Franz muss den Roche-Steigflug halten

Nach Jahren in der Airline-Branche wechselt Christoph Franz als Branchenfremder zu Roche. Der Deutsche liebt die Schweiz und fürchtet sich nicht vor den Folgen der SVP-Initiative.

Iso Ambühl
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Christoph Franz, ein «Frankfurter Bub» mit Schweizer Tugenden. Foto: Emanuel Freudiger

Christoph Franz, ein «Frankfurter Bub» mit Schweizer Tugenden. Foto: Emanuel Freudiger

Schweiz am Wochenende

Seit der Annahme der SVP-Initiative gegen Einwanderung am vergangenen Sonntag herrscht in der Schweiz ein kühles Klima gegenüber Ausländern. Lufthansa-CEO Christoph Franz, der seit bald zehn Jahren mit seiner Familie in Zürich wohnt, ist dennoch nicht beunruhigt: «Ich fühle mich mit meiner Familie sehr wohl in der Schweiz.» Es ist auch nicht so, dass Franz wegen der neuen politischen Situation über seinen Wechsel zu Roche nach Basel verunsichert wäre: «Ich freue mich auf meine neue Aufgabe bei Roche – das ist überhaupt keine Frage», sagt er zur «Schweiz am Sonntag».
Die Generalversammlung des Basler Pharmakonzerns wählt am 4. März einen neuen Verwaltungsratspräsidenten. Seit Monaten steht fest, dass der Deutsche Franz (54) Nachfolger des Österreichers Franz B. Humer (67) wird. Seine Wahl gilt als sicher, weil die Roche-Erbenfamilien Hoffmann und Oeri als Hauptaktionäre hinter dem Aviatiker stehen. Roche-Vizepräsident André Hoffmann betont gegenüber der «Schweiz am Sonntag»: «Franz verfügt über einen überzeugenden Leistungsausweis als Chef eines sehr grossen, weltweit tätigen Unternehmens, ist eine beeindruckende Persönlichkeit sowie beruflich eng mit der Schweiz verbunden – versteht also auch die Besonderheit unseres Konzernhauptsitzes in Basel.»
Für die Hoffmann-Familien, die in der Romandie und in Südfrankreich verwurzelt sind, ist Franz, der mit einer Französin verheiratet ist und perfekt Französisch spricht, die richtige Wahl. «Franz hat sich als aktiver Roche-Verwaltungsrat in den letzten Jahren sehr intensiv in die Besonderheiten unserer Branche eingearbeitet», lobt Hoffmann. Der «Frankfurter Bub», wie sich Franz 2004 als damals neuer Chef der Airline Swiss vorstellte, passt auch zur Familiengeschichte: Urahne Hans Hoffmann, Schuhmacher von Beruf, war 1489 aus dem deutschen Münzenberg, nur fünfzig Kilometer von Frankfurt entfernt, nach Basel eingewandert und dort 1528 eingebürgert worden. Sein Nachfahre Fritz gründete 1896 die F. Hoffmann-La Roche AG, die heutige Roche.
Sowohl Novartis mit VR-Präsident Jörg Reinhardt als auch Roche mit Franz werden strategisch somit von Deutschen geführt. Bei globalisierten Unternehmen ist dies nichts Spezielles. Bei Novartis bilden Ausländer sowohl im Verwaltungsrat als auch in der Konzernleitung und im Aktionariat die Mehrheit. Bei Roche ist die Hälfte der Konzernleitungs-Mitglieder Ausländer, im Verwaltungsrat sind es neu sechs von elf Mitgliedern. Im Aktionariat halten die Schweizer Familien Hoffmann und Oeri zusammen die Stimmenmehrheit.
Anders als etwa Ex-Novartis-Chef Daniel Vasella ist Franz kein egomanischer Star-Manager. Der promovierte Wirtschaftsingenieur gibt sich bescheiden. Er ist ein blitzschneller Analytiker, gehärtet durch den beinharten Airline-Konkurrenzkampf um Passagiere. Ein roter Faden zieht sich durch seine Karriere: Immer wieder war Franz im Auftrag eines prominenten Mentors unterwegs. Für Hartmut Mehdorn, dem Chef der Deutschen Bahn (DB), entwickelte Franz als Leiter Reise & Touristik ein neues Preissystem, wie es im Flugverkehr heute üblich ist. Nach dem chaotischen Scheitern der neuen Tarife wurde Franz als Bauernopfer entlassen und arbeitslos. In dieser Situation war er dankbar, dass ihn der damalige Swiss-VR-Präsident Pieter Bouw 2004 als CEO zur Schweizer Fluggesellschaft holte. Seine Gattin Isabelle erhielt darauf Blumen von Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber – neckisch in den Schweizer Farben Rot und Weiss. Der Hintergrund: Franz war seit seinen Anfängen als Trainee bei der Lufthansa ein Protégé von Mayrhuber.
Da die Swiss damals unter André Dosé eine Partnerschaft mit British Airways anstrebte, titelte die Wirtschaftszeitung «Cash» noch vor der Wahl von Franz zum Swiss-Chef: «U-Boot der Lufthansa für die Swiss?». Franz protestierte heftig. Doch bereits im Oktober 2004, drei Monate nach seinem Start, begann er Verhandlungen mit der deutschen Airline. Sie führte 2005 zur Übernahme der nationalen Fluggesellschaft durch die Kranich-Linie. Mit der sanierten Swiss, die sich im Lufthansa-Konzern zur Perle entwickelte, hatte Franz sich für höhere Aufgaben empfohlen: 2011 wurde er Lufthansa-CEO.
Mit Antritt seine Postens beim Pharmakonzern Roche löst sich Franz von seinem Übervater Mayrhuber, der heute den Verwaltungsrat der Lufthansa präsidiert. Welche Mission hat der Deutsche bei Roche? Sicher ist, dass der Aviatiker bislang kein Pharmaexperte ist. Seit drei Jahren sitzt er zwar im Roche-Verwaltungsrat. Als Präsident müsse Franz kein Pharmaexperte sein, betont Elmar Sieber, Analyst der Basler Kantonalbank: Franz müsse den Roche-Konzern strategisch weiterentwickeln. Im Übrigen sei einer seiner Vorgänger als Präsident, Fritz Gerber, ein Versicherungsspezialist gewesen. Pharma-Kenner rechnen aber damit, dass Franz zumindest in einer Anfangsphase vom Wissen von Roche-CEO Severin Schwan und seines Mentors Hoffmann abhängig sein wird.
Roche kann aber auch von Franz profitieren. Er versteht den Kampf in einem liberalisierten Markt, in dem mit allen Mitteln um Kundschaft gebuhlt werden muss, was Roche in diesem Ausmass bisher nicht kennt: Im regulierten Milliarden-Markt für rezeptpflichtige Medikamente, in dem der Staat die Preise vorgibt, ist weniger Kampf als Lobbyismus angesagt. So soll den Behörden aufgezeigt werden, wie wichtig hohe Preise sind, um hohe Forschungskosten für die Entwicklung neuer Produkte bezahlen zu können. Weltweit wollen Behörden jedoch die Medikamentenpreise senken. Für solche Zeiten wäre Roche mit Franz, der mehrere Restrukturierungen im Airline-Business durchgezogen hat, gewappnet. Der Manager ist es gewohnt, mit tiefen Margen zu planen: Lufthansa hatte 2012 eine operative Gewinnmarge von 2,3 Prozent, Roche 2013 eine von gigantischen 38,3 Prozent.
Dem Deutschen werden viele schweizerische Tugenden wie fleissig und bescheiden zugesprochen. Er liebt die Schweiz. Auch als Lufthansa-CEO in Frankfurt behielt er den Wohnsitz in Zürich mit seiner Familie mit vier Söhnen und einer Tochter. Er sitzt in den Verwaltungsräten der Airline Swiss in Basel sowie des Schienenfahrzeug-Herstellers Stadler Rail in Bussnang und denkt im Think Tank Avenir Suisse über die Schweiz nach. Ein Bekannter sagt: «Franz ist ein besserer Schweizer.
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