110 Jahre Solothurner Zeitung
«Gautschete» früher und heute

Brauch Gautschen ist eine alte Buchdrucker- und Schriftsetzertradition, bei der man so richtig nass werden muss

Lara Enggist
Drucken
Teilen
Klaus Hänseroth (79) am Rand des Brunnens auf dem Dornacherplatz ...

Klaus Hänseroth (79) am Rand des Brunnens auf dem Dornacherplatz ...

Zur Verfügung gestellt
... wo er als junger Buchdruckerlehrling vor 59 Jahren gegautscht wurde.

... wo er als junger Buchdruckerlehrling vor 59 Jahren gegautscht wurde.

Zur Verfügung gestellt

Vor einigen Wochen erreichte uns ein Brief aus Deutschland, welcher verschiedene Fotos und eine kleine Beschreibung beinhaltete. Absenderin war Ingrid Hänseroth aus Mannheim. Sie schrieb: «Mein Vater arbeitete vom 6. Januar 1958 bis zum 24. Dezember 1959 bei ihrer Zeitung damals noch Vogt-Schild, Solothurner Zeitung, als Buchdrucker. Anlässlich des 80. Geburtstages meiner Mutter, luden mich (die Tochter) meine Eltern nach Solothurn ein, um dort auf Spurensuche in die Vergangenheit zu wandeln und um mir die schöne Stadt zu zeigen, wo sie sich vor 59 Jahren kennen gelernt hatten.»
Man sei aus Mannheim angereist, und nach einem ausführlichen Stadtrundgang auf dem Dornacherplatz mit seinem alten Steinbrunnen angekommen. Die Briefschreiber erklärt weiter: «Dort erzählte mir mein Vater (79), dass er in diesem Brunnen gegautscht worden war. Seine Kollegen zogen ihn am 13. Juni 1958 mit einem Zeitungskarren zum Brunnen und tauchten ihn unter, wie es der Brauch ist.»
Zum Beweis waren dem Schreiben alte Fotos des Gautsch-Aktes beigelegt, sowie ein aktuelles von Klaus Hänseroth. Ebenso war der Gautschbrief als Kopie zu sehen.
Man habe dann noch weitere Orte in der Region besucht, welche die Eltern damals gerne aufsuchten, berichtet die Tochter weiter und meint zum Schluss: «Solothurn ist meinen Eltern und mir inzwischen auch, sehr an Herz gewachsen, da sie ja dort ihre grosse Liebe fanden, welche 57 Jahre andauert.» Eine schöne Geschichte. Grund genug, sich einmal zu erkundigen, ob denn dieser alte Brauch des Gautschens heute noch ausgeübt wird, denn das Handwerk des Buchdruckers und des Schriftsetzers gibt es in der ursprünglichen Form ja nicht mehr. Eine Nachfrage bei Viscom, dem Schweizerischen Verband für visuelle Kommunikation ergab, dass dieser Brauch nach Lehrabschluss in dieser Branche durchaus noch praktiziert wird. Nach bestandener Abschlussprüfung wird der junge Berufsmann oder -Frau im Rahmen einer Freisprechungszeremonie in einer Bütte untergetaucht, auf einen nassen Schwamm gesetzt und/oder in einen Brunnen getaucht. Der junge Berufsvertreter muss einfach zünftig nass werden.

Gautschbrief und Zeugen

Die Bezeichnung «Gautschen» ist der Fachsprache der Papiermacher entnommen. Man versteht darunter das Zusammenpressen der Papierbahnen zur Entwässerung. Als Bestätigung, dass der Ausgelernte die «Wassertauf ad posteriorum et podexiorum » erhalten hat, wird ihm ein «Gautschbrief» ausgehändigt. Diese Urkunde ist kein Lehrbrief, sondern eine Art Zunftzeugnis, das den Inhaber als redlichen Jünger der «schwarzen Kunst» ausweist.
Zu einem Gautschakt gehören neben dem Gäutschling der Gautschmeister, ein erster und zweiter Packer, sowie ein Schwammhalter. Meist gibt es noch eine unterschiedliche Zahl an Zeugen, die auch auf dem Gautschbrief ihre Anwesenheit durch Unterschrift bekunden. Gelegentlich wird das Gautschen auch als symbolische Massnahme betrachtet, die schlechten Gewohnheiten aus der Lehrzeit abzuwaschen.

Aktuelle Nachrichten