Mobilitätsplan
Ein Paradigmenwechsel beim Verkehr

Mit dem neuen Mobilitätsplan sollen öV sowie Fuss- und Veloverkehr ausgebaut, der Autoverkehr auf bisherigem Niveau stagnieren

Fabian Muster
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Mit dem neuen Mobilitätskonzept sollen die verschiedenen Verkehrsmittel öV, Auto oder Velo besser auf die Siedlungsentwicklung abgestimmt werden. Bruno Kissling/Archiv

Mit dem neuen Mobilitätskonzept sollen die verschiedenen Verkehrsmittel öV, Auto oder Velo besser auf die Siedlungsentwicklung abgestimmt werden. Bruno Kissling/Archiv

Bruno Kissling

Seit vier Jahren haben die Stadt Olten und der Kanton Solothurn gemeinsam mit dem Planungsbüro Kontextplan den Mobilitätsplan entwickelt. Am Donnerstagabend wurde das Konzept den Gemeindeparlamentariern vorgestellt, seit gestern ist der 93-seitige Bericht inklusive weiteren Unterlagen auf der Website der Stadt Olten publiziert. Am Montag, 15. Januar 2018, um 19 Uhr soll es zudem eine Infoveranstaltung für die Bevölkerung im Parlamentssaal des Stadthauses geben. Ende März wird das Gemeindeparlament über das neue Parkierungsreglement entscheiden, das als erstes Umsetzungskonzept auf dem Mobilitätsplan fusst (siehe Box am Schluss). Die Planungskosten belaufen sich bisher auf rund 200'000 Franken. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten zum neuen Mobilitätsplan.

1. Warum wurde für die Stadt Olten ein Mobilitätsplan erstellt?

Zum einen wohnen in Olten immer mehr Menschen. Derzeit sind es bereits 19 114 Personen, bis 2030 sollen es laut Prognosen 22 500 Einwohner sein. Zudem gibt es immer mehr Arbeitsplätze. Das erhöht das Mobilitätsbedürfnis. Zum anderen nahm der Autoverkehr nach der Eröffnung der Umfahrung Aarburg (2007) und derjenigen der Entlastung Region Olten ERO (2013) erneut zu. «Das Strassennetz gelangt heute während den Hauptverkehrszeiten an seine verkehrstechnische Belastungsgrenze», heisst es dazu im Bericht. Dies führe auch beim öffentlichen Verkehr zu Behinderungen und erhöht den Druck auf die anliegenden Quartiere wegen des Ausweichverkehrs. Mit dem Mobilitätsplan will die Stadt Olten das Zusammenspiel der Verkehrsmittel wie Auto, öffentlicher Verkehr, Velo und Fussgänger in Bezug auf das Strassennetz und die Siedlungsentwicklung aktiv steuern und damit sicherstellen, «dass auch in Zukunft eine attraktive Stadtentwicklung sowie eine komfortable und flexible Mobilität für die Oltner Bevölkerung, für Pendler, Kunden und Besucher gewährleistet» ist. Dies steht in der Präambel des 93-seitigen Berichts. Grössere Städte wie Bern oder Zürich haben bereits eine übergeordnete Verkehrsplanung.

2. Welches ist der wichtigste Grundsatz des Mobilitätsplans?

Die Planer gehen davon aus, dass bis 2030 auf Stadtgebiet keine neuen Strassen gebaut werden und das bestehende Netz besser ausgenutzt werden muss. Der wichtigste Grundsatz ist daher ein Paradigmenwechsel: Die Verkehrsplanung ist nicht mehr nachfrageorientiert, sondern angebotsorientiert in Bezug auf den motorisierten Individualverkehr wie Auto, Lastwagen oder Motorrad. «Dazu werden die maximal verträglichen Verkehrsbelastungen auf den jeweiligen Abschnitten des Hauptstrassennetzes bestimmt», heisst es in der gestrigen Mitteilung der Stadtkanzlei. Damit der Verkehr trotz steigenden Einwohner- und Arbeitsplatzzahlen sowie insgesamt steigendem Mobilitätsbedürfnis gewährleistet ist respektive ein Verlagerungseffekt eintritt, soll dazu parallel das öV-Angebot attraktiver und das Fussverkehr- und Velonetz ausgebaut werden. Zugleich soll die Anzahl der Parkplätze auf die Kapazität des Strassennetzes abgestimmt werden. Mit den neuen Vorschriften werden künftig weniger Parkplätze bei neuen Projekten zur Verfügung stehen (siehe separater Text).

3. Wie will die Stadt den Verlagerungseffekt erreichen?

Bei der Umsetzung des Mobilitätsplans werden sieben Bereiche mit Entwicklungsaufgaben bestimmt, wovon drei den grössten Verlagerungseffekt erzielen:

  • Der öffentliche Verkehr (Bereich 1) soll laut den Planern den grössten Teil des Verkehrswachstums aufnehmen und sich mit möglichst kurzen Reisezeiten und hoher Zuverlässigkeit auch in Spitzenzeiten auszeichnen. Im Bericht ist von einer Verdoppelung der Fahrgastkapazitäten auf dem städtischen Busnetz bis 2030 die Rede. Mit dem bereits vorhandenen Buskonzept Olten-Gösgen-Gäu werden Angebotsverdichtungen, verbesserte Abstimmung zwischen Bahn und Bus sowie Viertelstundentakte auf den Hauptlinien bis 2021 umgesetzt.
  • Auch der Fussverkehr (Bereich 2) soll durch möglichst direkte und umwegfreie Verbindungen gefördert werden. Auf kurzen Wegen hat er das grösste Potenzial, weil man «die ersten Meter zur Bushaltestelle oder die letzten Meter zum Ziel zu Fuss geht», so der Bericht. Die Bedürfnisse der Fussgänger sollen künftig gleichwertig wie die anderer Verkehrsteilnehmer bei Bauprojekten einbezogen werden. Zudem gibt es bereits Vorschläge für konkrete Massnahmen: So soll es etwa bei der City-Kreuzung einen Zebrastreifen geben über die Frohburgstrasse als Alternative zur bestehenden Unterführung und die Kreuzung insgesamt siedlungsorientierter gestaltet werden, etwa mit einem Kreisel.
  • Der Veloverkehr (Bereich 3) soll mit direkten Routen und genügend hochwertigen Abstellplätzen ebenfalls gepusht werden. Die Stadt will den Velo- aber auch den Fussverkehr gegenüber anderen Verkehrsmitteln priorisieren. Ziel ist laut dem Bericht zudem «eine möglichst konfliktfreie Koexistenz im Strassenverkehr». Konkrete Verbesserungsvorschläge sind etwa die Freigabe der Winkelunterführung für den Veloverkehr oder eine neue Unterführung zwischen Von-Roll-Strasse und Aarburgerstrasse.

4. Wo wird der Mobilitätsplan bereits heute angewandt?

Die Erweiterung des Einkaufszentrums Sälipark ist das erste Projekt nach den Vorgaben des Mobilitätsplans. Der Mehrverkehr soll nachhaltig und damit über verdichteten öV (mindestens Viertelstundentakt) sowie den Fuss- und Veloverkehr (bis zu 1000 Abstellplätze) bewältigt werden. Die Anzahl Parkplätze wird zwar leicht erhöht (um 65 auf 685), aber in stark reduzierter Zahl im Vergleich zu heutigen Vorgaben.

5. Wer steuert die Umsetzung des Mobilitätsplans?

Gemäss Idee des Stadtrats wird ein Gremium «Koordination Mobilitätsplan» gegründet. Dieses soll die Betreuung übernehmen von Bauprojekten oder von Konzepten wie der anstehenden Ortsplanungsrevision und die Umsetzungskonzepte des Mobilitätsplans ausarbeiten. Zudem ist das Gremium auch für die Erhebung und Auswertung der Verkehrsdaten in der Stadt Olten zuständig. In gewissen Zeitabständen soll es Zählungen bei verschiedenen Verkehrsmittel geben, um prüfen zu können, ob sich der Gesamtverkehr in die gewünschte Richtung entwickelt. Bisher fehlen vor allem systematische Erhebungen des Fuss- und Veloverkehrs.

Neues Parkierungsreglement

Das Parkierungsreglement ist ein erstes Umsetzungskonzept des Mobilitätsplans und wird am 22. März 2018 im Gemeindeparlament behandelt. Alle öffentlich zugänglichen Parkplätze sollen bewirtschaftet werden. Das heisst, es gibt entweder eine Gebührenpflicht, die Parkdauer ist zeitlich beschränkt oder nur für bestimmte Nutzer zugänglich. Das Ziel dabei: die vorhandenen Parkflächen effizienter zu nutzen. Die Stadt wird zudem neu in drei Gebietstypen mit unterschiedlichen Parkplatzansprüchen unterteilt. Bei Neu- oder Umnutzungen mit einem Baubewilligungsverfahren gibt es bestimmte Richtwerte, die dabei zur Anwendung kommen. So gibt es für Neubauten im Innenstadtbereich einen halben Parkplatz pro Wohneinheit (wird allerdings auf einen aufgerundet), in einem Aussenquartier wie dem Bornfeld einen ganzen Parkplatz. Das heisst, wer heute im Gebiet 1 umbaut und zwei Parkplätze hat, müsste auf einen reduzieren. Ob der Besitzstand bei einer Umnutzung einer Privatliegenschaft gewahrt bleibt, sei laut Stadtentwickler Markus Dietler noch offen, zumal nicht jede Umnutzung Einfluss auf die Parkplatzsituation habe. Insgesamt wird es aber nach der neuen Regelung weniger neue Parkplätze geben als bisher. Hinzu kommt, dass für Bauten und Anlagen mit mehr als 50 Parkplätzen ein Mobilitätskonzept erstellt werden muss. (fmu)