Gemüsebau
Flüchtlinge und Computer pflegen die Füllinsdörfer Tomaten

Seit 17 Jahren arbeiten Flüchtlinge und vorläufig Angenommene auf dem Hof von Andreas Eschbach. Der Füllinsdörfer Gemüseproduzent steuert nicht nur die Produktion, sondern auch den täglich laufenden Absatz.

Daniel Haller
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Landwirtschaft Füllinsdörfer Tomaten
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Die Kresse wird direkt auf dem Hof und nicht erst beim Grosshändler oder beim Grossverteiler fertig konfektioniert.
Diese Maschine erntet und bündelt mit viel Sensortechnik die Radieschen in einem einzigen Arbeitsgang.
Die Vermarktung ist für Andreas Eschbach bei der leicht verderblichen Ware ebenso wichtig wie die Produktion.

Landwirtschaft Füllinsdörfer Tomaten

Kenneth Nars

«Das Pilotprojekt, das gestern das Bundesamt für Migration und der Bauernverband in Bern beschlossen haben, künftig Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene in der Landwirtschaft zu beschäftigen, setzen wir schon seit 17 Jahren um», berichtet Andreas Eschbach. Der Füllinsdörfer Gemüseproduzent beschäftigt derzeit fünf Flüchtlinge aus Somalia und drei aus Eritrea – teils nur in der Hochsaison, andere das ganze Jahr. «So spart der Staat jährlich rund 150'000 Franken Sozialhilfekosten.» Insgesamt bietet der Betrieb das ganze Jahr 17 Vollstellen, hinzu kommen acht Saisonniers aus Südeuropa.

Ein Portugiesisch-Wörterbuch im Büroregal ergänzt das Diplom als Botschafter des Labels «Aus der Region – für die Region» der Migros und einen Prospekt zu «Miini Region» von Coop. Von den rund zwei Dutzend Namen auf den Stempelkarten am Büroeingang klingen nur deren drei einheimisch: Ein Erntehelferlohn von 3300 Franken brutto ist den meisten Schweizern zu gering.

Mit Wasser, CO2 und Dünger

Dabei gibt es viel zu tun auf den Freilandflächen in Füllinsdorf und Möhlin und in den Gewächshäusern. Da wird beispielsweise jede Tomatenpflanze wöchentlich gepflegt: Die Arbeiter ernten eine «Traube» mit fünf Früchten und schneiden drei Blatttriebe ab, sodass mehrere Meter lange Stiele zurück bleiben. Vorne wächst die Pflanze weiter. Die Aufhängung muss justiert, Geiztriebe müssen ausgebrochen und die neu entstehenden Trauben auf je fünf Tomaten reduziert werden. «Damit erreichen wir eine gleichmässige Grösse», erklärt Eschbach. Per Tröpfchenbewässerung wird die im Kokos-Substrat verwurzelte Pflanze mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Derselbe Computer steuert die Zufuhr von zusätzlichem CO2. Das Kohlendioxid ist der Rohstoff, aus dem die Blätter den Zucker herstellen und so die Pflanze wachsen lassen, wenn sie genug Licht bekommen. Dieses ist heuer beim oft bedeckten Himmel eher knapp. Entsprechend teilt der Computer den Pflanzen weniger Wasser und Dünger zu. «Wir haben ein deutlich langsameres Wachstum», berichtet Eschbach. «Wir können vieles automatisch steuern, aber zuletzt muss doch immer ein Mensch die Entscheide fällen.» Dies gilt beispielsweise für den richtigen Zeitpunkt der Ernte. «Auch Salate oder Kohl haben eine optimale Reife. Schneidet man sie dann und lagert sie bis zum Verkauf ein paar Tage in der Kühlkammer, bleiben sie länger frisch, als wenn man sie bis kurz vor der Lieferung auf dem Feld lässt und dann überreif erntet.»

Tücken des Markts

Damit spricht Eschbach neben dem Wetter, das derzeit einen guten Teil der Salaternte auf den Feldern verfaulen lässt, eine weitere Grösse an, die sich nie ganz kontrollieren lässt: den Markt. Zwar gibt es jedes Jahr Anbaubesprechungen, an denen Gemüseproduzenten mit Migros und Coop aufgrund der Zahlen vom Vorjahr festlegen, wann was geliefert werden soll. Doch ist das Wetter wie im vergangenen Frühjahr ideal, ernten nicht nur professionelle Produzenten, sondern auch Hobbygärtner viel eigenen Salat. Dann bleibt vieles in den Regalen der Grossverteiler liegen. «Freizeitgärtner können beim Salat Marktschwankungen bis zu 15 Prozent auslösen. Dann kann der Produzentenpreis innerhalb von 24 Stunden um 20 Prozent tauchen.» Umgekehrt könne eine Schlechtwetterperiode, wie wir sie gerade erleben, die Salatpreise stark nach oben drücken. «Auch im europäischen Umland gibt es derzeit wenig Salat.»

Erfahrung und Beziehungen

Tomaten, Gurken, Kopf-, Eisberg- und weitere Salate, Radieschen, Blumenkohl ... Jede Gemüsesorte der rund 750 Tonnen, die jährlich den Hof verlassen, erfordert andere Anbau- und Erntemethoden. So zieht eine Maschine sensorgesteuert mit sogenannten Klemmbändern die Radieschen aus und bündelt sie. Und die Maschine, welche die Erde 1 Zentimeter dünn auf der Folie verteilt und darauf Kresse sät und bewässert, hat Eschbach selber gebaut. Gemäht wird die Kresse dann traditionell von Hand mit einer Sense, die mit einem Fangkorb versehen ist, der, sofern man den richtigen Schwung raushat, die Kresse gleich in einen der grünen Erntekörbe befördert.

«Die ganze Anlage ist nach und nach gewachsen», erklärt Eschbach. «Von heute auf morgen könnte zwar ein Investor so etwas auch bauen.» Doch dann habe er noch lange niemanden, der ihm das Gemüse abkauft: «Ohne langjährig gewachsene Beziehungen läuft in diesem Markt nichts.»

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