Bezirksgericht Dietikon
Hellseher ergaunert über 156'000 Franken - vier Jahre Gefängnis

Dies hat ein Hellseher nicht vorausgesehen. Er hat laut Anklage Dutzende von Kunden mit erpresserischen Methoden um über 156'000 Franken geprellt und soll nun dafür für vier Jahre hinter Gitter.

Attila Szenogrady
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Mit einem Telefondienst bot der Angeklagte Hellseherei an (Themenbild).

Mit einem Telefondienst bot der Angeklagte Hellseherei an (Themenbild).

Keystone

«Ich habe in der Untersuchungshaft ein falsches Notgeständnis abgelegt», wehrte sich der heute 42-jährige Beschuldigte am Dienstag vor dem Bezirksgericht Dietikon. Unbestritten war, dass der gebürtige Aargauer zwischen 1998 und 2004 als Hellseher arbeitete und von Unterengstringen aus Telefondienste für Lebenshilfe, Parapsychologe und schwarze Magie anbot – anfänglich mit einem beachtlichen finanziellen Erfolg.

Als jedoch eine Hauptkundin, die ein ganzes Vermögen in den faulen Zauber investiert hatte, absprang und die Konkurrenz grösser wurde, geriet der Wahrsager in finanzielle Bedrängnis. Darauf verlegte er sich laut Staatsanwaltschaft auf kriminelle Methoden. So stellte er den meisten seiner früheren Kunden frei erfundene Rechnungen zu und drohte mittels vorgeschobenen Inkasso-Firmen nicht nur mit Betreibungen, sondern auch mit Enthüllungen der intimen Gespräche – sei es am Arbeitsplatz oder gegenüber den Ehepartnern.

Drei mal in Untersuchungshaft

Laut Anklage gaben Dutzende der über 100 Geschädigten dem Druck nach und überweisen dem Beschuldigten innerhalb von mehreren Jahren insgesamt 156 000 Franken. Zusätzlichen Forderungen von weiteren 166 000 Franken kamen andere Privatkläger nicht nach.

Der letztlich verzeigte Beschuldigte wurde seit Herbst 2009 von der Polizei gleich drei Mal in Untersuchungshaft gesteckt und verbrachte dabei insgesamt rund ein Jahr im Gefängnis. Ein psychiatrisches Gutachten ergab, dass der langjährige Parapsychologe unter einer dissozialen und narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet und gegenüber den Geschädigten ein herzloses Unbeteiligtsein an den Tag gelegt habe. Er habe zudem die Neigung, andere zu beschuldigen und eine Unfähigkeit zum Erleben von Schuldbewusstsein.

Der Beschuldigte machte am Dienstag vor den Schranken eine Lebenskrise und Depressionen für sein früheres Verhalten verantwortlich, schob aber die Schuld auf Drittpersonen ab, unter anderem auf seine frühere Rechtsanwältin. Heute arbeite er als Unternehmensberater und verdiene bis zu 5000 Franken im Monat, sagte er. Im Gefängnis habe er gewisse Vorwürfe nur zugegeben, um schnell wieder in die Freiheit zu gelangen, sagte er.

Der zuständige Staatsanwalt sprach von einem schweren Verschulden und verlangte wegen gewerbsmässiger Erpressung und weiteren Delikten eine hohe Freiheitsstrafe von vier Jahren. «Der Beschuldigte hat unzählige Geschädigte geplagt und ausgenommen», führte der Ankläger aus.

Urteil wohl erst nächstes Jahr

Der Verteidiger hingegen verlangte Freisprüche von den Hauptvorwürfen. Bereits sein Klient hatte sich auf die Arbeitsweise von Mike Shiva berufen, der heute als Erfolgs-Wahrsager gilt. Die Verteidigung räumte eine chaotische Organisation des Beschuldigten ein, verneinte aber den kriminellen Charakter des Vorgehens. Das Gericht zog sich nach den Plädoyers zur geheimen Urteilsberatung zurück. Voraussichtlich wird es den Entscheid nach den Festtagen im nächsten Jahr eröffnen.

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