Urdorf
Exit gewinnt an Akzeptanz: Selber bestimmen – bis in den Tod

Werner Kriesi, der alt Ständerat This Jenny in seinen letzten Stunden vor dem Freitod begleitete, stellt sich morgen auf Einladung eines Skeptikers den Fragen der Limmattaler.

Alex Rudolf
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Jährlich wählen rund 500 schwerkranke Menschen den begleiteten Freitod. So auch This Jenny im vergangenen November. Die darauffolgende mediale Aufmerksamkeit war immens.

Jährlich wählen rund 500 schwerkranke Menschen den begleiteten Freitod. So auch This Jenny im vergangenen November. Die darauffolgende mediale Aufmerksamkeit war immens.

KEYSTONE

Nach den Bekenntnissen des Ex-Fussballers Timo Konietzka (†) und des Theologen Hans Küng zu der Sterbehilfeorganisation Exit war das mediale Echo bereits gross. Doch der 15. November vergangenen Jahres war ein Tag, an dem Exit von der einen auf die andere Sekunde in jeder Schweizer Zeitung thematisiert wurde. Damals verstarb This Jenny. Der ehemalige SVP-Ständerat aus dem Kanton Glarus litt an Magenkrebs, kündigte an, dass er notfalls auf die Dienste von Exit zurückgreifen würde und tat dies schliesslich im Glarner Kantonsspital. Während der letzten Stunden im Leben von Jenny war Werner Kriesi, seit knapp 17 Jahren Sterbebegleiter, an seiner Seite. Kriesi: «Am Tag nach seinem Tod hatten wir rund 200 Online-Anmeldungen.» Morgen Abend spricht er in Urdorf.

Werner Kriesi, ehemaliger Exit-Präsident, Sterbebegleiter und ehemaliger Pfarrer.

Werner Kriesi, ehemaliger Exit-Präsident, Sterbebegleiter und ehemaliger Pfarrer.

zvg

This Jenny habe sich bewusst dazu entschieden, seinen Freitod öffentlich zu machen. Werner Kriesi verweist darauf, dass die Bewohner des kleinen Kantons Glarus ohnehin herausgefunden hätten, dass er sich zu diesem Schritt entschied: «Zudem wollte er unter keinen Umständen ein Geheimnis daraus machen. Daher gab er mir die Erlaubnis, unter anderem an seiner Beerdigung über seinen Weg zu sprechen.»

Kriesi bezeichnet sich selber als liberalen Theologen. Während 30 Jahren war er als Pfarrer tätig, trat nach seiner Pensionierung in den Dienst von Exit. Erst als Sterbebegleiter, dann als Leiter der Ausbildung von Begleiterinnen. Für ein Jahr war er Präsident ad interim der Organisation. Seine Arbeit bei Exit sieht er nicht als Widerspruch zu seiner Tätigkeit als Pfarrer: «Die Medizin, die heute glücklicherweise Leben massgeblich verlängern kann, kann uns ungewollt auch in ein medikamentöses Alterssiechtum bringen», sagt er und verweist darauf, dass weder die Bibel oder der Koran noch andere religiöse Schriften auf dieses Thema eingehen würden.

Die Argumentation der Gegnerschaft von Exit basiere oft auf konservativen, religiösen Ansichten. Gespräche mit Menschen, die ein traditionelles Gottesbild haben, seien nicht sehr konstruktiv. Weil bei der Arbeit von Exit derart viele Fragen aus unterschiedlichen Teilgebieten des Lebens – religiöse, ethische, juristische, medizinische – aufgeworfen werden, sei es wichtig, dass man diese Ebenen voneinander trennen könne.

Urdorfer Pfarrer ein Kritiker

Nach Jennys Abdankungsgottesdienst geriet Werner Kriesi in die Schlagzeilen. An der von ihm abgehaltenen Beerdigung sprach er offen über die letzten Stunden des Politikers, seine Ansichten, seine Ängste. Es sei der Eindruck entstanden, der Exit-Entscheid sei Jenny leicht gefallen, liess sich seine Partnerin im Anschluss vom «Blick» zitieren. In der von März bis November 2014 andauernden Sterbebegleitung habe Jenny stets erklärt, dass offen mit dem Thema umgegangen werden solle. «Diese Berichterstattung basierte auf einem Missverständnis, das sich inzwischen aufgeklärt hat. Die Angehörigen empfanden den Gottesdienst als den Wünschen von This Jenny entsprechend», sagt Kriesi dazu.

«Das Hinübergleiten braucht Zeit»

Pfarrer Ivan Walther von der reformierten Kirche Urdorf steht Exit und dem begleiteten Freitod kritisch gegenüber. Privat sei er mit einem Menschen in Kontakt gekommen, der augenscheinlich bei guter Gesundheit war, wenige Wochen später aber mithilfe von Exit aus dem Leben geschieden sei: «Das stimmte mich nachdenklich», so Walther, «wie man mit dem Leben umgeht, ist eine ethische Frage, die jeder für sich selber beantworten muss.» Walther habe für sich festgestellt, dass auch der Prozess des Sterbens eine Bereicherung sein könne. «Für das Hinübergleiten von dieser Welt ins Jenseits braucht die Seele Zeit», so Walther. Darum könne sich der Prozess des Ablebens über Stunden und Tage hinziehen, wie er in seiner Funktion als Pfarrer oft habe beobachten können. Den Argumenten von Exit und der Freitodhilfe wolle er sich dennoch nicht verschliessen.

Kriesi knüpft hier an und wirft die Frage auf, wann es sich denn um lebensverlängernde Massnahmen oder aber sterbeverlängernde Massnahmen handle. «This Jenny hat sich dazu entschieden, sein Sterben nicht zu verlängern. Die Frage, wann ein Leben noch ein Leben ist, stellen sich viele Todkranke», so Kriesi weiter. Denn mit blossem Stillen der Schmerzen ist das Leiden am Sterben nicht aufgehoben. «Das Wissen darum, dass man nur noch eine begrenzte Zeit zu leben hat, ist sehr schmerzvoll.»

In der morgigen Veranstaltung «Palliative care und Freitodhilfe: Beispiele und Reflexionen» spricht Werner Kriesi von seinen Erfahrungen als Freitodbegleiter. Mittwoch, 4. Februar, 19.30 Uhr in der neuen reformierten Kirche Urdorf.

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