St. Urban–Melchnau
Ende einer Oberaargauer Eisenbahngeschichte

Der Bundesrat hat die Konzession für die 5,16 Kilometer lange Bahnlinie St. Urban Ziegelei nach Melchnau aufgehoben. Damit geht ein Teil der Oberaargauer Eisenbahngeschichte zu Ende.

Marcel Siegrist
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Hin und wieder waren noch Extrazüge unterwegs.

Hin und wieder waren noch Extrazüge unterwegs.

Prellbock-Verlag

Die einspurige Schmalspur-Eisenbahnstrecke zwischen St. Urban Ziegelei und Melchnau diente seit Jahren nur noch zu gelegentlichen Ausflugs- und Dienstfahrten. Nun hat der Bundesrat auf Gesuch der Aare Seeland mobil AG (asm), Eigentümerin der Strecke, mit Zustimmung der Kantone Bern und Luzern die Konzession für die 5,16 Kilometer lange Bahnlinie aufgehoben.

«Es besteht kein öffentliches Interesse mehr an der Aufrechterhaltung dieser Strecke», schreibt das Bundesamt für Verkehr in einer Mitteilung. «Auf dem Streckenteil St.Urban Ziegelei–
Melchnau sind nun keine Fahrten mehr erlaubt», erklärt Fredy Miller, Direktor der Aare Seeland mobil AG.

1873 wurde Konzession beantragt

Damit geht ein Stück Oberaargauer Eisenbahngeschichte zu Ende. 1873 beantragte die Schweizerische Centralbahn (SCB) eine Konzession für eine Bahnlinie Langenthal– St.Urban–Altbüron–Ebersecken– Schötz–Wauwil. Am 23. September 1873 wurde diese Konzession erteilt. Melchnau sollte von dieser Bahnlinie allerdings nicht berührt werden. Damit waren die Melchnauer aber gar nicht zufrieden. Die Auseinandersetzungen um die Bahnlinie wurden bis vor den Bundesrat gezogen. Dieser beschloss im Mai 1874, die SCB einzuladen, das Trassee so zu ändern, dass eine Haltestelle bei St.Urban und eine Station in Melchnau möglich ist. Doch alles kam anders: Die 1875 beginnende Wirtschaftskrise führte dazu, dass die SCB alle ihre Bauvorhaben einstellte.

Anfang 1890 kam erneut der Gedanke einer Eisenbahnverbindung zwischen Langenthal und Wauwil auf. Am 28. Dezember 1891 wurde dem eidgenössischen Eisenbahndepartement das Gesuch um Erteilung einer Konzession für den Bau und Betrieb einer elektrischen Schmalspurbahn von Langenthal nach Melchnau (LMB) eingereicht. Mit Bundesbeschluss vom 12. März 1912 wurde die Konzession für 80 Jahre erteilt. Diese hatte bis 31. März 1992 Bestand.

Für den Betrieb der Bahn stellte die Aktiengesellschaft Langenthal-Melchnau-Bahn (LMB) das nötige Geld zur Verfügung. Am 31. Dezember 1917 betrug das Aktienkapital 987000 Franken, aufgeteilt in 1974 Aktien zu je 500 Franken. Die Geschäftsführung wurde der Jura-Langenthal-Bahn (LJB) übertragen. Die konstituierende GV der LMB fand am 21. April 1913 im Gasthof Löwen in Melchnau statt.

Baubeginn am 6. Dezember 1915

Am 6. Dezember 1915 wurde der Bahnbau in Angriff genommen. Am 5. Oktober 1917 wurde die Fertigstellung der Eisenbahnlinie gefeiert und am nächsten Tag nahm die damalige Langenthal-Melchnau-Bahn auf der Strecke Langenthal–St.Urban–Melchnau ihren Betrieb auf. Gleichentags wurden die Pferdeposten Langenthal–Obersteckholz–Melchnau und Roggwil–Wynau–Roggwil–St. Urban aufgehoben.

 Eröffnung Langenthal-Melchnau-Bahn: Zwischenhalt der CFe 4/4 6, der C 19, 18 und 16 beim Bahnhof Untersteckholz bei der ersten Fahrt am 5. Oktober 1917.

Eröffnung Langenthal-Melchnau-Bahn: Zwischenhalt der CFe 4/4 6, der C 19, 18 und 16 beim Bahnhof Untersteckholz bei der ersten Fahrt am 5. Oktober 1917.

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Die Langenthal-Melchnau-Bahn war finanziell nie auf Rosen gebettet. Eine Fusion mit der LJB zeichnete sich ab und wurde am 5. Juli 1958 Tatsache: die GV der LMB stimmte einer Fusion, rückwirkend auf den 1. Januar 1958, zu. Nach vollzogener Fusion zu den Oberaargau-Jura-Bahnen (OJB) gelangte die OJB zusammen mit der Solothurn–Niederbipp-Bahn (SNB) am 25. September 1959 an das eidgenössische Post- und Eisenbahndepartement mit dem Gesuch, die oberaargauischen Schmalspurbahnen mit 4,8 Mio. Franken zu unterstützen.

Dieses Gesuch veranlasste das Departement, die Frage zu prüfen, ob der Bahnbetrieb zwischen Langenthal und Melchnau technisch zu sanieren ist oder ob die Verkehrsbedürfnisse durch einen Strassentransport sicherzustellen sind. Ende der 70er-Jahre überprüften Planer generell den öffentlichen Personenverkehr im Oberaargau.

Auch florierende Tage erlebt

Die Langenthal-Melchnau-Bahn erlebte auch florierende Tage. So etwa am 26. Januar 1975, als die Radquer-Weltmeisterschaft in Melchnau stattfand und die Bahn von den
25000 Zuschauern rund 15000 beförderte. Damals wurde ein spezieller Bahnsteig errichtet und zum ersten Mal extra für diesen Tag ein Taktfahrplan erstellt.

Ein Taktfahrplan wurde 1979 eingeführt, brachte aber auf der Bahnlinie St.Urban–Melchnau keine Frequenzzunahme. Auf den 23. Mai 1982 wurde die bisher einzige Bahnverbindung durch die Bahnverbindung Langenthal–Roggwil–St. Urban und die zwei Busverbindungen Langenthal–Obersteckholz–Melchnau sowie Roggwil–St.Urban–Untersteckholz–Melchnau ersetzt. Die letztgenannte Strecke wurde nur ein Jahr später eingestellt.

Bei der Endstation Melchnau wartet die CFe 4/4 6 auf Fahrgäste.

Bei der Endstation Melchnau wartet die CFe 4/4 6 auf Fahrgäste.

Zur Verfügung gestellt

Der Personenverkehr auf dem Abschnitt St.Urban– Langenthal wird bis heute von der Aare Seeland mobil AG aufrechterhalten. Es verkehren Regionalzüge im Halbstundentakt. Für die Teilstrecke St.Urban Ziegelei–Melchnau wurde auf den 1. April 1992 nur noch eine Konzession erteilt, die keinen regelmässigen Personenverkehr erlaubte, dies auf 30 Jahre befristet.

Geleise bleiben vorläufig

Mit dem Aufheben der Konzession ist das Ende der Bahnstrecke Melchnau–St.Urban Ziegelei besiegelt. Die Schienen bleiben Zeitzeugen einer bewegten Eisenbahngeschichte. «Die Geleise werden vorläufig nicht zurückgebaut; es besteht diesbezüglich keine Auflage», erklärt Fredy Miller. Betreffend frei werdender Landflächen wird erst Ende dieses Jahres entschieden. Zurzeit laufen noch Abklärungen. Gebäude entlang der Bahnstrecke besitzt die Aare Seeland mobil AG keine mehr. «Diese wurden schon vor längerer Zeit, vor rund acht Jahren, an Private verkauft», so Miller.