Irak-Krieg
Eine neue Sicht auf den Weg in den Irak-Krieg

Neue Dokumente zeigen, wie eng die USA und Britannien ihre Kriegspropaganda miteinander abstimmten Top Secret.

Christian Nünlist
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Eine neue Sicht auf den Weg in den Irak-Krieg

Eine neue Sicht auf den Weg in den Irak-Krieg

«Je mehr wir darüber erfahren, wie der Irak-Krieg begann, desto schlimmer wird die Geschichte» – diese deprimierende Bilanz zieht kein Geringerer als John Prados, ein US-Historiker, der sich seit Jahren mit dem Weg der Bush-Regierung in den Irak-Krieg beschäftigt. Prados arbeitet für das National Security Archive in Washington D.C. Der Name täuscht; es handelt sich nicht um eine Regierungseinrichtung. Ganz im Gegenteil. Es ist ein unabhängiges Forschungsinstitut der George Washington University, das Regierungsdokumente sammelt und publiziert. Dokumente, welche die US-Regierung nicht freiwillig herausrücken möchte. Die Deklassifizierung findet deshalb meistens auf dem Gerichtsweg statt.

John Prados hat soeben mithilfe seiner Kollegin Joyce Battle und dem britischen Journalisten Christopher Ames ein 62-seitiges Internetdossier zusammengestellt, das die kontroverse Entscheidungsfindung im Vorfeld der US-Invasion im Irak im März 2003 nochmals genau unter die Lupe nimmt. Das Dossier besteht aus einem mit wissenschaftlichen Fussnoten und Links zu den Originaldokumenten angereicherten, faszinierenden Essay.

Minuziöse Rekonstruktion

Aus dem umfangreichen, bisher unveröffentlichten Material lässt sich der Weg der Regierungen von George W. Bush und Tony Blair in den Irak-Krieg minuziös rekonstruieren. Und zwar erstmals mithilfe von geheimen Regierungsdokumenten, nicht nur aufgrund von Pressemitteilungen und Reden der Neokonservativen.

Die Erkenntnisse, die sich aus dem neuen Material ableiten lassen, sind schockierend. Es wird klar, dass die Bush-Regierung schnell vom diplomatischen Pfad abwich, um eine mögliche irakische Bedrohung mithilfe von Sanktionen einzudämmen. Es wird klar, dass es in der US-Regierung zu keinem Zeitpunkt eine Alternative gab zum militärischen Vorgehen im Irak. Und es wird klar, dass die USA nicht nur selbst die öffentliche Meinung in Amerika und weltweit manipulierten, sondern auch die britische Regierung dazu brachten, ihr Lügenkonstrukt nachzuerzählen.

Die neokonservativen Politiker der Bush-Regierung hatten ihren inneren Kompass schon längst auf den Irak ausgerichtet, nicht erst im Nachgang zu den Terroranschlägen der Kaida am 11. September 2001. Bereits am dritten Tag der Bush-Regierung wurde US-Aussenminister Colin L. Powell laut den soeben publizierten Dokumenten darauf aufmerksam gemacht, dass ein Regimewechsel im Irak das Hauptziel von Bushs Aussenpolitik sein würde.

Keine Alternativen zum Krieg

Nach 9/11 ging dann alles rasant schnell. Die ersten Instruktionen von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld an die Vereinigten Stabschefs, einen Kriegsplan für den Irak auszuarbeiten, stammen vom 29. September 2001. In diesem Moment trafen gerade die ersten CIA-Teams in Afghanistan ein und bereiteten die US-Bombardierungskampagne am Hindukusch vor.

Während ab Dezember 2001 das US-Central Command (Centcom) die Angriffspläne gegen den Irak kontinuierlich revidierte und verbesserte, gedrängt vom ungeduldigen Rumsfeld, gibt es in all den Unterlagen keinen einzigen Hinweis darauf, dass Präsident Bush je eine bewusste Entscheidung zum Krieg traf. Es gab zwar zahlreiche Sitzungen im Weissen Haus und im Pentagon zum Thema Irak. Nie wurde jedoch dabei hinterfragt, ob Krieg wirklich die beste Option sei. Der Krieg wurde von Anfang an als unvermeidlich angenommen. Die Bush-Regierung entwarf keine alternativen Pläne, wie sie ihre Ziele auch ohne einen Krieg oder verdeckte Operationen erreichen könnte.

Der wichtigste Moment, als fast eine bewusste Kriegsentscheidung fiel, war das Gipfeltreffen von Bush mit Blair auf Bushs Ranch in Crawford, Texas, im April 2002. Die britische Regierung glaubte, die USA marschierten zu schnell in Richtung Krieg, ohne die öffentliche Meinung in Amerika und weltweit genügend auf einen Irak-Krieg vorbereitet zu haben. In Crawford gab Blair sein grünes Licht zu einem Krieg, unter der Bedingung, Bush sichere sich die Unterstützung der Weltgemeinschaft.

Bush bricht Crawford-Versprechen

Bush kümmerte sich allerdings nicht gross um dieses Versprechen. Er musste immer wieder von Blair und seinem eigenen Aussenminister Colin Powell daran erinnert werden, eine UNO-Resolution zu ersuchen. Dass Bush die UNO-Resolution unwichtig war, zeigt nicht nur, dass er von Anfang an auf Krieg gesetzt hatte, sondern ist auch Beleg dafür, wie wenig wichtig es ihm war, Blairs Bedingung auch tatsächlich zu erfüllen.

John Prados weist auch auf ein interessantes Dokument aus dem US-Aussenministerium hin. Ein Analyst warnte davor, dass ein Krieg im Irak «die britischen Muslime radikalisieren würde, von denen bisher eine grosse Mehrheit die Anschläge vom 11. September abgelehnt haben». Der Irak-Krieg hatte später genau diesen Radikalisierungseffekt auf Muslime, nicht nur in Grossbritannien, sondern auch in den USA und anderswo im Westen.

Dass diese Konsequenz des Irak-Kriegs lange vor dem Krieg vorhergesagt wurde, aber von der Bush-Regierung einfach ignoriert wurde, zeigt eindrücklich, wie festgefahren die neokonservativen Kriegstreiber im Weissen Haus und im Pentagon in ihren Köpfen waren.