Rheinau
Gottfried Kellers flüssiges Erbe: Rheinau produziert Wein von Staates Gnaden

Seit 150 Jahren produziert die Staatskellerei Zürich in Rheinau Weine. Seit kurzem sind sie gut. Die Geschichte der Staatskellerei ist eng verknüpft mit derjenigen der Psychiatrischen Klinik Rheinau.

Michael Rüegg
Merken
Drucken
Teilen
Vor der Kulisse der Barockkirche des ehemaligen Klosters Rheinau entstehen die Weine der Zürcher Staatskellerei.

Vor der Kulisse der Barockkirche des ehemaligen Klosters Rheinau entstehen die Weine der Zürcher Staatskellerei.

Zur Verfügung gestellt

Rheinau in Zürichs Norden ist bloss ein Zipfelchen auf der Landkarte. Der namensgebende Fluss schlingt sich um die Halbinsel mit ihrer winzigen Altstadt. Das andere Ufer rundherum gehört dem grossen Kanton. Pflichtbewusst schickt der Telefonanbieter bereits eine Liste mit Roaming-Tarifen für Deutschland via SMS.

Auf einer Insel thront das einstige Sorgenkind des Kantons Zürich, das ehemalige Kloster Rheinau. Daneben, landseitig, ein anderes früheres Sorgenkind: die Staatskellerei. Doch wo einst grenzwertige Sauertröpfchen lagerten, entstehen heute Weine, die hiesige Gaumen erfreuen. «An der letzten Expovina haben wir mehr Zürcher Weine verkauft als solche aus Übersee», sagt Christoph Schwegler. «Wir», das ist letztlich der Mövenpick-Konzern. Ihm gehört die Staatskellerei seit 1997. Und Schwegler führt seit bald fünf Jahren ihre Geschäfte aus einem kleinen Büro im Nebengebäude des Kellers heraus.

Ein Kellermeister wie Hercule Poirot

Der riesige Gewölbekeller selber ist das Reich von Werner Kuster, Kellermeister. Die feine Nase bildet einen Kontrast zur kräftigen Statur. Mit seinem geschwungenen und zur Spitze gedrehten Schnurrbart sieht er aus wie Hercule Poirot. Ein leidenschaftlicher Pétanque-Spieler sei er, sagt sein Chef, und ein begnadeter Koch und Anhänger der französischen Cuisine. Nach Frankreich, genauer Bordeaux, wäre Kuster fast abgeschlichen. Damals, in den Neunzigerjahren. Der Kaufvertrag für ein kleines Weingut lag bereits vor. Kuster hatte bereits einige Jahre als Kellermeister auf dem Buckel, doch die Staatskellerei vegetierte im kantonalen Inventar dahin und schrieb Zahlen, die jeden Pinot Noir in Röte übertrafen.

1997 übernahm Mövenpick den Betrieb. Von da an ging es bergauf, Schritt für Schritt. Kellermeister Kuster blieb angesichts der neuen Ausgangslage in Zürich. Er erzählt von miesen Ernten, die er vor dem Verkauf übernehmen musste: «Manchmal haben wir eine Staubmaske getragen, so verschimmelt waren die Trauben gewisser Weinbauern.» Doch sobald er eine Lieferung ablehnte, kam von irgendwoher politischer Druck. Ein alter Zopf, den die Staatskellerei unter der neuen Besitzerin abschnitt, teils gegen massiven Widerstand von Winzern, die sich an die komfortablen Verhältnisse und geringen Qualitätsansprüche gewöhnt hatten.

Heute bezahlt die Staatskellerei ihre Winzer nicht mehr nach dem Öchslegrad, sondern nach der allgemeinen Reife der Trauben. «Der Zuckergehalt allein sagt noch nichts über die Qualität der Trauben aus», so Kuster. Kernreife und Gerbstoffe will er haben. Aus dem Unterland und dem Weinland kommen die Trauben, aber auch aus dem Limmattal: «Einen Teil der Ernte beziehen wir aus Weiningen», so Kuster.

Gottfried Keller sei Dank

Wein wird in Rheinau schon seit Hunderten Jahren hergestellt. Es war Abt Theobald Werlin, der 1585 den grossen Keller bauen liess. Seine Nachfahren, die beiden letzten Mönche, verliessen den Klosterkomplex 1862. Der damalige Staatsschreiber Gottfried Keller, diversen Quellen zufolge dem Genuss von Alkoholika nicht abgeneigt, verfasste die Beschlüsse, damit das Kloster in eine «Heilanstalt» und der Keller in einen «Staatskeller» umgewandelt wurden.

Der hier produzierte Wein war jedoch lange kein Genuss, sondern ein Lebens- und Heilmittel. Kein Wunder, brauchte die Staatskellerei einige Jahrzehnte, um vom Massen- zum Qualitätsdenken zu gelangen. Den grössten Sprung machte sie wohl innerhalb der letzten paar Jahre. Doch auch das brauchte seine Zeit, wie Christoph Schwegler sagt. Auf seine Weine ist er heute stolz. «Noch vor Jahren habe ich bei Zürcher Wein die Nase gerümpft. Dann kam das Angebot, hier zu arbeiten.» Schwegler mistete das Sortiment aus, liess zahlreiche Tropfen sterben und tüftelte an neuen herum. Besonderen Gefallen hat er am «Compleo» gefunden. «Er ist Wein des Jahres bei Mövenpick», sagt er. Eine Cuvée aus Pinot Noir, Diolinoir und Cornalin. Man liest von Kirschfrucht, cremigem Gaumenfluss und Noten von Nougattruffes. Ein gefälliger Wein, der harmonieverwöhnte Gaumen entzückt. So etwas wie ein flüssiger PR-Beauftragter für den Weinbaukanton Zürich ist der «Compleo».

Doch das erfolgreichste Pferd im Stall ist noch immer der weisse Staatsschreiberwein, der Gottfried Kellers Unterschrift trägt. «Er ist der meistverkaufte Deutschschweizer Weisswein», erklärt Schwegler. Ein Pinot Noir mit Riesling-Sylvaner sowie kleinen Mengen Muscat und Gewürztraminer.

Die roten Zahlen von einst sollen sich vor nicht allzu langer Zeit schwarz gefärbt haben. Und an den Ausstellungen dieser Welt heimsen die Weine der Staatskellerei Preise ein. Die Anerkennung ist da, doch für Kuster und Schwegler geht die Arbeit weiter. Im Keller haben diverse Stahltanks längst den Barrique-Fässern Platz gemacht. «In Zukunft will ich Eichenfässer aus Zürcher Holz haben», erklärt Kellermeister Kuster. Eines der besten Eichenhölzer wächst einen Steinwurf entfernt in der Zürcher Gemeinde Marthalen. «Ich habe bereits Holz eingelagert für die Fassherstellung», sagt der Kellermeister. Wenn er einen Küfer findet, der gut genug ist, lässt er die Fässer hier herstellen. Ansonsten wird Kuster das Holz auf einen Laster laden und nach Frankreich fahren.

Weitere Informationen finden Sie unter www.staatskellerei.ch