Es fehlen 1268 Organe

Bis ein passender Spender gefunden ist, muss ein kranker Mensch lange bangen – oft mehr als zwei Jahre. Swisstransplant ist alarmiert.

SaW Redaktion
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Nadja* war im Auto unterwegs, als ihr Handy klingelte und man ihr sagte, dass eine passende Niere und eine Bauchspeicheldrüse gefunden seien. Das war im Dezember 2011. Dann ging es schnell. Sie informierte ihr engstes Umfeld und kurz später lag sie im Operationssaal. Alles verlief gut. «Das Gefühl, als ich aufwachte und erstmals nach Jahrzehnten Diabetes ein Nutella-Brot essen konnte, war unbeschreiblich», erzählt Nadja.
Nicht alle haben so viel Glück wie Nadja. 1268 Patienten warten zurzeit auf ein Organ. Die Listen sind so lang wie nie zuvor. Es fehlen Herzen, Nieren, Lungen und Lebern. «Die Situation ist alarmierend», bestätigt Franz Immer, Direktor von Swisstransplant. Bis ein passender Spender gefunden ist, muss ein kranker Mensch oft lange bangen. 457 Tage wartet ein Empfänger im Durchschnitt auf eine Lunge. 944 Tage dauert die Wartezeit für eine Niere.
«Erkrankungen der Nieren sind sehr häufig. Glücklicherweise können Nierenpatienten an der Dialyse (Blutwäsche) teilweise über Jahre hinweg stabilisiert werden, bis das passende Organ gefunden wird», sagt Immer.
Für manche kommt trotzdem jede Hilfe zu spät. 50 Menschen starben bereits dieses Jahr, weil sie nicht rechtzeitig ein Organ erhielten. Grund: Nirgendwo sonst in Mitteleuropa gibt es so wenige Spender wie in der Schweiz. Nur 13 von 1 Million Schweizern spenden nach ihrem Tod ein Organ. Tendenz sinkend.
Auch in Deutschland nimmt der Kampf um Organe zu. Diese Woche steht ein Arzt der Uni-Klinik Göttingen vor Gericht, der seine Patienten auf dem Papier kränker gemacht haben soll, als sie es tatsächlich waren, um für sie schneller ein neues Organ zu bekommen.
Schweizweit haben 70 Verstorbene seit Januar 251 Organe gespendet. Das sind mehr als im Vorjahr, doch es reicht nicht. Das hat auch der Bundesrat erkannt und einen Aktionsplan vorgestellt. Das Ziel: 160 Spender pro Jahr. Zudem diskutiert das Parlament in der Herbstsession die Revision des Transplantationsgesetzes. Und es sind gleich mehrere Vorstösse hängig. So verlangt ein Vorstoss, dass die Schweiz die Widerspruchsregelung einführt. Das würde bedeuten, dass jemand sich in ein Register eintragen lassen müsste, wenn er seine Organe nicht spenden will.
Swisstransplant Direktor Immer unterstützt diesen Vorstoss unter der Bedingung, dass die Angehörigen immer nach dem Willen des Verstorbenen befragt werden. Er sieht aber nicht nur bei den künftigen Spendern noch Potenzial, sondern auch bei den Spitälern. «Gerade in kleineren Spitälern werden potenzielle Spender nicht erkannt oder es fehlt an Ressourcen für Transplantationen.» Deshalb werden neu Ärzte und Pflegende ausgebildet, die in den Spitälern als Koordinatoren für Organspende agieren. Als Vorbild dient Spanien. Dort kommen in den Spitälern sogenannte Spendenmanager zum Einsatz. Diese suchen gezielt nach geeigneten Organspenden, reden mit Angehörigen von todkranken Patienten sowie schulen und sensibilisieren das Spitalpersonal zum Thema.
Das Problem heute in der Schweiz: Stirbt jemand im Spital, werden die Angehörigen gefragt, ob sie wüssten, ob der Patient seine Organe spenden wolle. «In dieser traurigen Situation überfordert das die meisten», sagt Immer. Deshalb würden in mehr als der Hälfte der Fälle die Angehörigen die Frage mit Nein beantworten. Nur jeder zehnte Schweizer trägt einen Organspendenausweis auf sich. «Die meisten Spender gehen verloren, weil ihr Wille nicht bekannt ist.»
Nadja muss Medikamente nehmen, jeden Tag. Damit ihr Körper die neue Niere und Bauchspeicheldrüse nicht abstösst. Doch sie fühlt sich super, wie sie sagt. «Ohne Angst zu schlafen, ist Lebensqualität.» Früher liess sie den Schlüssel ihrer Wohnung nie im Türschloss stecken. Das nur aus einem Grund: Damit ihr jemand zu Hilfe kommen könnte, wenn sie wegen Unterzuckerung bewusstlos geworden wäre. «Ich selber würde meine Organe spenden», sagt Nadja. «Aber das muss jeder für sich selber entscheiden.» Das Wichtigste ist für sie, dass die Angehörigen wissen: Spenden ja oder nein.
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