Leitstelle
Ein Blick hinter die Kulissen der BLT

Von Oberwil aus leitet die BLT all ihre Trams. Hier werden Fahrpläne überwacht und Fahrzeuge überholt. Fahrdienstleiter Stefan Burtschi erklärt, warum er auf alles gefasst sein muss - bis hin zu den Eheproblemen der Chauffeure.

Julia Gohl
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Oldtimer-Tram im Depot
9 Bilder
In der Werkstatt in Oberwil kann bei den Tramzügen fast alles repariert und ersetzt werden
BLT Leitstelle
In der Werkstatt in Oberwil kann bei den Tramzügen fast alles repariert und ersetzt werden
In der Werkstatt in Oberwil kann bei den Tramzügen fast alles repariert und ersetzt werden
Das Bus-Depot
Das Depot mit Trams
Die Leitstelle
Roland Jud, Leiter Fahrbetrieb, in der Leitstelle

Oldtimer-Tram im Depot

Kenneth Nars

Wenn Stefan Burtschi die Leitstelle als Herz der Baselland Transport AG (BLT) bezeichnet, übertreibt er nicht. In diesem Raum im BLT-Hauptsitz in Oberwil läuft einfach alles zusammen: angefangen bei den Dienstplänen der Mitarbeiter bis zur schnellen Umorganisation bei Störungen. Bei Letzterem kann es ganz schön hektisch werden: Es müssen neue Routen gesucht, allenfalls Ersatzbusse organisiert und das entsprechende Personal aufgetrieben werden.

Heute ist das nicht nötig. Alles läuft glatt. Das verrät ein Blick auf einen der zig Bildschirme, auf dem lauter grüne Fünfecke unterwegs sind. Nur eines davon ist gelb. «Jedes Fünfeck entspricht einem Tram und seiner Position auf der Route», erläutert Fahrdienstleiter Jörg Lürssen. «Ist es gelb, bedeutet dies, dass es eine geringe Verspätung hat. Aber die gelben mag ich lieber als die blauen.» Blau heisst nämlich, das Tram ist zu früh dann. «Und das heisst wiederum, dass wir diverse Passagiere einfach an der Haltstelle stehen lassen. Das ist doch ärgerlicher als ein bisschen Verspätung.»

Eierlegende Wollmilchsäue

Von den drei blauen Fünfecken auf dem Bildschirm macht Lürssen vor allem eines zu schaffen. Eineinhalb Minuten Vorsprung hat dieses bereits zum Fahrplan. Zu viel, findet der Fahrdienstleiter. Er sendet eine schriftliche Warnung an den Chauffeur: «Fahrplan beachten.» Kurze Zeit später ist das Fünfeck wieder grün, das Bild fast perfekt. Zwei Farben fehlen auf dem Bildschirm gar komplett: Rot und Pink. Rot werden die Fünfecke bei einer Verspätung von mehr als fünf Minuten. Und pink? «Daran will ich gar nicht denken», sagt Lürssen. Aber dann tut er es doch: 15 Minuten Verspätung. Oder anders formuliert: Pink bringt den ganzen Plan durcheinander. Oft müssen diese Trams dann bei der nächstbesten Möglichkeit wenden. Sie dann wieder nahtlos in den Tramverkehr einzufügen, ist ein schwieriges Unterfangen.

«Als Fahrdienstleiter muss man wirklich geistesgegenwärtig sein und an alles gleichzeitig denken», sagt Burtschi. Wer auf der Leitstelle arbeite, sei eine «eierlegende Wollmilchsau». Da müsse man das Arbeitsrecht kennen, damit man zum Beispiel einen Chauffeur nicht länger fahren lässt als zulässig. Zudem müsse man gut mit Menschen umgehen können und psychologische Fähigkeiten besitzen, weil man für die Tramchauffeure oft der einzige
Ansprechpartner ist.

«Es kann zum Beispiel sein, dass jemand funkt, er könne sich nicht aufs Fahren konzentrieren, weil er eine Ehekrise habe», führt Burtschi aus. «Dann ist Fingerspitzengefühl gefragt, um richtig zu reagieren.» Ausserdem kann jeder der Fahrdienstleiter selber Tram, manche auch Bus fahren. Die praktischen Kenntnisse helfen bei der täglichen Arbeit. Sie können aber auch nützlich sein, wenn sich etwa ein Chauffeur verspätet. «Dann kann ein Fahrdienstleiter für eine Runde einspringen.»

Gleich neben der Leitstelle befindet sich das Tramdepot und daran angrenzend ein Raum, der dem Depot auf den ersten Blick ähnelt: Zwei Geleise verlaufen quer hindurch, auf denen Trams abgestellt sind. Um was es sich dabei handelt, wird klar, wenn der Blick auf den Mann in Orange fällt, der gerade oben auf einem der Trams steht und an der Antenne herumbastelt: Es ist die Werkstatt. Links und rechts des Raums führen Galerien in die Höhe, von denen aus sich die Trams erklimmen lassen. Zwischen den Spuren der Geleise führen Treppen nach unten, von wo aus die Arbeiter Zugriff auf Räder, Bremsen und Co. haben.

Tangos machens einfacher

Gerade arbeiten drei Mitarbeiter von unten am Fahrgestell. Das ist seit Einführung der Tango-Trams einfacher geworden. «Weil sie modular gebaut sind», erläutert Burtschi. Das heisst, dass sich die einzelnen Teile leicht ausbauen und austauschen lassen. Ein Surren verrät, dass dies gerade passiert.

Langsam hebt sich das Tram nach oben, das Fahrgestell bleibt dabei auf den Gleisen zurück und die Mitarbeiter können es austauschen. So lassen sich in Ruhe Arbeiten am Rollmaterial vornehmen.

«Früher standen die Trams für solche Arbeiten einen Tag lang still. Und ein Tram, das stillsteht, kostet.» In einem Jahr sollen alle 38 bestellten Tango-Trams angekommen sein.

Verändert haben sich bei der BLT nicht nur die Trams. «Als ich vor 20 Jahren angefangen habe, hier zu arbeiten, war wir noch 160 Personen», erinnert sich Burtschi. «Heute sind es 480.» Das hänge unter anderem auch damit zusammen, dass immer mehr Linien und Unternehmen zur BLT dazustiessen, etwa die Waldenburgerbahn oder die Autogesellschaft Sissach-Eptingen. «Wir platzen aus allen Nähten.»

Deshalb wurde vor rund einem Jahr der Hauptsitz ausgebaut, inklusive Leitstelle. «Jetzt können wir sie wieder zeigen», scherzt Burtschi, während ein Mitarbeiter Bilder der alten Leitstelle hervorsucht. Der Vergleich zeigt: Sie ist heute nicht nur rund doppelt so gross, sondern viel besser ausgestattet. «Wir haben jetzt eine der modernsten Leistellen der Schweiz», betont Roland Jud, Leiter Fahrdienst. So entgeht den Mitarbeitern sicher kein Fünfeck, ob grün, blau, gelb oder rot. Und an pinke Fünfecke wollen wir gar nicht denken.