Limmattal
«Einige Rappen pro Rolle»: Güselsäcke werden billiger produziert

Die regionalen Gebührensäcke kommen in Zukunft aus Deutschland. Profitiert der Konsument davon?

David Egger
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Wo die Limmattaler Gemeinden ihre Kehrichtsäcke künftig beziehen werden, wird im Herbst entschieden.

Wo die Limmattaler Gemeinden ihre Kehrichtsäcke künftig beziehen werden, wird im Herbst entschieden.

Sven Broder/Archiv

Im Herbst treffen sich Limmattaler Gemeinderäte zu einer wichtigen Sitzung, in der es um die Limmattaler Gebührensäcke geht. Denn wer diese liefert und wie viel jeder Limmattaler dafür zahlen muss, das bestimmt die Konferenz der Gesundheitsvorstände und Gesundheitssekretäre des Bezirks Dietikon (GVSBD). Noch liefert die Petro-plast Vinora die Gebührensäcke. Doch die Firma wird ihre Schweizer Werke in Andwil und Jona schliessen.
In der Konsequenz heisst das, dass die 350 Millionen Gebührensäcke, welche die Petroplast Vinora jährlich produziert, künftig nicht mehr in der Schweiz, sondern in Deutschland hergestellt werden, bei Papier-Mettler. Die Firma aus Rheinland-Pfalz gehört zu den Global Playern der Kunststoffverpackungsindustrie und macht über eine Milliarde Euro Umsatz pro Jahr.

Doch ab wann kommen die Schweizer Gebührensäcke aus Deutschland? Verschiedene Medien berichteten, dies sei ab Sommer der Fall. Das sei falsch, moniert nun Roland Müller, auf Anfrage gegenüber der Limmattaler Zeitung. Müller ist Verkaufsleiter der Sparte Abfallwirtschaft und Recycling bei der Petroplast Vinora und sagt: «Richtig ist, dass das Werk in Andwil im Sommer geschlossen wird. Die Gebührensäcke werden aber in Jona hergestellt. Dieses Werk schliessen wir erst, wenn Papier-Mettler seine Produktionskapazität auf das nötige Mass ausgebaut hat.» Dies werde – nach heutigem Stand – nicht vor Ende 2016 der Fall sein. «Es handelt sich schliesslich um ein grosses Auftragsvolumen, das verlagert wird. Als Grundversorger sehen wir uns in der Pflicht, absolut keinen Lieferungsengpass zu riskieren», so Müller.

Schweizer Hersteller wäre bereit

Auch ein anderer Fehler in der Medienberichterstattung zur Schliessung der Produktion von Petroplast Vinora fällt auf. Mehrfach hiess es, dass dieses Unternehmen das einzige sei, das noch in der Schweiz Gebührensäcke herstellt, so zum Beispiel auch im «Blick».
Aber in der Ostschweiz gibt es noch einen anderen Produzenten von Gebührensäcken: die Top Pac AG in Jonschwil, St. Gallen. Sie fertigt unter anderem den Bebbi-Sagg, den Gebührensack von Basel-Stadt. Die Stadt Zürich ist ein Spezialfall: Die eine Hälfte der Züri-Säcke produziert Top Pac, die andere Petroplast Vinora. Auch die Stadt Baden lässt sich von Top Pac beliefern.
Das Unternehmen ist also mit der Region vertraut.

Doch hätte Top Pac überhaupt die Kapazität, für das Limmattal Gebührensäcke herzustellen? Der Geschäftsführer Christoph Behrndt verweist auf die Grossaufträge von Basel und Zürich und sagt: «Wir könnten problemlos die Aufträge von weiteren Gemeinden und Abfallzweckverbänden annehmen. Eine grössere Auslastung unserer Produktion würde uns auch betriebswirtschaftlich nutzen.» Zurzeit stelle Top Pac etwa einen Fünftel aller Schweizer Gebührensäcke her.
Auch mit den jetzigen Preisen von Petroplast Vinora könne die Top Pac mithalten. «Unser Werk ist 30 Kilometer von jenem der Petroplast Vinora entfernt. Die Maschinen, das Personal, der Rohstoff: Alles kostet für uns beide gleich viel», so Behrndt.

Es sei möglich, dass die Limmattaler Gemeinderäte an ihrer Sitzung im Herbst entscheiden, dass Offerten von anderen Anbietern einzuholen sind, sagt André Thoma, Leiter des Schlieremer Werkhofsekretariats, dem das Sekretariat der Gemeinderäte-Konferenz GVSBD angegliedert ist. Noch sei aber völlig unklar, was geschehen wird.
Grundsätzlich bieten sich drei Möglichkeiten: Das Limmattal könnte den Lieferanten Petroplast Vinora beibehalten und die Preise senken. Oder man lässt die Preise gleich und wechselt zu Top Pac, um den Schweizer Wirtschaftsstandort zu unterstützen. Weiter wäre es auch möglich, die Preise und den Lieferanten nicht zu ändern.

Für Konsumenten wäre natürlich eine Preissenkung attraktiv. Diese ist möglich: Laut Roland Müller von der Petroplast Vinora werden die Produktionskosten der Kehrichtsäcke eher tiefer ausfallen, sobald die Säcke in Deutschland hergestellt werden. Die Petroplast Vinora will die veränderten Konditionen laut Müller an die Zweckverbände und Gemeinden weitergeben. Ob diese den Preisvorteil dann an die Konsumenten weitergeben, hängt von den Gemeinderäten ab. Die Verträge zwischen der Limmattaler GVSBD und der Petroplast Vinora lassen sich jeweils mit einer Frist von sechs Monaten auf Ende Jahr kündigen.

Wie viel billiger die Produktion einer Güselsack-Rolle genau wird, ist noch unklar. «Die Vergünstigung in Bezug auf die Herstellung dürfte einige Rappen pro Rolle betragen», sagt Roland Müller. Die ganze Administration der Petroplast Vinora bleibt in der Schweiz.
Ein Ostschweizer Abfallzweckverband, der schon 2015 zu einem deutschen Hersteller wechselte, konnte so zwei Rappen pro Sack sparen. Bei einem Verbrauch von einem Sack wöchentlich pro Einwohner würde die gleiche Vergünstigung allein für Dietiker Konsumenten bedeuten, dass sie zusammen rund 30 000 Franken im Jahr sparen würden.
Die Marge wird totgeschwiegen

Vom Preis von 17 Franken, den man für eine Zehner-Rolle Limmattaler 35-Liter-Gebührensäcke zahlt, machen 87 Prozent die effektiven Gebühren aus, von denen ein Grossteil an den Entsorger Limeco fliesst, der den Limmattaler Abfall verbrennt. Die restlichen 13 Prozent umfassen Kosten für Herstellung und Logistik sowie die Marge, die die Verkäufer der Gebührensäcke erhalten, also zum Beispiel Grossverteiler wie Coop und Migros.
Wie hoch die Marge des Detailhandels genau ist, will die GVSBD trotz Nachfrage nicht sagen. «Im Moment, da die Produktionsstätte gewechselt wird und wir nicht wissen, wie es zukünftig aussieht, wollen wir dazu keine Stellung nehmen», erklärt André Thoma.
Speziell: Erst vorletzte Woche gab die Kebag AG, die in vielen Solothurner Gemeinden den Kehricht entsorgt, die Marge auf Anfrage der «Solothurner Zeitung» bekannt. Sie beträgt dort 45 Rappen pro Zehnerrolle Güselsäcke.