Studie
Frauen stecken Frauen an: Geschlechterverteilung in Zürcher Gemeinden

Politikwissenschaftler der Universität Zürich haben die politische Vertretung von Frauen in Zürcher Gemeindeexekutiven von 1970 bis 2010 anhand von Wahlprotokollen untersucht. Ergebnis ist unter anderem diese Liste mit Weiach als Schlusslicht.

Sabine Arnold
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Susanna Jenny (parteilos), Gemeindepräsidentin Grüningen (links), Corine Mauch (SP), Stadtpräsidentin Zürich (rechts)

Susanna Jenny (parteilos), Gemeindepräsidentin Grüningen (links), Corine Mauch (SP), Stadtpräsidentin Zürich (rechts)

Der Weiacher Gemeinderat ist fest in Männerhand – und das praktisch seit jeher. Auch das Frauenstimm- und -wahlrecht, das im Kanton Zürich 1969 auf Gemeindeebene eingeführt wurde, konnte nicht viel daran ändern. Die Gemeinde im Zürcher Unterland belegt mit einer durchschnittlichen Frauenquote von weniger als zwei Prozent in der Exekutive den letzten Platz auf einer kürzlich erarbeiteten Rangliste.

Politikwissenschaftler der Universität Zürich haben die politische Vertretung von Frauen in Zürcher Gemeindeexekutiven von 1970 bis 2010 anhand von Wahlprotokollen untersucht. Ergebnis ist unter anderem diese Liste mit Weiach als Schlusslicht. Gemeindepräsident Paul Willi bedauert, «dass Frauen nicht eher bereit sind, sich im Gemeinderat zu engagieren». Er weist jedoch darauf hin, dass es in der Primarschul- sowie in der Kirchenpflege besser aussehe. Der Wunsch nach Veränderung seiner aktuell ebenfalls reinen Männerbehörde sei zwar da. «Aber die Anforderungen an den Gemeinderat steigen. Fähige Frauen dafür zu gewinnen ist nicht einfach. Häufig sind sie mit Beruf, Familie oder einem Vereinsengagement bereits stark belastet.»

Vielleicht fehlen ihnen auch die Vorbilder. Die Wissenschaftler haben nämlich einen Nachahmerinneneffekt festgestellt. «Die Tatsache, dass eine Frau erfolgreich in den Gemeinderat gewählt wird, animiert Frauen in umliegenden Gemeinden, ebenfalls zu kandidieren», sagt Studienleiter Fabrizio Gilardi. Die weiblichen Kandidaturen breiteten sich gewissermassen aus.

Nichtwahl Brunners mobilisierte

Andrea Gisler, Präsidentin der Zürcher Frauenzentrale, erstaunt dies nicht. «Vorbilder in der Nähe ermutigen Nachahmerinnen noch stärker als eine Frauenmehrheit im Bundesrat.» Dieser Lerneffekt hielt bis Ende der 80er-Jahre an. Zwischen 1990 und 1994 stieg der durchschnittliche Frauenanteil in den Zürcher Exekutiven sprunghaft von 12 auf 20 Prozent an. Grund für diesen starken Anstieg ist laut Gilardi, dass Christiane Brunner 1993 nicht in den Bundesrat gewählt wurde. «Dieses Ereignis hat Frauen stark für die Politik mobilisiert.» Gisler meint: «So tragisch die Nichtwahl für Brunner persönlich war, viele hat sie aufgerüttelt.» Der Brunner-Effekt habe sich auch in der Geschlechterzusammensetzung des Nationalrats sowie in Kantonsparlamenten gezeigt.

Seither scheint der Frauenanteil in Gemeindeexekutiven aber zu stagnieren. 2010 lag das Kantonsmittel bei 22,4 Prozent. Es werde in den nächsten Jahren nicht mehr gross zunehmen, vermutet Politikwissenschaftler Gilardi. «Die Hürden, die sich den potenziellen Gemeinderätinnen heute in den Weg stellen, sind schwierig zu beseitigen.» Sie seien struktureller Art: etwa, dass Familie, Beruf und Politik nur schwer miteinander zu vereinbaren seien.

Andrea Gisler weist darauf hin, dass bei männlichen Politikern Mehrfachbelastung durch Beruf, Familie, Politik und Verwaltungsratsmandate kaum ein Thema sei. «Sie haben oft Frauen im Rücken, die ihnen Kindererziehung und Haushalt abnehmen.» Das Grundproblem sei, dass Familien- und Erwerbsarbeit noch immer nicht partnerschaftlich aufgeteilt würden.

Die Präsidentin der Frauenzentrale fordert, dass Parteien Frauen als Kandidatinnen wieder langfristig aufbauen sollten. «Denn ein Netzwerk braucht jede Politikerin. Das kann aber auch ein Frauenverein oder ein Elternrat sein.» Dass Elternrat und Schulpflege für Frauen ein Einstieg in die Politik sein können, zeigt das Beispiel von Stallikon im Reppischtal. Seit Schul- und Politische Gemeinde 1998 zur Einheitsgemeinde verschmolzen sind, besetzen Frauen drei der sechs Sitze. Zwei der aktuellen Gemeinderätinnen waren vorher in der Schulpflege. Die Gemeinde am Südhang des Albis steht nach der Stadt Zürich (28 Prozent) auf Platz zwei der Liste: Ihre Exekutive hatte im Schnitt der letzten 40 Jahre einen Frauenanteil von 26 Prozent.

Winterthur: Stadtrat hält Frauenquote für «übereilt»

In mindestens vier der sieben Departemente der Stadtverwaltung sind Chefinnen sehr, sehr selten: im Bau, bei den Finanzen, in den technischen Betrieben sowie bei Sicherheit und Umwelt. Im obersten Kader (Führungsfunktion D) gibts gar keine Frauen, in der Führungsfunktion C nur 5 bis 17 Prozent.

Ausgehend von diesen Zahlen fragten die grünliberalen Gemeinderatsmitglieder Katrin Cometta und Michael Zeugin den Stadtrat an, ob er bereit sei, als Selbstverpflichtung für die oberen Kader «eine befristete generelle Frauenquote von 40 Prozent» einzuführen. Die Antwort fiel negativ aus: «Zum jetzigen Zeitpunkt eine generelle Frauenquote einzuführen, wäre übereilt und vermutlich in einzelnen Bereichen nicht realistisch erreichbar.» Der Stadtrat räumt ein, «dass Frauen im Kader der genannten Departemente untervertreten sind». Und er sei bereit, sich intensiver mit der Frage zu befassen.

Nun ist es ja nicht so, dass Winterthur in Sachen Gleichstellung und Frauenförderung bisher nichts unternommen hat. Flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeitarbeit, Chancengleichheit - das sind einige der Massnahmen, die seit Jahren gelten und wirken. Und doch räumt der Stadtrat ein, dass in der aktuell geltenden Personalstrategie die Geschlechtergleichstellung nicht im Vordergrund steht. Er sei jedoch bereit, Gleichstellungsziele in seine Strategie aufzunehmen. Im Personalent-

wicklungskonzept, das 2013 und 2014 überarbeitet wird, soll das Thema «prägnant einbezogen werden», verspricht der Stadtrat.

Katrin Cometta, die das Thema «Befristete Frauenquote» auch in Winterthur zum politischen Traktandum gemacht hat, «kann mit der Antwort des Stadtrats leben», wie sie sagt. Dass er die Personalstrategie ändern wolle, gehe in die richtige Richtung. Cometta bestreitet nicht, dass die Stadt schon einiges getan und erreicht hat. «Doch angesichts des Ungleichgewichts der Geschlechter im Kader wird der Handlungsbedarf offensichtlich.» Dass der Stadtrat nun eine Auslegeordnung vornehme, begrüsse sie. Ob sie das Thema Quote später mit mehr Druck nochmals aufgreife, hänge von den Vorschlägen ab. (mgm)

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