Lenzburg
Helikopterflug bestätigt: Lenzburger Schlossberg bröckelt ab

Ein zweieinhalb Tonnen schwerer Felsbrocken stürzte ab. Für Passanten besteht kaum Gefahr. Jetzt müssen am Lenzburger Schlossberg Sicherheitsmassnahmen getroffen werden.

Heiner Halder
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Rund 2,5 Tonnen wiegt der Felsbrocken, welcher am Schlossfelsen abrutschte. HH.

Rund 2,5 Tonnen wiegt der Felsbrocken, welcher am Schlossfelsen abrutschte. HH.

Kein Grund zur Panik: Schloss Lenzburg rutscht nicht bergab. Der kleine Felssturz unter der Südbastion und immer wieder herabrollende Steine erfordern indes Sicherheitsmassnahmen auf dem Rundweg rings um den Schlossberg.

Geologische Studien wurden schon zuvor vorgenommen, der letzte Woche abgebrochene rund 2,5 Tonnen schwere Felsbrocken bestätigt nun den Handlungsbedarf.

Historie: Witwe Emilie Wedekind wehrte sich gegen Sicherheitsmassnahmen

Die Sicherheit des Schlossfelsens war vor 130 Jahren schon ein Thema. Der Bergsturz von Elm anno 1881 mit 115 Toten und unermesslichem Gebäudeschaden im Dorf alarmierte den Lenzburger Stadtrat. Er bestellte, um einer Panik im Städtchen vor einem allfälligen Schloss-Bergsturz vorzubeugen, beim Aarauer Kantiprofessor Friedrich Mühlberg ein geologisches Gutachten.
Dieses stellte fest, dass die mittlere Meeresmolasse, auf der das Schloss erbaut ist, sehr dauerhaft und witterungsbeständig ist. Hingegen sei die Unterlage aus weicherem Sandstein der Verwitterung durch Regen und Wind ausgesetzt. Weitere Untersuchungen wurden empfohlen.
Die Steinbruchbetreiber von Othmarsingen und Dottikon als Fachleute hielten Sicherheitsmassnahmen bei den überhängenden Felsen für notwendig; Offerten rechneten mit 27 000 und 42 000 Franken. Der Stadtrat bat nun den Grossen Rat, für die Finanzierung zu sorgen. Die Finanzdirektion kam auf einen Bedarf von 5000 Franken.
Diese Perspektive machte die eigentliche Nutzniesserin, Schlossherrin Emilie Wedekind, allerdings sehr ungehalten. Nach dem Tod ihres Mannes Dr. Friedrich Wilhelm Wedekind 1888 war sie gezwungen, das Schloss rasch und günstig zu verkaufen. Da passten Zweifel an der Stabilität des Schlosses nicht in ihre Pläne, und sie wehrte sich gegen weitere Untersuchungen im Zusammenhang mit dem Reservoirbau.
Es entwickelte sich ein Rechtsstreit mit Stadtrat, Bezirksamt und Kanton, welcher mittels Petition von der Stadt gewonnen wurde. Witwe Wedekind war unterdessen mit dem Amerikaner August Edward Jessup ins Geschäft gekommen, das indes scheiterte, weil dieser beim Kaufabschluss nicht von «dem Gefahr drohenden Zustand des Schlossfelsens Kenntnis hatte».
Emilie Wedekind beklagte, dass sie durch die nicht notwendigen Reparaturen «ins Unglück gestürzt», «das Besitztum entwertet» und ihre «ganze Existenz vernichtet» wurde. Finanzdirektor Riniker vermittelte darnach mit Erfolg, und Schloss Lenzburg kam schliesslich für 120 000 Franken doch noch in den Besitz des «kunstinnigen, baulustigen und reichen Amerikaners» - ein guter Steuerzahler und leistungsfähiger Besitzer, welcher das Schloss «zu einer Zierde des Aargaus machen wird».
Die Sanierungskosten wurden zwischen Gemeinde und Kanton geteilt. (HH.)
(Quelle: Edward
Attenhofer, Lenzburger
Neujahrsblatt 1957)

Bestätigung aus der Luft

Der Helikopter brachte es an den Tag: Nachdem dem Stadtbauamt eine Häufung vom Felskopf heruntergekollerter Steine aufgefallen war, bestätigte ein Rundflug, dass der Schlossberg stellenweise bröckelt.

Tiefbauchef Christian Brenner legt grossformatige Beweis-Fotos vor. Deutlich sichtbar sind Partien, wo an den Nahtstellen, am Übergang von gewachsenem Fels und vor Jahrzehnten angebrachten Mauern, das Gestein locker geworden ist.

Es handelt sich dabei nicht um eigentliche Stützmauern, vielmehr wurden sie angebracht, um die unterschiedlich stabilen Schichten des Muschelsandsteins (Muschelkalk) wo nötig vor der Verwitterung, verursacht durch Wasser, Feuchtigkeit und Frost, zu schützen.

Das geologische Gutachten wird nun vertieft und vervollständigt. Selbstverständlich sollen nun nicht etwa Betonmauern aufgepflastert werden – das wäre ohnehin kontraproduktiv. Die Sanierung erfolgt wohl durch hergebrachte Trockenmauern.

Rundweg weiter benützbar

Als erste Massnahme ist die Abbruchstelle unter der Südbastion abgesperrt worden. Christian Brenner versichert, dass das Risiko für Fussgänger gering ist und der Rundweg weiterhin benutzt werden kann. Es bestehe kein Grund, die Sache zu dramatisieren.