Schwingen
«Es ist wieder cool, das Schweizerwappen zu tragen»

Im Vorfeld des Eidgenössischen Schwingfestes spricht Walter Leimgruber von der Universität Basel über die kulturellen Hintergründe des Sports und weshalb wir den Anlass nicht abschaffen dürfen.

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Wussten Sie, dass..
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Schwingen

Vasilije Mustur

Herr Leimgruber, Schwingen erfreut sich seit Jahren ungeahnter Beliebtheit. Worauf führen sie diesen Trend zurück?
Walter Leimgruber: Einerseits waren Schwinger immer eher konservativ. Sie vertreten ein Weltbild, das in den letzten Jahren auch in der politischen Arena sehr erfolgreich gewesen ist. Andererseits ziehen Schwingfeste aber auch ein jüngeres, urbanes und auch weibliches Publikum an. Dieses lebt in einer anderen Welt, sucht nach dem Speziellen, dem Aufregenden, dem angeblich Echten und Authentischen. Die Globalisierung hat uns mit kulturellen Formen und Traditionen der ganzen Welt vertraut gemacht. Wir können indianischen Zeremonien beiwohnen, asiatischen Kampfsportarten und der Musik der Südseebewohner. Das weckt auch die Neugier auf das, was es hierzulande gibt. Zudem ist seit einigen Jahren angesagt. Es ist wieder cool, das Schweizerwappen zu tragen, sich mit Insignien des Schweizerischen zu schmücken. Nennen wir das Patriotismus light oder die Konsumvariante der Heimatliebe.

Die Bevölkerung will also wieder Schweizer Traditionen pflegen. Sind wir der Globalisierung überdrüssig?
Leimgruber: Die Globalisierung hat den Effekt, dass die Bevölkerung in vielen Bereichen verunsichert ist. Sei es auf dem Arbeitsmarkt, beim gesellschaftlichen Wandel, der wachsenden Mobilität. Dieses Gefühl der Ohnmacht hat bei vielen Menschen die Suche nach klaren Positionen, Wurzeln und fester Identität verstärkt. Bei den einen kann das durchaus eine konservativere Weltsicht zur Folge haben, bei den anderen aber vielleicht auch zur Einsicht führen, dass ein entspanntes Neben- und Miteinander verschiedener kultureller Formen und Traditionen möglich ist.

Leimgruber Walter Leimgruber ist Professor am Seminar für Kulturwissenschaften und Europäische Ethnologie an der Universität Basel.

Leimgruber Walter Leimgruber ist Professor am Seminar für Kulturwissenschaften und Europäische Ethnologie an der Universität Basel.

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Die Schweiz hält an Traditionen wie dem Bankgeheimnis und Schwingen fest. Die Geschichte in Sachen Bankgeheimnis lehrt uns, dass dies ein Fehler war. Müssen wir deshalb auch darüber nachdenken, das Eidgenössische abzuschaffen?
Leimgruber: Was sich in beiden Fällen zeigt, ist die Tatsache, dass Dinge, die als gelten, sich auch wandeln und der gesellschaftlichen Entwicklung angepasst werden müssen - vielleicht auch irgendwann verschwinden. Eine Tradition ist nicht einfach etwas, das schon immer da war und unverändert von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Die Anlässe sind immer einem Wandel ausgesetzt. So gewinnen Werbung und Sponsoring immer mehr an Bedeutung. Die Schwinger trainieren heute nach modernsten medizinischen und sportwissenschaftlichen Erkenntnissen und auch die Verbandsarbeit wird immer stärker professionalisiert. Es geht nicht darum, solche Dinge abzuschaffen, sondern zu schauen, welche Bedeutung sie in einer Gesellschaft haben. Wenn niemand mehr sich für Anlässe wie das Schwingfest interessiert - werden sie verschwinden.

Ein weiteres Phänomen beim Schwingen ist, dass die Frauen in Scharen in die Arena strömen. Wie erklären Sie sich das?
Leimgruber: Wir erleben in den letzten ein, zwei Jahrzehnten einen Körperboom, in der Mode, im Sport, im Alltag. Man will schön, fit, stark, gesund sein, widmet seinem Körper, der zum Aushängeschild der Persönlichkeit wird, sehr viel mehr Aufmerksamkeit als früher. Das gilt für Frauen wie Männer. Frauen bewundern heute aber auch offen männliche Körper, während das früher nicht schicklich war, da durften nur die Männer die Frauen betrachten. Und die Schwinger verkörpern einen Typ, der im Alltag nicht mehr so häufig anzutreffen ist. Das hat seinen Reiz. Wir stellen ja ähnliches bei der Begeisterung von Frauen für Fussballer fest.

Auch bei diesem Punkt ist die Schwingszene in einem Widerspruch gefangen. Frauen als Zuschauer sind willkommen - mitschwingen dürfen sie nicht. Ein Grund mehr, den Anlass abzuschaffen!
Leimgruber: In der Tat vertreten viele Schwinger ein konservatives Weltbild, in dem die Plätze von Mann und Frau noch sehr genau geregelt sind und jedes Geschlecht eigene Funktionen hat. Auch das kann man nicht ändern, indem man einfach etwas abschafft, sondern indem man sich mit dieser Haltung auseinandersetzt. Wenn Frauen zu schwingen anfangen, weil sie das möchten und eigene Anlässe organisieren, die auf Resonanz stossen, wird sich die Haltung der Schwinger ebenfalls ändern. Diese sind in dieser Hinsicht typisch für die Schweiz, in der viele Massnahmen sehr lange brauchen, bis sie akzeptiert werden, seien das nun das Frauenstimmrecht und die Gleichstellung, seien das Dinge wie Tagesschulen, Kleinkindbetreuung etc., die in anderen Ländern schon seit langer Zeit erfolgreich etabliert sind. Vielleicht erleben wir aber auch eine Rückkehr zu wieder stärker patriarchalischen Verhältnissen. Wenn sich die Schwinger zusammentun mit den Migranten aus konservativen Gesellschaften, die den Frauen ebenfalls viele Bereiche verwehren, das Schwimmen in der Schule zum Beispiel, kann eine ganz neue Dynamik entstehen. Kein Schwingen, kein Schwimmen, keine Gleichstellung.

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