Dietikon
Gefängnisseelsorger Martin Zürcher: «Ich nehme Druck aus dem Gefängnis»

Martin Zürcher ist Seelsorger im Gefängnis Limmattal. Er sucht nach dem guten Kern der Kriminellen.

David Egger
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Für den Fotografen nimmt Martin Zürcher Platz am Tisch in einer Zelle des Gefängnisses Limmattal.

Für den Fotografen nimmt Martin Zürcher Platz am Tisch in einer Zelle des Gefängnisses Limmattal.

Mario Heller

Im vierten Geschoss des Gefängnis Limmattal arbeitet der reformierte Seelsorger Martin Zürcher jeden Dienstagmorgen und spricht mit den Häftlingen, vor allem mit den Jugendlichen. An einem Dienstagmorgen war es auch, als ein Gefängnisaufseher aufwachte und merkte, dass die Aufseherin Angela Magdici zusammen mit dem syrischen Häftling Hassan Kiko das Gefängnis verlassen hatte. Das war am 9. Februar.

Martin Zürcher, wie haben Sie den 9. Februar erlebt?

Martin Zürcher: Ich habe frühmorgens einen Anruf erhalten. Die Polizei sei im Gefängnis, ich solle nicht zur Arbeit kommen. Erst am Abend habe ich in den Medien von der Flucht gelesen.

Wie beschäftigt Sie die Flucht?

Ich habe viel mit dem Personal gesprochen, für sie ist die Situation ein grosser Stress. Die Aufseher müssen einander vertrauen. Dieses Vertrauen wurde missbraucht. Dazu kommt, dass plötzlich eine Mitarbeiterin fehlt und man diese Lücke füllen muss. Neu müssen zwei Aufseher wach bleiben, was mehr Nachtschichten zur Folge hat. Das Personal muss die Flucht ausbaden.

Wurden Sie mit Fragen gelöchert?

Direkt nach der Flucht haben mich viele Menschen aus meinem Umfeld darauf angesprochen. Doch ich habe Herrn Kiko nicht gekannt. Wahrscheinlich habe ich ihn an der Weihnachtsfeier im Gefängnis gesehen. Aber wir hatten nie miteinander zu tun.

Aber die Aufseherin, Angela Magdici, mit ihr hatten Sie sicher zu tun.

Ich habe sie im Lift gesehen und in der Pause. Sie arbeitete auf einer anderen Abteilung als ich. Von dem her hatte ich keine persönliche Betroffenheit. Aber es hat mich schon stark beschäftigt, weil jemand von den Mitarbeitern an der Flucht beteiligt war. Es ist dramatisch. Wir wissen nicht, was aus den beiden geworden ist. Alles ist möglich.

Haben Sie auch schon Fehler gemacht?

Jeder macht Fehler. Aber wir werden sehr genau geschult. Es wurden schon Seelsorger strafrechtlich verurteilt, die Briefe nach aussen trugen. Ich habe mich nie zu so etwas hinreissen lassen. Es gefährdet meinen Job und das Ansehen des Berufsstandes. Man muss Manipulationsversuche schnell erkennen. Aber klar, ich werde immer wieder gebeten, beim Richter ein gutes Wort einzulegen oder Zigaretten mitzubringen.

Im Gefängnis arbeiten auch ein katholischer Seelsorger und ein Imam. Reden Sie selber nur mit den Reformierten?

Nein, der Katholik und ich sind für alle da. Es hat relativ wenige Reformierte im Gefängnis. Wir haben etwa einen Drittel Muslime. Ich hatte auch schon mit Buddhisten, Hindus und zoroastrischen Iranern zu tun. Da kommt mir mein Job als Religionslehrer entgegen. Ich kenne mich aus mit den verschiedenen Religionen.

Sie haben vor allem mit Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen zu tun. Wie unterscheiden sie sich?

Bei den Jungen ist noch viel Potenzial vorhanden, um wieder aus der Kriminalität herauszukommen. Sie haben das Leben vor sich. Wenn ich aber mit Drogenabhängigen spreche, die schon seit zehn oder zwanzig Jahren immer wieder im Gefängnis sitzen, dann wird es sehr schwierig, etwas zu verändern.

Sehen die Jungen das Potenzial? Oder sind Sie einfach der, der es ihnen einzuhämmern versucht?

Ich sehe mich als Anwalt der Hoffnung. Wer entwurzelt ist, die Sprache nicht kann, in der Schule schlecht war, für den ist es schwieriger, eine Chance zu sehen. Wer aus einer guten Familie kommt und einfach einmal vom Weg abgekommen ist, dem mag es etwas leichter fallen. Im Gefängnis bin ich der einzige, der die Häftlinge nicht beurteilen muss und bei dem sie sich sicher sein können, dass er nichts weitererzählt. So können sich die Insassen öffnen. Bei den meisten funktioniert das, weil sie wieder die Kurve kriegen wollen. Bei Erwachsenen, die aus Kriegsgebieten kommen, ist das vielleicht anders, da sie hier Obdach und Essen auf sicher haben. Das kann attraktiv sein.

Gibt es auch Insassen, die denken: «Mit diesem Religionsfritzen will ich nichts zu tun haben»?

Ja, gerade Menschen mit radikalem Glauben. Sie meiden auch den Imam, weil er ihnen zu moderat ist. Wenn die Religion eine Ressource ist, ist das schön, aber es muss nicht sein. Wir stossen selten auf Ablehnung.

Wie nehmen Sie das Gefängnis wahr? Bedrückt sie der Beton?

Jede Türe, durch die gehen will, muss mir jemand öffnen, auch wenn ich aufs WC will. Ich kann mich nicht frei bewegen. Früher hatte ich ein höheres Pensum und habe zwei Tage als Gefängnisseelsorger gearbeitet. Das war viel. Ich bewundere die Betreuer, die dieses Umfeld eine ganze Woche aushalten.

Wissen Sie Bescheid über die Taten der Häftlinge?

Bei den Jugendlichen darf ich das Dossier nicht sehen, bei den Erwachsenen unter gewissen Bedingungen schon. Wenn ich glaube, dass ich manipuliert und angelogen werde, verlange ich das Dossier. Normalerweise gehe ich davon aus, was die Täter erzählen. Ein Einbrecher hat kein grosses Bedürfnis, über seine Tat zu sprechen, ein Beziehungstäter dagegen schon. Manche Täter wissen selbst nicht, was genau sie gemacht haben. Beispielsweise, wenn die Tat in einer Kampfsituation begangen wurde.

Was braucht man als Gefängnisseelsorger, ausser der Ausbildung?

Eine grosse Liebe zu den Menschen. Ich muss den Menschen hinter der Tat sehen können. Das heisst aber nicht, dass ich die Tat nicht verurteile.

Aber Sie müssen das unterdrücken?

Nein. Wenn mir ein Pädophiler seine Tat erzählt, dann habe ich als Familienvater Abscheu davor. Das sage ich ihm ins Gesicht. Trotzdem zeige ich ihm, dass ich seine Geschichte verstehe. Die Vorgeschichte entschuldigt nichts. Aber ich versuche immer, den guten Kern zu finden und diesen dann zu stärken.

Denken Sie auch an die Opfer?

Es gibt Täter, die mich bitten, mit dem Opfer in Kontakt zu treten, weil sie zum Beispiel vor der Ausschaffung noch mals mit ihnen sprechen möchten. Wenn die Staatsanwaltschaft das erlaubt, mache ich das. Dann finde ich mit dem Opfer zusammen heraus, ob ein Treffen sinnvoll ist. Von Zeit zu Zeit gehe ich als Zuschauer ans Gericht, bei Tätern, die ich lange begleitete. Dort sehe ich das Opfer, falls es noch lebt. Oder die Angehörigen. Ich spreche dann nicht mit ihnen. Aber ich sehe ihr Leid, das löst in mir viel aus.

Welche Insassen leiden am meisten unter der Haft?

Jene Menschen, die ihre Tat nicht geplant haben und irgendwie hineingeraten sind. Auf der anderen Seite sind die Berufseinbrecher. Das Gefängnis gehört da zum Business.

Sie können wohl kaum einfach den Feierabendschalter umlegen. Wie gehen Sie damit um?

Ich bin froh, dass ich fast eine Stunde Heimreise mit dem Zug habe, da kann ich gut abschalten. Beziehungsdramen beschäftigen mich am meisten. Aber wenn ich zuhause bin, ist das weg. Da bin ich ganz bei meinen Kindern.

Und wie bereiten sie sich vor?

Ich mache nach jedem Gespräch eine Kurznotiz, die ich dann wieder anschaue. Sonst wird es peinlich, wenn ich eine Frage zum zweiten Mal stelle. Jährlich habe ich mit ungefähr 200 Häftlingen zu tun.

Fliessen auch mal Tränen?

Ja hoffentlich! Ich habe immer Nastücher dabei. Es ist schön, wenn die Emotionen abfliessen können. Für die Häftlinge ist das befreiend.

Was würde passieren, wenn man die Gefängnisseelsorge abschafft?

Der Freiraum würde fehlen. Eine Veränderung im Leben ist nur möglich, wenn man in die Tiefe geht. Wer unter Dauerdruck steht, kann nichts ändern. Als Seelsorger schaffe ich den Raum dafür und nehme etwas Druck aus dem Kochtopf Gefängnis. Ohne das wäre das Klima im Gefängnis härter und es würde vermutlich mehr Suizide geben.