Niederbipp
Haus Tobias: «An Grenzen der Leistungsfähigkeit gekommen»

Die Vorwürfe, die auf dem Haus Tobias lasten, erschüttern. Sechs schwerbehinderte Bewohner sollen misshandelt worden sein. Ehemalige Mitarbeiter sagen, dass der Heimleiter seit dem Tod seiner Frau überfordert gewesen sei.

Lucien Fluri
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Der Eingangsbereich des «Hauses Tobias» in Niederbipp: Hier sollen Menschen mit schwerer Behinderung misshandelt worden sein. uby

Der Eingangsbereich des «Hauses Tobias» in Niederbipp: Hier sollen Menschen mit schwerer Behinderung misshandelt worden sein. uby

Solothurner Zeitung

15 Jahre lang befand sich im über zweihundertjährigen Hochstudhaus an der Hintergasse in Niederbipp ein Heim für Schwerbehinderte. Ende Jahr verfügten die Behörden die Schliessung des «Hauses Tobias». Die Vorwürfe, die auf dem Haus lasten, erschüttern: Die sechs schwerbehinderten Bewohner des Heimes sollen misshandelt worden sein, wie die «Berner Zeitung» ehemalige Mitarbeiter des Heimes zitiert.

In einem Fall soll ein Bewohner am Nacken gepackt und sein Gesicht in einen Teller mit Essen gedrückt worden sein. Der Sohn des Heimleiters, der als Koch im Heim angestellt war, soll Faustschläge und Tritte gegen die Heimbewohner angewendet haben. Hätten die Bewohner nicht essen wollen, seien sie bis zum Erbrechen zum Essen gezwungen worden.

Keine näheren Angaben dazu will das kantonale Alters- und Behindertenamt machen. «Zum Schutz der betroffenen Personen erfolgen keine weiteren Informationen», schreibt das Amt in einer Medienmitteilung. Gewiss ist jedoch: Die Behörden schlossen das Heim kurz vor Jahresende Knall auf Fall – und definitiv.

Ein seltener Vorgang: Zuletzt kam es vor vier Jahren zur Schliessung eines Heimes, wie Claus Detreköy, Leiter Abteilung Erwachsene Behinderte, erklärt. Für alle sechs Bewohnerinnen und Bewohner konnte ein neues Zuhause gefunden werden.

Aufgrund einer Überforderungssituation habe das Wohl der Behinderten nicht mehr gewährleistet werden können, erklärte Markus Loosli, Vorsteher Alters- und Behindertenamt Bern, gegenüber dem Schweizer Fernsehen. Worin diese Überforderung bestand, will das Amt nicht präzisieren. Claus Detreköy ergänzt lediglich: «Das Arbeiten mit Behinderten ist sehr herausfordernd.»

Mitarbeiter erstattete Anzeige

Bereits im April 2010 hatte das «Haus Tobias» auf seiner Homepage Andeutungen in diese Richtung gemacht: «Doch wir sind im ‹Haus Tobias› an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit gekommen, zumal es nicht leicht ist, Menschen zu finden, welche die damit verbundenen Aufgaben seriös und konsequent aufgreifen und bewältigen möchten und können.»

Ehemalige Mitarbeiter sagen, dass der Heimleiter seit dem Tod seiner Frau 2007 überfordert gewesen sei. Man habe zuvor keine Anzeichen gehabt, erklärt dagegen Detreköy. Die Behörde sei laufend in Kontakt mit den Heimen; jedes Jahr würden die Leistungsvereinbarungen neu ausgehandelt, so Detreköy.

Auslöser für das Einschreiten des Alters- und Behindertenamtes war offenbar eine Anzeige aus der Mitarbeiterschaft des Heimes, wie Detreköy bestätigt. Auch die Gemeinde Köniz, die ein Mündel im «Haus Tobias» zur Betreuung untergebracht hatte, meldete sich bei der kantonalen Gesundheitsdirektion (GEF).

Ueli Studer, Gemeinderat und Sozialvorsteher in Köniz, erhielt am 30. Dezember von einem Mitarbeiter des «Hauses Tobias» einen telefonischen Hinweis über die Zustände im Heim. Studer hat sofort reagiert: «Wir haben eine Meldung an die GEF gemacht. Parallel gingen wir vor Ort und haben unser Mündel abgeholt.»

Zu den Vorwürfen will Studer keine Angaben machen: «Sie sind Gegenstand weiterer Abklärungen.» Ob die Schliessung für den Heimleiter auch strafrechtliche Konsequenzen hat, ist nicht klar. Detreköy betont, dass es sich um eine aufsichtsrechtliche Schliessung handle. Das Aufsichtsrecht sei strenger als das Strafrecht, eine strafrechtliche Handlung müsse nicht stattgefunden haben. Der Heimleiter war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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