Enkeltrick
Enkeltrickbetrüger: Strafrechtler fordern mehr Schutz für Ältere

Bei jedem dritten Versuch sind Betrüger mit dem Enkeltrick erfolgreich. Gutgläubig geben die Opfer grosse Summen an völlig unbekannte Personen. Bestrafung soll einfacher werden, die Hürde um auf Betrug verfolgt zu werden, soll gesenkt werden.

Alfred Borter
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Alte Leute fallen zu oft auf «falsche Enkel» herein. Das Gesetz sagt: Wer nicht aufpasst, ist selber schuld.key

Alte Leute fallen zu oft auf «falsche Enkel» herein. Das Gesetz sagt: Wer nicht aufpasst, ist selber schuld.key

Betrügereien mit dem Enkeltrick sind ein lohnendes Geschäft. Rolf Nägeli, Chef des Kommissariats Prävention und Kommunikation der Stadtpolizei Zürich hat gestern aufsehenerregende Zahlen genannt. Dies im Rahmen des Präventionsforums des Europa-Instituts im Technopark. Im letzten Jahr zählte man in Zürich 70 Enkeltrickbetrügereien. In 30 Prozent der Fälle war die Täterschaft erfolgreich. Unter den Geschädigten sind 42 Frauen und 30 Männer. Die Gauner erbeuteten total über eine Million Franken. Der Höchstbetrag belief sich bislang auf 353 000 Franken.

«Wir lassen uns alle übertölpeln»

Daniel Jositsch, Strafrechtsprofessor an der Universität Zürich und SP-Nationalrat, will angesichts der vielen Enkeltrick-Betrugsfälle schärfere Gesetze zugunsten der schwächeren Mitbürger .

Sind manche ältere Leute einfach blöd, dass sie sich von Betrügern übertölpeln lassen?

Daniel Jositsch: Das lässt sich so nicht sagen. Eigentlich sind wir alle ein bisschen blöd und lassen uns übertölpeln, etwa wenn wir Formulare unterschreiben, die wir nicht ganz verstehen. Aber ältere Menschen sind besonders gefährdet.

Und deshalb müssen sie vom Gesetz besonders geschützt werden?

Ich glaube schon. Die schwächeren Glieder der Gesellschaft brauchen besonderen Schutz, so ältere Menschen, die nicht mehr im Vollbesitz ihrer Kräfte sind. Es kann nicht sein, dass diese ganzen Heerscharen professioneller Betrüger ausgesetzt sind, die Gesellschaft hat hier eine gewisse Verpflichtung.

Sie plädieren für eine Gesetzesanpassung: Die Schwelle dafür, dass auf Betrug erkannt wird, soll herabgesetzt werden.

Ja, das könnte einen Beitrag leisten, damit Leute, die ältere Menschen, aber auch Fremdsprachige, mittels solcher Machenschaften um ihr Geld bringen, tatsächlich auch strafrechtlich verfolgt werden. Ich plädiere nicht für eine Lex senex, also für ein Gesetz nur zugunsten von älteren Menschen, sondern generell für den Schutz schwächerer Mitglieder unserer Gesellschaft.

Und dann sind diese potenziellen Opfer besser geschützt?

Noch besser wäre natürlich, wenn diese Menschen besser in der Gesellschaft eingebunden wären, wenn die jüngere Generation und die ältere besser miteinander verknüpft wären. Heute sind ältere Menschen oft sehr allein, haben kaum Gesprächspartner unter jungen Leuten. Aber ich kann die Gesellschaft nicht ändern, sondern kann nur drauf hinwirken, dass die Gesetze geändert werden. Daher setze ich hier an.

Mehrfach haben die Opfer gutgläubig grosse Summen an völlig unbekannte Personen übergeben, oft in der Meinung, damit einem nahen Verwandten aus einer Notlage zu helfen. Oder dann drehten ihnen die Betrüger wertlose Ringe oder minderwertige Teppiche für teures Geld an. «Die Dreistigkeit, mit der die Betrüger vorgehen, ist enorm», meinte Nägeli. Auf Enkeltrick-Betrüge anfällig sind vor allem sehr alte Menschen: Während unter 60-Jährige davor noch weitgehend gefeit sind, wächst das Risiko bei den über 70-Jährigen an, und am meisten sind die über 80-Jährigen gefährdet.

Mit einer gewissen Befriedigung hielt Nägeli fest, dass immerhin etliche der anvisierten Opfer auf das Ansinnen der Betrüger nicht eingingen und rechtzeitig die Polizei informierten. «Die Prävention nützt», stellte er fest, fügte aber gleich bei: «Wir haben noch viel zu tun.»

Wie zur Illustration dieser Aussage wurde gestern bekannt, dass erneut ein Rentnerehepaar in der Stadt Zürich von einer Enkeltrickbetrügerin hereingelegt worden ist. Insgesamt übergaben die beiden einem angeblich von der Enkelin geschickten Boten mehr als 400 000 Franken.

Ältere brauchen Unterstützung

Philipp Hotzenköcherle, Kommandant der Stadtpolizei Zürich, bestätigte, dass ältere Menschen zunehmend ins Visier von Betrügern geraten. Diese machen sich zunutze, dass bei älteren Menschen häufig Gedächtnis und Urteilsvermögen nachlassen und dass sie zudem gegenüber hilfsbedürftigen Familienmitgliedern recht grosszügig sein können. Und manche sind recht vermögend und können rasch grössere Summen bereitstellen. «Kinder und Jugendliche erhalten schon länger eine besondere Unterstützung, wir müssen sie auch älteren Menschen gewähren», meinte er. Zudem votierte er für die Einrichtung von Generationenhäusern, wo ältere und junge Menschen gemeinsam zusammenleben.

Was lässt sich tun dagegen, dass ältere Menschen vermehrt Opfer von Betrügereien werden? Strafrechtsprofessor Martin Killias stellte fest, dass Kriminaltouristen, die nur zum Zweck in die Schweiz einreisen, um hier ältere Leute auszunehmen, nur selten Gefahr laufen, hart angefasst zu werden und mit einer unbedingten Strafe bedacht zu werden. Er meinte, Staatsanwälte und Richter sollten die Mühe auf sich nehmen und vermehrt gegen solche Täter einschreiten.

Jositsch will Hürde senken

Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch fügte bei, seiner Meinung nach sei die Hürde dafür, dass jemand wegen Betrugs verfolgt und verurteilt wird, zu senken. Heute gilt nur derjenige als Betrüger, der arglistig gehandelt hat. Wenn die Untersuchungsbehörden und Richter zur Ansicht gelangen, es habe bloss eine Täuschung vorgelegen, das Opfer habe nicht genügend aufgepasst und sei schlicht ein gutes Stück selber schuld, kommt die Täterschaft ungeschoren davon. Das müsse man korrigieren, meinte Jositsch.

Das Thema werde nun in der Rechtskommission des Nationalrats diskutiert.

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