Gericht
Fall von ausgesetztem Demenzkranken endet vor Bundesgericht

Das juristische Nachspiel zur traurigen Geschichte des alten Bauern, der von seiner Lebenspartnerin nach Indien gebracht wurde und dort verstarb, geht weiter vor Bundesgericht.

Reto Flury
Drucken
Teilen
Das Bundesgericht wird entscheiden. (Archiv)

Das Bundesgericht wird entscheiden. (Archiv)

Keystone

Zwar ist die Frau letzte Woche vom Zürcher Obergericht auch in zweiter Instanz verurteilt worden (Ausgabe vom 19. Dezember). Doch ihr Verteidiger will den Fall ans Bundesgericht weiterziehen, wie er auf Anfrage sagt. Das Obergericht hat die 65-jährige Frau wegen Entführung mit vier Jahren Gefängnis bestraft.

Die ehemalige Chefprokuristin hatte den schwerstbehinderten Mann 2008 unter einem Vorwand aus dem Pflegeheim in Seuzach geholt und nach Indien gebracht. In einem abgelegenen Dorf im Bundesstaat Punjab überliess sie ihn der Pflege von Männern, die kaum Englisch sprachen, und kehrte in die Schweiz zurück. Zehn Monate später war der Bauer aus Brütten tot; die Leiche wurden eingeäschert und verstreut. Der Mann wurde 74 Jahre alt.

Die Frau beteuerte vor Gericht, sie habe nur das Beste für ihren Partner gewollt. Der Staatsanwalt, das Gericht und viele Brüttemer sehen es anders. Für sie ist klar, dass die Frau Pflegekosten sparen und das Erbe für ihre Tochter schonen wollte. Die Ermittler hatten auf dem Computer der Frau ein brisantes Dokument gefunden: Sie hatte die Kosten für das Pflegeheim auf 20 Jahre hochgerechnet und mit rund 1,5 Millionen Franken beziffert.

Einen ähnlichen Fall gab es in der Schweiz noch nie. Man betrete juristisches Neuland, sagte der Staatsanwalt im letzten Frühling, als am Bezirksgericht Winterthur die erstinstanzliche Verhandlung stattfand.

Tatsächlich tut sich die Justiz relativ schwer, wie ein Vergleich der zwei Urteile zeigt. So hat das Bezirksgericht die Frau der Aussetzung schuldig gesprochen und sie mit zwei Jahren Gefängnis bedingt bestraft. Eine Aussetzung liegt dann vor, wenn jemand eine hilflose Person in seiner Obhut einer unmittelbaren Gefahr für das Leben aussetzt oder im Stich lässt.

Entführung oder Aussetzung?

Nach dem Urteil legten sowohl der Staatsanwalt als auch der Verteidiger Einspruch ein. Doch als die Oberrichter sich vor dem Prozess durch die Akten arbeiteten, brachten sie einen neuen Aspekt ins Spiel, von dem in Winterthur kaum die Rede war. Die Oberrichter teilten den Parteien per Brief mit, die Tatsache, dass die Frau ihren Partner aus dem Heim holte, lasse sich eventuell als Entführung taxieren. Darauf wurde die Anklage verschärft.

Und tatsächlich sah das Gericht nach dem Prozess genug Belege für eine Entführung. Denn wenn das Opfer urteilsunfähig ist, muss für eine Entführung weder Gewalt noch Drohung oder List vorliegen. Für das Strafmass wichtig war, dass der Aufenthalt in Indien mehr als zehn Tage dauerte.

Vom Anklagepunkt der Aussetzung, der in Winterthur noch die Hauptrolle spielte, wurde die Frau allerdings freigesprochen. Es lasse sich nicht nachweisen, dass der hilflose Mann mit dem Umzug nach Indien einer Gefahr für das Leben ausgesetzt worden sei, die nicht ohnehin schon bestanden hatte, fanden die Oberrichter. Ob dies auch das Bundesgericht so sieht, wird sich weisen müssen.