Dietikon
Ensemble Vila: Vier Herren, die auf Kirchenslawisch harmonieren

Das Ensemble Vila ist ein Exot unter den Chören: Es singt orthodoxe Kirchenlieder.

Tobias Hänni
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Das Ensemble Vila: Edi Nussbaumer, Théo Müller, Ewald Scholer und Viktor Landa (von links).

Das Ensemble Vila: Edi Nussbaumer, Théo Müller, Ewald Scholer und Viktor Landa (von links).

HO

Den Mitgliedern des Vokalensembles Vila hört man ihr stattliches Alter nicht an. Dafür umso mehr, dass sie seit zehn Jahren gemeinsam auftreten: Wenn der 75-jährige Viktor Landa (Bass), der 78-jährige Ewald Scholer (Bariton) und die beiden 72-jährigen Théo Müller und Edi Nussbaumer (beide Tenor) zusammen ostkirchliche Lieder singen, dann entsteht aus ihren Stimmen ein harmonisches Ganzes. «Wir haben Glück, dass unsere Stimmen sehr gut zusammen passen», sagt der Dietiker Viktor Landa, der das Ensemble 2006 ins Leben gerufen hat. Ausserdem versuche niemand, die anderen zu überstimmen. «Das ist bei den russischen Liturgiechören eher die Ausnahme. Die Mitglieder sind meist Opernsänger, die sich gerne etwas in den Vordergrund stellen», so Landa.

Aus dem Kyrillischen übersetzen

Dass die vier älteren Herren überhaupt damit angefangen haben, die in der Schweiz eher unbekannten orthodoxen Kirchenlieder zu singen, haben sie unter anderem Landas Frau zu verdanken, die der serbisch-orthodoxen Kirche angehört. «Die Gesänge während der Gottesdienste haben mich immer sehr angesprochen», erzählt Landa. In Scholer, Nussbaumer und Müller fand er Gleichgesinnte, die seine Faszination für die Lieder der orthodoxen Liturgie teilen. «Ich habe als junger Mann in einem gregorianischen Chor gesungen. Die Idee hat mich deshalb gepackt», sagt der ehemalige Dietiker Théo Müller, der heute in Menzingen (Zug) lebt. Scholer wiederum hat als einstiger reformierter Pfarrer von Bremgarten-Mutschellen einen direkten Bezug zu den Texten der orthodoxen Lieder. «Es handelt sich oft um Bibelpsalme», sagt er. Das erleichtere nicht zuletzt auch die Übersetzung der Liedtexte von der kyrillischen in die lateinische Schrift. Scholer ist für die Transkription zuständig, da er Russisch spricht und deshalb Kyrillisch lesen kann. «Allerdings ist das Kirchenslawisch der Lieder sehr viel schwieriger zu verstehen als normales Russisch», sagt er. Da helfe es, wenn er den entsprechenden Psalm in der Bibel nachschlagen und auf diese Art übersetzen könne.

Immer im Smoking

Ein «Chrampf» sei es zunächst gewesen, überhaupt an die Notenblätter der Lieder heranzukommen, sagt Landa. «Die findet man hierzulande kaum.» Nach einiger Suche sei er auf den «Verein für ostkirchliche Musik» gestossen, bei dem das Ensemble seither die Noten bezieht. Inzwischen ist es selber Mitglied im Verein, dem in der Schweiz gerade einmal fünf Chöre angehören. Mit ihrem Liedgut gehören die vier Sänger, die stets in Smoking und Fliege vors Publikum treten, in der hiesigen Chorszene «zu den Exoten», wie sie sagen.

Beliebt ist das Vokalensemble trotz oder vielleicht gerade wegen des Exotenstatus. Seit der Premiere 2007 in der reformierten Kirche Dietikon ist das Quartett in der ganzen Deutschschweiz über 70 Mal aufgetreten, meistens im Rahmen eines Gottesdienstes. Über die Jahre hat das Ensemble ein Repertoire von rund 40 Liedern einstudiert. Gemeinsam proben müssen die vier deshalb nicht mehr allzu oft. «Anfangs haben wir uns etwa zwei mal pro Monat getroffen. Heute sind es noch ein bis zwei Proben vor einem Auftritt», sagt Müller. Da sie alle Musiker mit langjähriger Erfahrung seien, könne sich jeder zu Hause vorbereiten. «In den gemeinsamen Proben stimmen wir uns nur noch aufeinander ab.»

Wann immer möglich, versuchen die vier Pensionäre, sich am Ort des Auftritts vorzubereiten. «Das gibt uns die Gelegenheit, die Akustik kennenzulernen», so Landa. Und diese auch zu geniessen: Denn das Zusammenspiel der Stimmen, das in einer Kirche besonders gut zur Geltung kommt, «gibt uns selber viel». Die vier Männer wollen deshalb noch so lange auftreten, «wie es gesundheitlich möglich ist». Auf jeden Fall wollen sie es nicht so machen wie der niederländische Sänger und Schauspieler Johannes Heesters, der noch mit 102 Jahren auf der Bühne stand. Irgendwann werde die Stimme brüchig und man müsse sich eingestehen, dass es nicht mehr gehe, sagt Müller. «Wenn jemand von uns nicht mehr kann, werden wir wohl aufhören.» Denn die Harmonie und den vollen Klangkörper erreiche das Ensemble nur, wenn es komplett sei. Deshalb musste das Ensemble auch schon zwei Auftritte absagen, «da die einen stark erkältet waren». Bleibt zu hoffen, dass keiner der Sänger an Pfingsten verschnupft ist: Am 14. Mai begleiten sie die Pfingstvorabendmesse in der Kirche St. Agatha, einen Tag davor bestreiten sie dort als Ersatz für Organist Bernhard Hörler die Feierabendmusik.

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