Praxisschliessung
Eine grossartige 35-jährige Hausarzt-Ära geht zu Ende

Christoph Blum tritt nach fast 35 Jahren als Hausarzt nächste Woche in den Ruhestand. Damit endet in Langenthal eine Ära. Einerseits verspüre er Freude, andererseits auch Wehmut.

Tobias Granwehr
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Hausarzt Christoph Blum während einer der letzten Konsultationen. tg

Hausarzt Christoph Blum während einer der letzten Konsultationen. tg

Solothurner Zeitung

Ende Oktober endet in Langenthal eine Ära: Christoph Blum schliesst seine Hausarztpraxis. Schliesslich ist er fast 68-jährig und könnte längst den Ruhestand geniessen. Doch weil Langenthal zu wenig Hausärzte hat, arbeitete Blum weiter. Nun ist aber Schluss.

Einerseits verspüre er Freude, andererseits auch Wehmut, sagt Blum offen. «Ich arbeite gern. Kaum beginne ich, ist es schon wieder Abend.» Das nahende Ende seiner Tätigkeit ruft viele Erinnerungen hervor. «Ich hatte junge Buben in der Praxis, die längst selbst Kinder haben und mit ihnen zu mir kommen.»

Der grösste Teil seiner täglichen Arbeit machten Gespräche unter vier Augen aus. 80 Prozent seiner Tätigkeit verbringe er mit Zuhören, sagt er.

Und er nennt noch eine Zahl, um diesen Umstand zu verdeutlichen: Zu 90 Prozent werde eine Diagnose aufgrund eines Gesprächs gestellt.

Die Maschinen, die einem Arzt zur Verfügung stehen, dienen oft nur dazu, einen Beweis für eine Diagnose zu erbringen. Blum ist kein Fan von Computern, er bemängelt die Ablenkung von aussen und eine zunehmende Ungeduld.

Mit dem E-Mail gehe heute zum Beispiel alles viel schneller. Früher habe man einen Brief verschickt und fünf bis sechs Tage auf die Antwort gewartet. «Heute wollen die Leute viel rascher Bescheid wissen als früher.»

Er sei aber froh, dass in der Medizin das Gespräch zwischen Arzt und Patient noch nicht vollständig durch elektronische Kommunikation ersetzt worden ist, sagt er.

Vom «Handwerker» zum Ratgeber

Vor 40 Jahren startete Blum als Assistenzarzt am Spital Langenthal. Seine Praxis an der Jurastrasse führt er seit fast 35 Jahren. Zu Beginn sei sein Beruf vielfältiger gewesen. «Dafür hat man sich als Hausarzt manchmal fast etwas verloren.»

Als Beispiel nennt er das Gipsen, das heute nicht mehr angewandt wird. Heute ist der Beruf weniger «handwerklich», dafür habe der Arzt mehr Zeit, für die Leute mit ihren Gesundheitsproblemen da zu sein, Ratschläge zu geben. «Wir haben mehr Zeit für psychosomatische Probleme und für Prävention.»

Manchmal moralisiere er schon ein wenig. Allerdings stellt Blum ebenfalls fest: «Das Gesundheitsbewusstsein ist vorhanden, doch viele Menschen leben zu wenig danach.»

Die vielen Versuchungen, welche die Gesellschaft biete, seien die Schattenseiten des Wohlstandes, sinniert er. Er registrierte beispielsweise deutlich mehr Sportverletzungen als früher.

Den Patienten die Angst nehmen

Er spüre immer sofort, wenn die Wirtschaft nicht gut laufe. «Der wirtschaftliche Druck und die Angst um den Arbeitsplatz nehmen zu.»

Es sei als Arzt auch seine Aufgabe, seine Patienten etwas zu schützen. «Den Menschen die Angst zu nehmen, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben», sagt der Allgemeinmediziner.

Die ständige Informationsflut und der Einfluss der Gesellschaft und des persönlichen Umfeldes führten dazu, dass der Patient immer weniger sich selbst und seinem Wissen vertraue. Sein Credo sei jedoch immer gewesen: «Der Patient sagt, was ein Notfall ist, nicht der Arzt.»

Ein grosses Thema des Arztberufes ist die Arbeitsbelastung. Trotz grossen Veränderungen in der Branche arbeite er kaum weniger als früher.

«Die Belastung hat sich einfach verschoben. Zu Beginn meiner Tätigkeit musste ich zwei- bis dreimal pro Woche in der Nacht ausrücken.»

Heute übernimmt der Notarzt diese Funktion. Auch den Notfalldienst konnten die Hausärzte in Langenthal vor einigen Jahren abgeben. Dieser wird nun vom Spital Region Oberaargau (SRO) organisiert.

Trotzdem arbeitet Blum nach eigenem Empfinden immer noch viel. Aus einem einfach Grund: «Würde ich bloss acht Stunden pro Tag arbeiten, würde das finanziell zu eng.»

Vieles sei in der Gesundheitsbranche falsch gelaufen, sagt er. Man spürt, dass ihn die Entwicklung seines Berufsstandes nachdenklich stimmt.

Dennoch sagt der Arzt bestimmt: «Ich würde wieder Allgemeinmediziner werden und eine Praxis eröffnen.» Er möge die Menschen, sonst hätte er nicht Hausarzt werden können.

Seine Patienten übergibt er hauptsächlich an die «Haslipraxis», der neuen Gemeinschaftspraxis an der St.Urbanstrasse (wir berichteten). Welchen Hausarzt Blums Patienten künftig wählen, können sie aber selbst entscheiden.

Damit heisst es Abschied nehmen von seiner Praxis und vor allem von den Patienten. Er übergibt sie mit gutem Gefühl an die neue «Haslipraxis». «Heute würde ich ebenfalls eine Gemeinschaftspraxis eröffnen», sagt er überzeugt. Das sei eine gute Lösung – hauptsächlich aus ökonomischer Sicht.

Allerdings spürt Blum ein gewisses Misstrauen der Leute gegenüber der neuen Praxis, weil sie zum SRO gehört. «Es ist deshalb enorm wichtig, dass die Gemeinschaftspraxis unabhängig vom Spital agiert.»

So, wie es die beiden Ärzte Andreas Bieri und Samuel Leuenberger propagiert haben. Bieri ist gleich alt wie Blum und seit Jahrzehnten ein guter Berufskollege. «Überhaupt war die Kollegialität unter den Langenthaler Hausärzten und Spezialisten immer gut.» Er habe auch das Privileg gehabt, gute Praxisassistentinnen zu haben. «Keine musste ich per Inserat suchen.»

Die Berge noch geniessen

Nächste Woche beginnt Blums Zeit nach dem Berufsleben. Dabei spielt die Familie eine wichtige Rolle. «Meine Frau hat mir immer den Rücken frei gehalten», sagt der dreifache Vater und siebenfache Grossvater.

Die Pensionierung sieht Blum nicht als Zäsur. «Ich verlagere bloss mein Schwergewicht.» Er gehe gerne in die Berge. «Ich möchte sie noch geniessen, solange die Kräfte reichen.»

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