Plötzlich ein Senior
Edi Jaggi: «Fixpunkte im Alltag helfen»

Der 65-jährige Edi Jaggi aus Schlieren spricht über die Wichtigkeit, nicht immer Zuhause zu sein und darüber, wie er aktiv am Stadtleben teilnimmt.

Anina Gepp
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Edi Jaggi.

Edi Jaggi.

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Morgens aufstehen, in Ruhe im Pyjama frühstücken und die Zeitung lesen, statt zuerst unter die Dusche springen zu müssen. Das sei das wirklich Schöne am pensioniert sein, sagt Edi Jaggi. Der 65-Jährige geniesst es, jeden Tag nach seinem Gusto gestalten zu können. «Der Ablauf ist nicht mehr fix vorgegeben, viele Dinge kann ich seither gelassener nehmen.»

Als der Schlieremer mit 61 Jahren vorzeitig pensioniert wurde, weil sein damaliger Arbeitsgeber die Dresdner Bank verkauft wurde, konnte er es kaum erwarten. Er freute sich, endlich mehr mit seiner Partnerin unternehmen zu können und Zeit für sich zu haben. Viele seiner Kollegen hätten damals Mühe gehabt, aus dem Berufsleben auszusteigen. Dass sie vorzeitig entlassen wurden, bereitete ihnen Sorgen. Einige hätten kurz nach der Pensionierung gesundheitliche Probleme bekommen, ein paar von ihnen seien sogar früh verstorben.

Jaggi hingegen, der im Backoffice in der Datenerfassung tätig war, sah seiner Pensionierung immer gelassen entgegen. Doch so einfach, wie er es sich vorgestellt hatte, war es dann doch nicht. Es sei eine gravierende Umstellung gewesen, plötzlich immer zuhause zu sein. «Zuhause gibt es einen Chef. Und dieser Chef ist die Frau», sagt Jaggi und lacht. Es gebe wohl Männer, die das abstreiten würden – doch die Frau habe klar das Heft in der Hand. Kochen, einkaufen, putzen, Wäsche machen: Da habe der Mann nicht mitzureden. Und trotzdem würde nach der Pensionierung erwartet, dass man mitanpackt. «Ich musste akzeptieren, dass ich die Dinge im Haushalt so ausführen muss, wie sie es wünscht», sagt er. Seine Partnerin habe ihre Routine gehabt, wie sie den Haushalt meisterte. Einige Male hätten sie sich zusammenraufen und einen gemeinsamen Weg finden müssen. Mittlerweile seien die Aufgaben aber klar verteilt. «Sie kocht, ich decke den Tisch und mache den Abwasch. Zwei Mal in der Woche gehen wir gemeinsam einkaufen.»

Interview - «Schweizer Senioren sind europaweit die aktivsten»

Soziologe François Höpflinger sagt, warum untätig herumzusitzen für viele Senioren keine Option ist:

Herr Höpflinger, viele Berufstätige sehen ihrer Pensionierung eher sorgenvoll entgegen. Womit haben Neupensionierte am meisten Mühe?

François Höpflinger: Viele Leute im Rentenalter haben mit dem Statusverlust, der sich mit der Aufgabe der Berufstätigkeit einstellt, zu kämpfen. Dies gilt vor allem für Personen, die in Kaderpositionen tätig waren. Wenn der gewohnte Tagesablauf wegfällt, wissen einige Pensionäre nicht, was mit sich anfangen. Hier gilt es, einen neuen, individuellen Lebenszyklus zu gestalten. Bei Personen mit einer niedrigen Rente kann das verringerte Budget zu Unzufriedenheit und Problemen führen.

Was verändert sich denn konkret im Alltag von Pensionierten?

Der Tagesrhythmus verändert sich. Man steht später auf, nimmt sich mehr Zeit beim Frühstück. Das Freizeitverhalten von Pensionierten ändert sich allerdings meistens nicht erheblich. Wer zuvor bereits gerne Ausflüge unternahm oder Museen besuchte, wir dies auch weiterhin tun. Wer am liebsten zu Hause sitzt, wird nicht plötzlich aktiver. Laut einer Studie sind die Schweizer Senioren europaweit die aktivsten.

An was könnte das liegen?

Der Druck, aktiv und gesund zu bleiben, steigt stetig an. Untätig herumzusitzen ist für viele keine Option. Die Vielfalt an Möglichkeiten zur Freiwilligenarbeit ist sehr gross und kann mitunter überfordernd wirken. Herauszufinden, was man nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben tatsächlich tun möchte, gleicht einer zweiten Berufswahl. Deshalb ist es wichtig, dass man sich dafür genügend Zeit nimmt.

Die Angst, nach der Pensionierung in ein Loch zu fallen, besteht bei vielen Betroffenen. Wie hoch schätzen Sie diese Gefahr ein?

Studien ergaben, dass ein Grossteil der Menschen nach ihrer Pensionierung ähnlich zufrieden oder sogar zufriedener sind als zuvor. Bei den anderen stellt sich die befürchtete Leere erst ein bis zwei Jahre nach der Pensionierung ein. Davor geniessen die meisten Rentner erst einmal ihre neugewonnene Freizeit und gehen auf Reisen oder frönen ihren Hobbies. Ihre Generation kennt sich mit Freizeitvergnügen aus.

Gibt es Möglichkeiten, sich schon vor Beginn der Rente auf den bevorstehenden Wechsel vorzubereiten?

Es ist wichtig, dass künftige Rentner bereits vor ihrer Pensionierung ausserberufliche Kontakte pflegen, denn berufliche Kontakte verdünnen sich oft.

Sich vor der Isolation schützen

Einfach in den Tag hineinzuleben, kam für Jaggi nach seiner Pensionierung nicht mehr in Frage. «Ich bin ein Mensch, der gerne Kontakt zu anderen Leuten pflegt», sagt er. In der Wohngemeinde ein anonymer Einwohner zu sein entspreche ihm nicht. So schloss sich Jaggi dem Männerchor an, obwohl er zu Beginn oftmals die Töne nicht traf. Und er wurde Delegierter bei Mobility, da er sein eigenes Auto verkauft hatte und von der Idee des Autoausleihens begeistert war. Bis heute leistet er sich den Luxus, an schönen Sommertagen ein Cabriolet zu mieten und damit Spazierfahrten zu machen. Am Wochenende führt Jaggi auch gerne seine Partnerin ins Theater aus oder hütet seine Enkelkinder. Es sei von Bedeutung, im Alter aktiv zu bleiben. «Seien es Wanderungen, Velotouren oder der Besuch von Veranstaltungen. Man sollte verschiedene Dinge ausprobieren.» Denn so komme man gezielt mit Leuten zusammen. Weiterhin einige Fixpunkte und Aufgaben im Leben zu haben helfe einem enorm. Vereine seien die beste Möglichkeit, sich vor der Isolation zu schützen, so Jaggi. Nur schon bei seinem täglichen Spaziergang an der Limmat komme er oftmals mit Leuten ins Gespräch. «Wenn man offen durch die Welt geht, bieten sich viele Möglichkeiten.» Es komme schliesslich niemand zu einem nach Hause in die Stube und reisse einem vom Sofa weg.

Damit Jaggi seine Termine im Überblick hat, führt er mit seiner Partnerin einen Kalender. Die linke Sparte ist gefüllt mit seinen Daten, die rechte mit ihren. In der Mitte tragen sich die beiden gemeinsame Unternehmungen ein. Neben Generalversammlungen, Konzerten und Chorproben sind auch politische Anlässe der Stadt eingetragen. Jaggi ist es wichtig, sich für das Geschehen in Schlieren zu interessieren. Für das kommende Frühjahr hat sich Jaggi noch ein weiteres Ziel gesetzt. Er hat die Ausbildung zum Pro Senectute-Wanderleiter absolviert und will im April seine Prüfung ablegen. «Es macht mir Spass zu organisieren und etwas für die Allgemeinheit zu tun.» All jenen, die kurz vor ihrer Pension stünden könne er nur raten, sich ebenfalls zu engagieren und sich neue Aufgaben zu suchen.

Umfrage: Wie verändert sich Ihr Alltag mit der Pensionierung?

Verena Keller, 64 aus Schlieren «Ich wohne noch nicht lange in Schlieren. Es ist mir deshalb wichtig, Kontakte knüpfen zu können. Das ist gerade im Pensionsalter entscheidend. In einem Verein aktiv zu sein ist sinnvoll. Ich beispielsweise spiele aktiv Tennis. Auch bei mir in der Nachbarschaft unterstützen wir uns gegenseitig. Es ist schön, etwas für andere tun zu können und zu sehen, dass einem bei Problemen ebenfalls unter geholfen wird.»
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Johanna Rütschi, 64 aus Schlieren «Für mich hat sich seit der Pensionierung nicht viel geändert. Noch immer arbeite ich nebenbei und hüte meine Enkelkinder. Aus Neugier habe ich mir für den Orientierungsrundgang in Schlieren angemeldet. Es nimmt mich wunder, wer in nächster Zeit pensioniert wird. Ausserdem ist es gut zu wissen, an welche Fachstellen man sich wenden kann, wenn es einem einmal nicht mehr so gut geht.»
Monika Peyer, 64 aus Schlieren «Ich habe bis Ende Dezember noch 100 Prozent gearbeitet. Ich war selbständig erwerbstätig. Nun geniesse ich es, Zeit für andere Dinge zu haben. Nur schon, dass ich die Wäsche dann bügeln kann wenn es mir passt, finde ich genial. Auch habe ich nun wieder die Musse zu lesen. Manchmal frage ich mich, wie ich es früher geschafft habe, Haushalt, Kinder und Arbeit so gut unter einen Hut zu bringen.»

Verena Keller, 64 aus Schlieren «Ich wohne noch nicht lange in Schlieren. Es ist mir deshalb wichtig, Kontakte knüpfen zu können. Das ist gerade im Pensionsalter entscheidend. In einem Verein aktiv zu sein ist sinnvoll. Ich beispielsweise spiele aktiv Tennis. Auch bei mir in der Nachbarschaft unterstützen wir uns gegenseitig. Es ist schön, etwas für andere tun zu können und zu sehen, dass einem bei Problemen ebenfalls unter geholfen wird.»

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