1. Weltkrieg
Ein Dandy wird zum Manager des Krieges

Walther Rathenau war ein Schöngeist, der die deutsche Kriegswirtschaft organisierte. Auf dem Weg dahin verbrachte er auch Zeit in der Schweiz. Der Sohn eines jüdischen Industriellen wandelte sich vom Kriegsskeptiker zum Falken.

Daniel Fuchs
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Walther Rathenau auf einer undatierten Aufnahme.Keystone

Walther Rathenau auf einer undatierten Aufnahme.Keystone

KEYSTONE

Die tragische Geschichte Walther Rathenaus ist die eines Dandys aus gutem Haus, der zu einer der prägendsten Figuren des Übergangs vom Deutschen Kaiserreich in die Weimarer Republik wird. Es ist zudem der bemerkenswerte Werdegang eines musisch Interessierten, der später als mächtiger Industrieller die deutsche Kriegsindustrie organisiert.

Zerrissenheit prägt schon die Jugend des am 29. September 1867 geborenen Sohns einer jüdisch-industriellen Familie in Berlin. Walther Rathenau führt einen ständigen Kampf mit dem schwer (einfluss)reichen Vater: Vater Emil ist der Gründer der Allgemeinen Electricitäts-Gesellschaft (AEG), die ein Stück deutsche Industriegeschichte schreiben wird. Sohn Walther will sich aus der finanziellen Abhängigkeit befreien.

Walther Rathenau fühlt sich neben den technischen Wissenschaften von der Malerei und der Schriftstellerei angezogen. Der Vater hätte es seinem erstgeborenen Sohn nicht verwehrt, eine Karriere abseits der Industrie einzuschlagen, wie ein Brief von Mutter Mathilde an ihren Sohn beweist: «Werde Professor oder Maler, was dir gut scheint. Glaube ja nicht, Papa sei ärgerlich. Er ist, wie auch ich, überzeugt, dass es ein Jammer wäre, wenn du, bei deiner sonstigen Begabung, dich zu etwas zwingen wolltest, was dir durchaus unsympathisch ist.»

Die Zeilen stammen aus der Korrespondenz zwischen Mutter und Sohn, als dieser in der Schweiz arbeitet. In Neuhausen SH hat AEG ein Fabriklaboratorium zur elektrochemischen Gewinnung von Aluminium gegründet: Bei der Aluminium-Industrie AG, der späteren Alusuisse, steht Walther unter grossem Druck, sich zu bewähren, vermisst aber Handlungsfreiheiten. Immer und immer wieder beschwert er sich in Briefen an seine Mutter über die Arbeitszeiten und macht sich lustig über die «Eingeborenen». Die Eltern verstehen das als Appell, ihn endlich da rauszuholen, und so kommt es zum oben zitierten Brief.

Der Sohn aber ist brüskiert. Er ärgert sich über die Antwort seiner Eltern und befürchtet, bei einem anderen Werdegang nur noch länger in der Abhängigkeit seines Vaters gefangen zu bleiben. Er entscheidet sich, durchzuhalten und wird belohnt: Nach einem Jahr in der Schweiz wird er nach Sachsen berufen, wo er eine AEG-Tochtergesellschaft führen darf.

Just das Jahr in der Schweiz lässt Walther Rathenau den Weg im Schatten des Vaters fortführen. 1899 setzt dieser ihn in leitender Position beim Mutterkonzern ein. Dank Beteiligungen folgen Mandate bei Konzernen in halb Europa. Daneben setzt sich Rathenau in Büchern für ein liberales, der Industrie und dem Bürgertum freundlich gesinntes Gesellschaftsmodell ein.

1912 wird Rathenau Vorsitzender des AEG-Aufsichtsrats. Als Industrieller wird er bei Kriegsbeginn ins Kriegsministerium berufen, wo er die deutsche Wirtschaft zu einer Kriegsindustrie umbaut. Rathenau ist überzeugt, dass ein marktwirtschaftlich, freiheitliches Wirtschaftsmodell für Kriegszeiten nicht taugt. So setzt er auf planwirtschaftliche Instrumente.

AEG wird der zweitwichtigste Rüstungslieferant fürs deutsche Heer. Vom Kriegsskeptiker wandelt sich Rathenau zum Falken, spricht er sich 1918 doch für eine Fortführung des Krieges aus, um so eine bessere Ausgangslage für Friedensverhandlungen einzunehmen.

Das Ende des Kaiserreichs aber ist besiegelt. Der in Versailles ausgehandelte Vertrag trifft Deutschland hart. Rathenau kämpft um die Zukunft seines Landes: «Der deutsche Geist, der für die Welt gesungen und gedacht hat, wird Vergangenheit», warnt er die Alliierten in einem Brief. Als ob er eine düstere Vorahnung hat, fügt er nicht ohne Pathos an: «Mein Leben ist vollbracht; für mich erhoffe und fürchte ich nichts mehr, mein Land bedarf meiner nicht, ich denke, seinen Untergang nicht lange zu überleben.»

Vom ehemaligen Manager des Krieges wird Rathenau im Februar 1922 zum Aussenminister. Dem später in Rapallo mit Sowjetrussland gewonnenen aussenpolitischen Spielraum zum Trotz hat er längst den Hass Rechtsextremer auf sich gezogen: Am 24. Juni 1922 erschiessen ihn Mitglieder der Organisation Consul auf dem Weg ins Ministerium. Der geheime Bund will mit politischen Morden die junge Demokratie ersticken und durch ein autoritäres Regime ersetzen.

In der Reihe 1914 – 100 Jahre nach dem Krieg sind bisher die Beiträge zu diesen Personen erschienen: Franz Ferdinand und Gavrilo Princip, Carl Spitteler, Alban Berg sowie George Bernard Shaw.