Nur eine Bachelorarbeit
«Gokart-Gang» gibt es gar nicht: Zwei Zürcher Studenten narren eine ganze Stadt

Es gibt sie nicht, die irre Gokart-Gang, die das nächtliche Zürich unsicher macht. Es gibt keine gepimpten Rides, keine Rennen mit anschliessenden Raves, kein neuer Underground-Trend. Die Videos davon wurden von zwei Filmstudenten der ZHdK produziert, verfälscht und gezielt medial verbreitet – als Bachelor-Abschlussarbeit.

Rafaela Roth
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Über mehrere Wochen hielt die neue Gokart-Gang Zürich in Atem: Die gepimpten Gokarts tauchten angekettet in verschiedenen Ausgehvierteln der Stadt auf, auf Youtube und bald auf Facebook kursierten Videos der Gang, wie sie die nächtlichen Zürcher Hügel runtersausen und dabei sogar geblitzt werden. Später wurde per Facebook zum Gokart-Massenrennen aufgerufen.

Alles nur ein Fake: Die Zürcher Gokart-Gang hat es nie gegeben. Deren mediale Inszenierung war die Bachelorarbeit von Michael Schwendinger (links) und Alun Meyerhans.

Alles nur ein Fake: Die Zürcher Gokart-Gang hat es nie gegeben. Deren mediale Inszenierung war die Bachelorarbeit von Michael Schwendinger (links) und Alun Meyerhans.

nicolas büchi/zhdk/watson.ch

Die Zürcher Verkehrsbetriebe prüften eine Strafanzeige, weil sich die Jungs auf ihren Gokarts von Trams den Berg hinauf schleppen liessen. Die Stadtpolizei warnte vor den Gefahren, «Tele Züri» filmte am Tatort, im «Blick» warnte der Polizeisprecher, der deutsche «Spiegel» sowie der «Stern» berichteten, sogar amerikanische Medien nahmen das Thema auf.

Auch die az schrieb irgendwie fasziniert über die offenbar neue Gang. Bis gestern Donnerstagabend, als zwei Filmstudenten an der Zürcher Hochschule der Künste am Telefon erklärten, dass das nur ein Fake war. Wir haben Michael Schwendinger (25) und Alun Meyerhans (26) zum Interview getroffen.

Ihr habt uns alle getäuscht!

Alun: (lacht) Ja, das haben wir. Das war aber nicht unser Hauptziel.
Michael: Aber wir möchten betonen, dass weder Personen noch Sachen zu Schaden gekommen sind. Wir hatten auch keine böse Absicht.
Alun: Es tut uns auch ein wenig Leid.

Ach was, ihr habt euch bestimmt ganz schön ins Fäustchen gelacht.

Michael: Ganz ehrlich? Es gab einen Moment, an dem es uns selber unheimlich wurde.
Alun: Wir haben es zwar gehofft, aber trotzdem nicht erwartet, dass wir auf ein derartiges mediales Echo stossen würden.
Michael: Wir haben uns mit unseren Dozenten zusammengesetzt. Sie haben uns versichert, hinter uns zu stehen und uns motiviert, weiter zu machen.

Es war also wirklich alles nur ein Fake? Es gibt keine Gokart-Gang?

Alun: Nein.

Ihr fahrt nicht mal ein kleines bisschen Gokart?

Alun: Nein.

Aber es gibt Videos davon.

Michael: Ja, natürlich sind unsere Schauspieler für die Filme Gokart gefahren. Wir haben etwa 14 Tage lang gedreht. Aber die Kinder-Gokarts fahren höchstens 20 km/h, oben und unten standen Leute Wache und warnten per Walkie-Talkie vor Autos.

Im Video wird ein Fahrer bei über 50 km/h geblitzt.

Michael: Das haben wir gefaked. Wir haben einen externen Fotoblitz an dem mobilen Blitzkasten montiert und ihn ausgelöst, während wir ganz gemütlich daran vorbei gefahren sind.

Die Stadtpolizei hat verlauten lassen, die Bilder aus dem Blitzkasten könnten nicht ausgewertet werden, weil die Leute Helm tragen und die Gokarts keine Nummernschilder.

Alun: Ja.

In den Videos sieht es aus, als würden die gepimpten Gokarts unglaublich schnell fahren.

Michael: Das ist alles eine Frage des Schnitts und das haben wir ja studiert. Wir haben die Aufnahmen viel schneller laufen lassen, schnelle Schnitte gemacht, sehr viel retouchiert, den Sound überzeichnet.

Und dann habt ihr die Videos gezielt gestreut.

Alun: Ja, das ganze war akribisch geplant.
Michael: Wir haben die Redaktionen angeschrieben, die Video-Links verteilt, Leserreporter verschickt, an einige Redaktionen sogar per Handschrift. Wir haben bewusst an einem Feiertag damit begonnen, weil es dann wenig News gibt.
Alun: Geholfen hat uns die erfunden Person Luis Lienhard, dessen Facebook-Profil wir mehrere Monate im Voraus bespielten, der mit allen hippen Menschen in Zürich befreundet war und als Filmemacher auftrat, der die Möglichkeit erhielt, die Gokart-Gang zu begleiten.

Was war eure Absicht?

Michael: Wir wollen einen urbanen Mythos kreieren und ihn medial verbreiten.
Alun: Das Phänomen FOMO steht in unserer Arbeit im Zentrum. FOMO ist eine Abkürzung für Fear of Missing Out, also die Angst, Happenings zu verpassen – das neue Pop-up-Restaurant, die Vernissage, die beste Party, die coolste Gästeliste. Ein in Zürich weit verbreitetes Phänomen.

Was hat das mit der Gokart-Gang zu tun?

Michael: Die Gokart-Gang war eine coole Underground-Szene, ein wenig illegal und gefährlich, verbunden mit viel Spass. Die Leute sollten denken «shit, da passiert was mega cooles und ich hab's verpasst». Sie werden mit ihrer FOMO konfrontiert.
Alun: Und Luis Lienhard war der FOMO-Charakter, weil er mit all den coolen Menschen, Partyveranstaltern und DJ's befreundet war und das Video gepostet hat.

Wie viele Leute haben sich für das Rennen, das nächste Woche hätte stattfinden sollen, angemeldet?

Alun: Ungefähr 80.
Michael: Wir werden sie zu Wurst und Bier einladen und ihre Daten dann löschen.

Habt ihr kein schlechtes Gewissen?

Michael: Nein. Uns ging es darum aufzuzeigen, dass man nicht immer alles glauben soll, was man sieht: «Don't believe the Hype».
Alun: Da schwingt auch Medienkritik mit. Online-Newsportale müssen derart schnell sein, dass Informationen oft nicht abschliessend geprüft werden. Auch die Konsumenten erwarten immer schnellere News.

Wie hätte man darauf kommen können, dass die Videos fake sind?

Michael: Das wäre tatsächlich sehr schwierig gewesen. Aber zum Beispiel hing der mobile Blitzkasten nicht mehr, als wir auf Youtube so taten, als wäre das Video letzte Nacht entstanden. Das war aber Zufall. Wir wollten ja, dass es so funktioniert.
Alun: Mit der Auflösung jetzt soll man sich diese Fragen stellen: Die Medien, wie sie mit gefälschten Videos und Bildern umgehen sollen. Die Konsumenten, was sie eigentlich von Medien erwarten und die Menschen, inwiefern sie die Angst, etwas zu verpassen umtreibt.
Michael: Und uns selber nehmen wir da überhaupt nicht aus. Wir konnten das alles ja nur allzu gut faken, weil wir es von uns selber kennen.

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