Lenzburg
«Fast ein bisschen so wie bei Kate und William»

Sibylle Lichtensteiger, Leiterin des Stapferhauses, hielt die Festrede in der Stadtkirche. Sie erzählte, was man ihr so alles erzählte, als sie wissen wollte, wieso es das Jugenfest überhaupt gibt.

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Sibylle Lichtensteiger

Sibylle Lichtensteiger

Toni Widmer

Sehr geehrte Behördenmitglieder
Liebe Eltern
Liebe Jugendfestgemeinde
Und vor allem: Liebe Jugend

Jedes Jahr pünktlich im Juli versetzt mich Lenzburg ins Staunen: Die Lenzburgerinnen und Lenzburger beginnen ihre Stadt und sich selbst zu schmücken. Plötzlich riecht es erst nach Tannengrün und später nach Fisch, in der Stadt werden Kränzlein verkauft und die Menschen werden fröhlicher und freundlicher. Ein klares Zeichen: Es ist Jugendfestzeit.

Als ich die schöne, ehrenvolle Einladung erhalten habe, diese Rede zu halten, wurde mir aber trotzdem bewusst, dass ich, obwohl ich schon zwölf Jugendfeste lang in Lenzburg arbeite, eigentlich zu wenig weiss über das Jugendfest und darüber, was dieses Fest den Lenzburgerinnen und Lenzburgern bedeutet.

Ich habe deshalb beschlossen, bei der Jugend Nachhilfeunterricht in Sachen Jugendfest zu nehmen. Am Montagmorgen bin ich statt in mein Büro auf Schloss Lenzburg zu Euch auf den Schulhausplatz gekommen. Das Bizschulhaus war zwar bereits ein bisschen verwaist – Im Lenzhard wart ihr ihr jedoch fleissig am Kränze binden. Ich habe mich zu euch gesellt und ich habe schnell erfahren: Das Jugendfest ist euch wichtig, wirklich wichtig.

Die einen freuen sich sogar mehr aufs Jugendfest als auf Weihnachten. Das Beste am Jugendfest ist die Tatsache, dass die Schule fast eine ganze Woche lang ausfällt.

Das Zweitbeste sind die Bahnen und die Vorabende. Und der Umzug in Weiss – der ist vielleicht nicht gerade cool - aber das erhabene Gefühl, zusammen durch die Altstadt zu marschieren, am Rande die Erwachsenen, die einem zuwinken, fast ein bisschen so wie bei Kate und William, dieses Gefühl gefällt Euch.

Ihr seid Euch einig: Eigentlich gibt es nur etwas, was richtig mühsam ist am Jugendfest: Es ist das Stillsitzen in der Kirche und darüber hinaus, dass ein Erwachsener auf der Kanzel steht und eine Rede hält. Eure Ehrlichkeit hat mich beeindruckt.

Weil ihr so freundlich gewesen seid, habe ich den Mut nicht verloren und euch weiter befragt: Zum Beispiel, ob es ein Thema gebe, das euch interessieren könnte. Es komme nicht so auf den Inhalt an, habt ihr mir erklärt, ihr seid halt einfach nicht in Zuhörlaune an diesem Jugendfestmorgen. Und ein charmanter junger Mann hat mir erklärt, es gebe im Leben eben Hochs und Tiefs. Und durch diese Rede, da müsse man halt einfach hindurch.

Ich wollte von den Schülerinnen und Schülern wissen, weshalb es dieses Jugendfest gebe, und ich habe verschiedene spannende Geschichten gehört: von einer Prinzessin, dem Rosengarten und einem Drachen, von den Bernern, die den Brauch nach Lenzburg gebracht haben und von den Urgrossvätern, die euch dieses Fest vererbt haben. Weshalb das Jugendfest Jugendfest heisst, darüber waren wir uns nicht ganz einig: Vielleicht weil die Erwachsenen auch noch gern jung wären? Oder feiern die Erwachsenen tatsächlich die Jugend? Die Jugend von heute? Was gibt es denn an der Jugend von heute zu feiern?

Ihr glaubt nicht daran, dass die Erwachsenen Euch so toll finden, dass sie Euch würden feiern wollen. Ihr denkt, die Erwachsenen fänden Euch zu laut und zu unerzogen.

Auf dem schönen Weg vom Schulhaus in mein Büro hab ich dann auch die Erwachsenen in Lenzburg gefragt, was sie von den Lenzburger Jugendlichen halten. Eine ältere Frau meinte, sie lese zwar in der Zeitung häufig von kriminellen und gewalttätigen Jugendlichen. Aber das seien immer Meldungen aus Baden oder Aarau.

Bei ihr im Quartier, im Fünflinden, da seien die Jugendlichen nämlich immer freundlich. Die anderen Stimmen jedoch, die äusserten sich besorgter über euch: Die Jugend von heute sitze viel zu oft vor dem Computer und unterwegs würden sie auch immer nur aufs Handy starren, tönte es. Mit den Freunden würden sie rund um die Uhr chatten und somit die echten Freunde verlieren. Die Jugend habe einfach zu wenig Respekt – vor der Natur und vor den Erwachsenen. Den Abfall würden sie auf den Boden werfen, die Füsse im Bus auf die Sitze legen und die Erwachsenen würden sie nicht grüssen. Wichtig sei den Jugendlichen vor allem das Aussehen, die Kleider und die Vorstellung, einmal berühmt zu werden. Alle wären heute gerne „Superstar“.

Gottseidank habt ihr mir am Morgen vor diesen Gesprächen aber etwas ganz anderes erzählt: Ich habe Euch nämlich auch gefragt, was euch wichtig ist im Leben und was ihr euch für die Zukunft wünscht. Und ehrlich gesagt, habe ich erwartet, dass mir der eine oder die andere sagt, ein iPhone, einen Ferrari oder so berühmt zu werden wie Lady Gaga.

Ihr wünscht Euch aber alle - unabhängig voneinander - haargenau das Gleiche - und dies sogar in derselben Reihenfolge: Zuerst wünscht ihr euch eine gute Lehrstelle bzw. einen guten Start in die neue Schule. Für später wünscht ihr euch einen guten Job. Ein guter Job, das heisst für euch, ein Job, der euch Spass macht, einer, für den ihr am Morgen gerne aufsteht und einer, der Sinn stiftet.

Ihr habt sogar schon von der Weiterbildung nach der Ausbildung gesprochen. Es hat mich schon fast etwas beunruhigt, dass euch die Arbeit dermassen viel bedeutet. „Die Arbeit ist doch nicht das ganze Leben“, hab ich mir gedacht. Aber dann habt ihr an zweiter Stelle die Freunde genannt. Ihr wünscht euch gute Freunde, Freunde, die für euch da sind, wenn es euch nicht gut geht, Freunde, die euch treu sind und Freunde, denen ihr alles erzählen könnt.

Viele von euch wissen jetzt schon, dass sie eine Familie und Kinder wünschen, natürlich zusammen mit einem netten Mann oder eine netten Frau. Ihr wünscht euch Gesundheit und ihr wünscht euch Frieden auf dieser Welt.

Und was wünscht sich die Jugend zum Jugendfest von den Erwachsenen? Die Erwachsenen seien „voll okay“. Sie seien manchmal etwas streng, meinte die eine unter euch, aber das sei auch gut so. Auch eure Eltern findet ihr im Grossen und Ganzen „voll nett“.

Auch wenn sie manchmal nerven mit klassischer Musik, mit Gameverboten oder wenn sie sonst schlecht drauf sind. Überhaupt, meinte einer, würden die Erwachsenen nicht so aussehen, als hätten sie viel Spass im Leben. Ihm tun sie deswegen manchmal sogar etwas leid.

Und ja, ein anderer unter euch wünscht sich von den Erwachsenen eigentlich nur eines: dass sie auch mal zurück grüssen, wenn er sie freundlich grüsst. Liebe Erwachsene, die Jugend auf dem Schulhausplatz, die Lenzburger Jugend, die hat mich überrascht – und überzeugt. Das sind sehr freundliche, auskunftsfreudige und aufgeschlossene junge Menschen, die gewillt sind, erstaunlich viel Verantwortung zu tragen.

Liebe Jugendliche. Verantwortung – das ist ein grosses Wort und eine wichtige Sache. Wir Erwachsenen übergeben euch eine Welt, die euch einiges abverlangt: eine Welt, in der sich alles immer schneller ändert. Eine Welt, in der es für alles 1000 Möglichkeiten gibt; und doch müsst ihr euch entscheiden. Eine Welt, in der Euch niemand mit Sicherheit sagen kann, was richtig und was falsch ist und wo der Weg zum Glück liegt. Ihr müsst das Glück selbst suchen, ihr müsst die Weichen selbst stellen. Für euch und für euer Leben.

Immer mehr seid ihr aber auch verantwortlich dafür, wie unsere Gesellschaft die Weichen stellt. Wie schafft man eine friedliche Welt, eine gesunde Welt, eine gerechte Welt? Liebe Jugend, ich wünsche euch bei all den Entscheiden viel Mut und viel Glück. Ich bin zuversichtlich, dass ihr Eure Sache gut machen werdet. Nun wünsche ich Ihnen allen ein wunderschönes Jugendfest. Feiern sie heute, ob Jung oder Alt, ausgelassen die Jugend. Und an die Erwachsenen unter Ihnen, grüssen sie doch, mindestens heute, die Jugend ganz besonders freundlich.

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