Langenthal
Ein frischer Wind pfeift durchs Kinderheim Schoren

Von einem frischen Wind im Kinderheim Schoren in Langenthal sprach André Chavanne, als er die Leitung antrat. Bei einem Augenschein im Kinderheim berichten die Mitarbeiter von neuen Strukturen.

Fabienne Wüthrich
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Heimleiter André Chavanne hilft einem Jugendlichen beim Abtrocknen. Rechts Stefan Bossard.

Heimleiter André Chavanne hilft einem Jugendlichen beim Abtrocknen. Rechts Stefan Bossard.

Fabienne Wüthrich

Eine Möwe aus Holz begrüsst Ankommende vor der Haustür des Kinderheims Schoren. Auf einem Blatt steht «Bitte an beiden Türglocken klingeln». Ein schrilles Geräusch ertönt, eine freundliche, junge, Frau öffnet die Türe und bittet darum, einzutreten. Der neue Leiter des Kinderheims, André Chavanne, befindet sich noch irgendwo im Haus. Die meisten Kinder und Jugendlichen sind momentan in der Schule; sie kommen erst zum Mittagessen wieder zurück. Die Zeit wird genutzt, das Haus auf Vordermann zu bringen - aus einem Büro ertönt der Staubsauger und in der Küche wird gearbeitet.

Dann erscheint Chavanne: «Der Mittwochmorgen ist immer unser Sitzungsmorgen», sagt er nach der herzlichen Begrüssung. Dabei würden sich alle Teams des Kinderheims treffen und sich austauschen. Mitte Februar hat er die Leitung der Institution von Beatrice und Fred Dietrich übernommen. Er hat einen frischen Wind angekündigt und ist nun daran, seine Ideen umzusetzen. Diese orientieren sich am Prinzip der Strategie, Struktur und Kultur (siehe rechts). «Wir brauchen mehr Ressourcen für die Organisationsentwicklung, und die Aufgaben verändern sich ebenfalls.» Chavanne spricht beispielsweise den Mittagstisch an, bei dem es nicht vier bis fünf Leute benötige, sondern nur noch ein bis zwei Mitarbeitende.

André Chavanne: «Es braucht Zeit»

Zurzeit befinden sich 24 Kinder und Jugendliche im Kinderheim Schoren, drei Kinder sind nur tagsüber anwesend. Ab 2013 soll das Kinderheim die sozialpädagogische Familienbegleitung von Beatrice Masson übernehmen. «Momentan sind wir in der Übergangsphase», sagt der Leiter des Kinderheims, André Chavanne. Er selber hat die Leitung des Kinderheims vor zirka viereinhalb Monaten übernommen. Die pädagogische Leiterin Sarah Tschäppeler stiess Anfang März dazu. Chavanne versucht nun, seine Visionen umzusetzen. Er orientiert sich am Managementmodell, das die Begriffe Strategie, Struktur sowie der Kultur verwendet. Die Strategie sei das Wie: Wie man den Zugang zu den Kindern und Jugendlichen finde, wie Situationen auf den Wohngruppen zu klären seien. Struktur bedeute, wie sich die Teams organisieren würden, wie zum Beispiel die Räume auszusehen hätten. Die Kultur regle, wie die Mitarbeitenden miteinander umgehen - wie wird Erfolg geteilt, wie wird richtig gestritten? «Frischen Wind in das Kinderheim zu bringen, braucht Zeit.» (fwb)

Zusammen entscheiden

Einer der Mitarbeitenden ist Stefan Bossard, der in der Küche das Mittagessen zubereitet. Heute gibt es Bohnensalat, Kartoffeln, überbackende Tomaten und ein Steak. Bossard arbeitet schon lange im Kinderheim und kann die neue Situation beurteilen. «Es hat sich vieles verändert - und irgendwie doch nicht viel.» Chavanne fördere die Mitarbeitenden und beziehe sie in Entscheidungen mit ein. Das ist bei der anschliessenden Sitzung spürbar. Gegen 20 Mitarbeitende sitzen am Tisch. Wie an einer Gemeindeversammlung wird Traktandum für Traktandum durchgegangen und das Protokoll der letzten Sitzung abgesegnet. Jeder am Tisch kann sich äussern, Ängste und Sorgen mitteilen, jedoch auch Freudiges erzählen.

Es stehen einige Dinge an, die besprochen werden müssen. Eine offene Streitkultur wird gelebt. Nicht nur einmal fällt der Satz: «Ich habe mich gefreut, dass wir zusammen streiten konnten.»

Das neue Freibad-Konzept wird an der Sitzung abgesegnet. Es werden Leute gesucht, die einen Personalausflug organisieren. Es geht um die Wochenendplanung, um geänderte Funktionszulagen. Darum, ob Freunde der Kinder in der Institution übernachten dürfen. Die Kinder und Jugendlichen bilden ebenfalls Diskussionsstoff, Positives und Negatives wird erwähnt. Ob es die Launen der Kinder und Jugendlichen sind oder ob sie in eine andere Gruppe ziehen möchten.

Nicht immer gleicher Meinung

Manchmal prallen jedoch auch die alten und neuen Strukturen aufeinander. Zum Beispiel wenn es um die Regeln für das Trampolin geht: Nicht alle teilen die Ansichten, dass diese geändert werden müssen - und äussern das klar. Am Ende ist man sich dennoch einig, auch wenn lange diskutiert werden musste.

Es geht gegen Mittag; die Kinder und Jugendlichen kommen zurück ins Kinderheim. «Heute gibt es keinen gemeinsamen Mittagstisch», sagt Chavanne. Die verschiedenen Gruppen essen für sich. Alle Kinder und Jugendliche, die sich ihrem Schulzeug entledigt haben, packen mit an. Ein kleines Mädchen schlägt stolz auf den Gong, der das Mittagessen ankündigt.

Ein anderer Typ

In einem separaten Raum essen ein paar Mitarbeitende zusammen. Geremia Stanchieri sitzt am Tisch. Er ist bereits 20 Jahr im Kinderheim engagiert und sagt: André Chavanne sei ein anderer Typ als das Ehepaar Dietrich. «Er ist offen, pragmatisch und hat klare Visionen.» Er sei strukturorientiert, Dietrichs seien Heimeltern gewesen. «Beide Wege haben Vor- und Nachteile.»
Das Mittagessen ist mittlerweile vorbei. In der Küche helfen drei Kinder beim Abwaschen und Abtrocknen.

Chavanne gesellt sich zu ihnen, hilft mit und spürt den Puls. Am Nachmittag stehen verschiedene Aktivitäten an. Sei es Schulsport, Arzt- und Elternbesuche oder das Gruppenkochen. Dann schliesst sich die Türe zum Kinderheim wieder. Ein letzter Blick zurück: Nun schaukelt die Holzmöwe im Wind. Bereits ist sie auf den nächsten Ankommenden eingerichtet. Der wird bestimmt nicht lange auf sich warten lassen.

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