spielern besitzen. Nur noch die Klubs. Es gibt also im Profifussball Investoren, die derzeit ein Problem haben und eine neue Art von Beteiligungen suchen müssen. Solche, die sich bisher an Spielern beteiligt haben. Es gibt in Deutschland Finanzinvestoren, die Spielerfonds gegründet haben. Das geht nun nicht mehr. Was also kann ein solcher Fonds künftig machen? Er kann zum Beispiel den FC Wohlen kaufen!

Ist das eine realistische Option?

Es bleibt dabei. Der FC Wohlen braucht neue, starke Partner im Sponsoring, um das Budget für einen professionellen Spielbetrieb zu stemmen. Wenn absehbar wird, dass wir dies nicht schaffen, dann ist das Projekt Profifussball in Wohlen gescheitert. Dann hören wir auf und fahren das Budget und die Ansprüche runter.

Haben beim FC Wohlen auch Drittpersonen Transfers finanziert?

Ja, natürlich haben wir das auch so gemacht. Die Vorfinanzierung von erwarteten Transfererträgen ist Teil des Geschäftsmodells des Profifussballs. Denn der FC Wohlen hatte in den letzten Jahren einen Finanzchef, der seine Einwilligung für einen Spielertransfer nur gab, wenn zuerst das Geld für die zusätzlichen Lohnkosten auf dem Tisch lag ... Das waren alles Risiko-Beiträge mit der Aussicht auf Erfolg. In der Vergangenheit hat niemand, der beim FC Wohlen in einen Spielertransfer investiert hat, Geld verloren.

Zurück zur Gegenwart: Das Budget für diese Saison beträgt 2,35 Mio. Franken. Ist man auf Kurs?

Wir haben noch keine Veranlassung, etwas zu korrigieren. Es ist möglich, dass es nun 2,39 Mio. sind.

Bereits der letzte Jahresabschluss der FC Wohlen AG wies um ein Haar eine Unterbilanz – weniger als 50 Prozent Eigenkapital – auf. Wie wollen Sie nach einer Saison, die sicher nicht günstiger wird, dieses Problem entschärfen?

Wir haben eine Erhöhung des Aktienkapitals um 165'000 Franken vorgenommen. Damit haben wir aber natürlich auch das Risikopotenzial erhöht. Rein aktienrechtlich können Sie als AG mit 51 Prozent Eigenkapital weiterarbeiten, ohne Anmerkung im Revisionsbericht. Das heisst, dass wir eine potenzielle Risikofähigkeit von 249'000 Franken haben. Nun haben wir bereits einen Verlustvortrag von 170'000 Franken. Unsere Risikofähigkeit beträgt daher noch 70'000 Franken. Das würde auf jeden Fall die Erfolgsprämien der Mannschaft abdecken. Andere Positionen müssten durch zusätzliche Erträge erwirtschaftet werden. Auch da bin ich grundsätzlich optimistisch. Die Stimmung im Umfeld ist positiv. Es wird anerkannt, dass wir für Wohlen und die Region ein positiver Wert sind.

Eine Möglichkeit, um die Bilanz zu entlasten, wäre die Aktivierung von Spielerwerten, wie dies mehrere Super-League-Teams praktizieren?

Das macht der FC Wohlen nicht. Kommt gar nicht infrage.

Der FC Wohlen hat 104 Aktionäre. Wie viele Aktien besitzen Sie selber?

Genügend.

Wenn ich Sie frage, wie viel Geld Sie persönlich in den Klub gesteckt haben, bekomme ich wohl keine Antwort?

Das ist so.

Aber der Betrag wird jedes Jahr höher?

Das ist unbedeutend. Wir haben in der AG entschieden, dass wir professionelle Strukturen aufbauen wollen. Und das muss finanziert sein. 50 Prozent der Vereine im Schweizer Profifussball sind durch Mäzene finanziert.

Der FC Wohlen hat also nicht einen grossen Mäzen, sondern 10 kleine?

Der FC Wohlen hat keine Mäzene! Unter Mäzen verstehe ich eine Person, die für die Jahresrechnung geradesteht. Bei uns hängt es nicht von einer Person ab. Und die Personen beim FC Wohlen haben in den letzten zehn Jahren kein Geld gegeben, das sie danach abgeschrieben haben. Es musste noch niemand Darlehensverzicht leisten und es musste noch keiner Ende Jahr Geld einschiessen, damit die Rechnung aufgeht.

Sie gelten in finanzieller Hinsicht als absolut seriöser und gewissenhafter Geschäftsmann. Setzen Sie mit der derzeitigen Strategie bei der FC Wohlen AG nicht Ihren Ruf aufs Spiel?

Nein, das mache ich doch nicht!

Und wenn es eines Tages heisst: Der Tschachtli hat den Stecker gezogen?

Das beschädigt meinen Ruf doch nicht, das stärkt ihn. Ich habe bei meinem Amtsantritt gesagt: Das ist das Projekt. Ob es aufgeht, weiss ich nicht. Vielleicht gehe ich als grosser Zampano, vielleicht als Totengräber des Profifussballs in die Geschichte des FC Wohlen ein.

Bis wann müssen Sie diese grundsätzliche Entscheidung treffen?

Das ist abhängig davon, was im Sommer geschieht. Wir haben nun noch drei Monate Zeit, um diese Strategie in Aktivitäten umzuwandeln und erfolgreich abzuschliessen, sodass sie für die nächste Saison bereits tragend sind. Dieser Zeitrahmen ist sehr eng. Das wird vermutlich nicht reichen. Wenn wir jetzt mit einem möglichen Partner zusammensitzen, dann planen wir also eher für das Jahr 2016. Gelingt das nicht, dann wird der FC Wohlen seine Mannschaft verbilligen müssen. Uns ist es kurzfristig letztlich egal, ob wir nun einen Werbepartner oder einen industriellen Partner finden, oder ob wir mit dem Verkauf eines Spielers einen relevanten Transfererlös generieren können. Aber wir müssen jetzt die finanzielle Sicherheit gewinnen, um die übernächste Saison planen zu können.

Dann ist die Super League für Wohlen doch eher eine Art Damoklesschwert?

Eine Saison in der Super League bestreiten gefährdet das längerfristige Projekt Profifussball in Wohlen. Die Zukunft des FC Wohlen ist ganz klar ein Profibetrieb in der oberen Tabellenhälfte der Challenge League. Dies und nichts anderes bleibt das erklärte Ziel.