Paralympische Spiele
Heinz Frei schimpft über Rio-Organisatoren: «So etwas habe ich noch nie erlebt»

Der Frust über die verpassten Medaillen an den Paralympics in Rio sitzt beim 58-jährigen Solothurner Heinz Frei noch tief. Er lässt an den Organisatoren kein gutes Haar.

Michael Schenk
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Heinz Frei (58) beim Handbike-Rennen an den Paralympics in Rio. Noch jetzt ärgert er sich über den gefährlichen Streckenverlauf.

Heinz Frei (58) beim Handbike-Rennen an den Paralympics in Rio. Noch jetzt ärgert er sich über den gefährlichen Streckenverlauf.

zvg

Im Zeitfahren und Strassenrennen hing die paralympische Medaille fast schon um den Hals von Handbiker Heinz Frei. Doch dann kam alles ganz anders.

Die Paralympics in Rio – seine neunten; sechsmal war er zudem an Winterspielen – werden dem in Oberbipp lebenden Etziker Heinz Frei immer in ganz besonderer Erinnerung bleiben.

Nicht weil es die stimmungsvollsten gewesen wären. Nein, das war in London und in Peking. Viele Wettkämpfe fanden in Rio vor arg leeren Tribünen statt. «Bei den Bikern wurde sogar der Zielraum abgesperrt, sodass gar keiner hinkam», erzählt Frei. Man stelle sich das bei einem Tour-de-France-Etappenort vor.

Der Einstieg in die Solothurn-Moutier Bahn
22 Bilder
Fröhliche Begegnungen im Zug
Zwischen Perron und Zug liegt ein kleiner Abgrund
Der Ausstieg ist nicht ohne und erfordert Kraft
Heinz Frei ist mit dem Behinderten WC in der Talstation zufrieden
Mit dem Lift geht's hoch zum Einstieg in die Gondeln
Gibt es irgendwo Schwellen, die einen Rollstuhlfahrer behindern könnten
Hier gelingt der Einstieg mühelos
Die Türen sind breit genug
Die Beobachtungen werden genau festgehalten
Die Beobachtungen sind zufriedenstellend
Die grossen Fenster ermöglichen auch Rollstuhlfahrern eine gute Aussicht
Der Weg zum Kurhaus ist ein Kinderspiel für Heinz Frei
Schneidet auch der Zugang zum Kurhaus gut ab
Das Fernglas ist viel zu hoch, keine Chance für einen Rollstulhfahrer durchzublicken
Gipfelstürmer: Rollstuhlfahrer Heinz Frei testet den Weissenstein
Heinz Frei lobt die Möglichkeiten auf dem Solothurner Hausberg
Der Einstieg ins Restaurant ist nur mit Hilfe zu bewältigen
Hier klappt der Einstieg problemlos
Ein Behinderten WC gibts nur auf der Damentoilette
Die Herrentoiletten sind zu schmal. Die Tür bringt Heinz Frei nicht mehr zu
Ein Erinnerungsfoto der Gondelstation

Der Einstieg in die Solothurn-Moutier Bahn

Hanspeter Bärtschi

Ewig der Paralympics in Brasilien gedenken wird der Mann, der mit 20 bei einem Berglauf verunfallte, auch nicht, weil es seine erfolgreichsten waren. Im Gegenteil, in Rio blieb der 15-fache paralympische Goldmedaillengewinner in den Sparten Leichtathletik, Handbike, Langlauf sowie 19-fache Silber- und Bronzemedaillengewinner ohne Edelmetall.

Und Rio war auch nicht einzigartig, weil Heinz Frei an der Copacabana fantastisch gegessen hätte. «Die Spaghetti waren wässerig, aber es war gut und für jeden war etwas dabei.»

Unfassbare Strecken

Überhaupt nicht gut, gar übelst, war die Streckenplanung und -führung bei den Rad- und Bikerennen. Da hatte es haarsträubende Haarnadel-Kurven und steile, unübersichtliche Abfahrten, die nicht wirklich von jemanden geplant sein konnten, der viel von paralympischem Sport versteht. «So etwas habe ich noch nie erlebt und gesehen; in meiner ganzen Karriere nicht», sagt Frei.

Er könne sich nicht erklären, wie solche Strecken vom Rad-Weltverband (UCI) abgenommen werden konnten. Den Iraner Bahman Golbarnezhad kostete diese hanebüchene Strecke sogar das Leben. Der 48-Jährige stürzte auf einer Abfahrt des Strassenrennens und fiel auf den Kopf. In dem Sinn hatte Heinz Frei viel Glück, dass es ihn «nur» zwei Medaillen kostete.

0,22 Sekunden

Trotzdem und auch wenn Frei sagt, «ich durfte in Rio Medaillen gewinnen und musste nicht», sitzt bei ihm der Frust über das so widrig verpasste Edelmetall noch tief. «Ich war mit 58 Jahren in Topform und stark genug, um aufs Podest zu fahren», sagt er. Letztlich fehlten ihm beim Zeitfahren 0,22 Sekunden auf Bronze und 1,2 auf Silber. «Auch sowas habe ich so nie erlebt. Das ist auf 20 Kilometer ein Wimpernschlag.»

Wo er die Zeit «liegen» liess weiss Frei haargenau. «Bei den zwei extrem engen Wendepunkten hatte ich mit meinen langen Beinen Mühe.» 10 bis 12 Sekunden hätte es schneller gehen können, meint Frei. Auch im Strassenrennen lag der Solothurner auf Medaillenkurs, bis sieben Fahrer praktisch gleichzeitig in die zweitletzte Kurve reinzogen und Frei nur mit einem Ellbogen als unfreiwillige Stütze einen Sturz vermeiden konnte.

Zum «Abrunden» der podestresistenten Spiele fuhren Frei und seine Kollegen im Team-Wettkampf auf den 4. Rang.

Für einen solch ehrgeizigen und supererfolgreichen Rollstuhlsportler wie Heinz Frei ziemlich deftige Kost. Um sich selbst etwas Gutes zu tun, startet der Referent und Nachwuchs-Coach am Paraplegiker-Zentrum Nottwil dieses Wochenende am Berlin-Marathon. 20 Mal hat Frei den «Berliner» bereits gewonnen. Wer weiss, vielleicht klappts ja mit dem 21. – an der Strecke wird es in diesem Fall nicht liegen.

Wie es in seiner sportlichen Laufbahn weitergeht, lässt Frei offen. «In vier Jahren bin ich 62, und ob ich dann noch einmal an den Paralympics mit dabei sein werde, so kompetitiv wie in diesem Jahr meine ich, ist schwer vorzustellen.» Aber schauen wir mal.

Ohne Sport in die Ferien

Nach dem Berlin-Marathon und einem weiteren Rennen in Japan wird erst einmal Ferien gemacht. Ganz besondere Ferien: «Ich werde das erste Mal seit 30 Jahren ohne Sportgerät in die Ferien fahren und mal schauen, wie das so ist», lacht die Rollstuhlsport-Legende.

Das könnte möglicherweise irgendwann ganz schön nervig werden für sein Umfeld ... Danach will Heinz Frei auf jeden Fall seine Therapie-Stunde, wie er die jeweils erste Trainingsstunde des Tages nennt, beibehalten. Die folgenden Stunden, die zuletzt dem Spitzensport dienten, müssen dann nicht mehr unbedingt sein. Schon gar nicht bei jedem Wind und Wetter.

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