Zürich
Frauen wollen aus ihrer Frauenrolle fallen

An der Frauendemo anlässlich des 8. März 2013 in Zürich nahmen rund 1000 Demonstrantinnen teil. Ihre Hauptforderung dieses Jahr war: «Mehr Frauenräume.»

Sarah Serafini
Drucken
Teilen
19 Bilder
1000 Frauen demonstrieren in Zürich für mehr Frauenräume

Sarah Serafini

Der Hechtplatz füllt sich mehr und mehr mit Frauen. Viele tragen Schilder mit Zitaten von Rosa Luxemburg oder Clara Zetkin, beides bekannte Frauenrechtlerinnen. Am Boden liegen farbige Transparente, bereit für ihren Einsatz auf der Strasse. Im Hintergrund tönt laute Musik aus den Boxen. Kurdische Volksklänge mischen sich unter Westschweizer Hip Hop Beats. Viele Frauen laufen geschäftig umher, um die letzten Vorbereitungen für die Demonstration zu treffen. Die Stimmung ist friedlich, die Frauen freuen sich auf den Abmarsch. Jedes Jahr findet am Wochenende nach dem 8. März, dem internationalen Frauenkampftag, in Zürich die traditionelle Frauendemo statt. Dieses Jahr mit dem Motto „Frauenräume - subito!"

Milli Welchli und Dolores Zoe stehen mittendrin. Um ihre Taschen sind rosa Luftballone geschnürt und in den Händen halten sie Schilder. Da steht: „Mehr Raum für Kind und Arbeit!" „Nach wie vor leiden Frauen unter der Doppelbelastung durch Job und Familie. Gäbe es mehr Kinderräume, so gäbe es auch mehr Raum für uns Frauen", sagt Welchli. Der Demozug setzt sich in Bewegung. Inzwischen haben sich rund 1000 Frauen versammelt, die sich hinter ihren Transparenten auf der Strasse positionieren. Ihnen gegenüber haben bereits Polizisten in Kampfmontur die Stellung bezogen. Sie wollen verhindern, dass die Demo über die Quaibrücke geht.

Nach einem kurzen Machkampf zwischen Polizisten und Demonstrantinnen, geben die Frauen nach und marschieren in die andere Richtung auf die Münsterbrücke zu. Sie skandieren Parolen wie „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat" oder „Frauen lasst das Shoppen sein, reiht euch in die Demo ein!" Viele Passanten, die den sonnigen Samstagnachmittag in den Zürcher Einkaufsstrassen verbringen, bleiben stehen und beobachten den Frauenumzug. Einige freuen sich und nehmen Flyer entgegen, andere gehen mit schüttelndem Kopf weiter.

Für Anna Rüegg ist das Thema Frauenkampf nichts vorüber man den Kopf schütteln sollte. Sie sagt, dass Frauen immer noch 24 Prozent weniger verdienen als Männer. Wenn sie solche Themen in ihrem Beruf als Sekundarlehrerin mit ihren Schülern bespricht, sind viele überrascht, da sie das nicht gewusst haben. Sie sagt: „Ich spreche mit meiner Klasse über den Geschlechterunterschied, da ich es wichtig finde, dass wir über unsere weiblichen oder männlichen Rollen reflektieren."

Immer wieder stoppt der Umzug und es werden Reden gehalten. Eine thematisiert die Ermordung von drei Kurdinnen und Feministinnen in Paris im Januar. In einem kurzen Strassentheater demonstrieren zwei Frauen die schlechten Arbeitsbedingungen in den Spitälern. Das vorwiegend weibliche Pflegepersonal leide unter dem Druck, der die Fallkostenpauschale mit sich bringe. Für ihren Auftritt ernten die Schauspielerinnen Applaus.

Trotz der gesitteten Stimmung, lässt die Polizei die Demo nicht aus den Augen. Ein Polizist filmt das Schauspiel aus sicherer Distanz. Es scheint, als ob die Binzdemo von letztem Samstag einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat. Obwohl die Demo friedlich ist, soll nichts Unvorhergesehenes passieren.

Clara Koch, die seit vielen Jahren an der Frauendemo teilnimmt, findet es nach wie vor wichtig, an diesem Tag auf die Strasse zu gehen. Koch studiert Gender Studies an der Universität Zürich und setzt sich täglich mit dem Geschlechterunterschied auseinander. „Zwar ist die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann in unserer Verfassung festgeschrieben, aber damit ist die Sache noch lange nicht geritzt", sagt sie. Es gäbe viele Unterdrückungsmechanismen, die miteinander zusammenhängen und dazu führen, dass sich Frauen wie Frauen und Männer wie Männer aufzuführen haben. „Solche Rollenbilder zu durchbrechen, ist sehr schwierig", sagt Clara Koch.

Nach der Schlussrede am Helvetiaplatz bilden sich ein paar kleine Grüppchen von Frauen, die sich über den Ablauf der Demo unterhalten oder einfach noch ein wenig beisammen stehen. Einige sitzen am Boden und geniessen die letzten paar Sonnenstrahlen. Die Organisatorinnen der Demo ziehen eine positive Bilanz. Es sind viele Frauen gekommen, mit denen sie sich ein paar Stunden den Raum für ihre Themen nehmen konnten.

Aktuelle Nachrichten