Fasnacht
Dootedanz am Mäntig

Hat die Basler Fasnacht zu wenig Biss? Fasnachts-Philosoph Naarekappe über den angeblich fehlenden Biss der Basler Fasnächtler. «Es ist sogar eine Zunahme bissiger Kritik festzustellen, oft auch bis an die Grenzen der Toleranz», meint Naarekappe.

Naarekappe
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Der Autor dieses Textes ist ein fasnächtliches Urgestein und macht sich Gedanken über die drey scheenschte Dääg.

Der Autor dieses Textes ist ein fasnächtliches Urgestein und macht sich Gedanken über die drey scheenschte Dääg.

Nicole Nars-Zimmer niz

Der Totentanz gehört seit jeher zu Basel. Oder gehörte? Der Totentanz heisst ja, auch wenn die Strasse mit Hebels Geburtshaus noch so angeschrieben ist, nicht mehr Totentanz sondern Universitätsspital. Und beim Wolfgottesacker werden wir uns nicht wundern, wenn eine Trauer-Annonce demnächst verkündet, dass die bevorstehende Abdankung um 11.30 Uhr am M-Parc hinter dem Drogenhäuschen stattfinde.

Man schiebt den Gedanken an den Sensemann immer gern zur Seite. Jedenfalls übers Jahr. Aber wenn dann der Vieruhrschlag am Montag nach Invocavit von der Martinskirche bimmelt, dann spürt man wieder den kalten Schauder vom Genick bis zum Steissbein. Es lauft aim kalt iber dr Ruggen aabe.

Wir haben es heute wieder gespürt; der Morgestraich hat etwas Morbides, das jemandem, der es nicht erlebt und erfasst hat, kaum oder schwer zu erklären ist. Tatsächlich hat ja unsere Fasnacht, anders als die meisten anderen Fasnachts- oder Karnevalsbräuche auch eine sehr ernsthafte Note. Besonders dann, wenn auf der Welt und in der Gesellschaft zu viel in Unordnung und in Gefahr gerät, ist es die Aufgabe der Basler Fasnacht, mit ihren Mitteln der Kunst, der Persiflage und Ironie den spitzen Degen der Satire anzusetzen.

«Eine Zunahme bissiger Kritik, oft auch bis an die Grenzen der Toleranz»

In den letzten Jahren ist immer wieder beklagt worden, dass unsere Fasnacht nicht mehr den nötigen Biss habe, und dass sie zu gefällig und beliebig geworden sei. Das stimmt nicht. Bei aufmerksamer Beobachtung der von den Cliquen gewählten Sujets, den Pointen guter Schnitzelbänke, aber auch mancher Elemente in den vorfasnächtlichen Bühnen-Veranstaltungen ist sogar eine Zunahme bissiger Kritik festzustellen, oft auch bis an die Grenzen der Toleranz.

Am Morgenstreich haben wir erst einen Auftakt der Sujet-Fasnacht erlebt mit den grandiosen Laternen, welche uns wie gute Werbeplakate erahnen lassen, welche Produkte dahinter stehen, das heisst, mit was am Nachmittag in den ganzen Zügen der Cliquen zu rechnen ist. Natürlich kann man bei fast 500 Gruppierungen auch nicht erwarten, dass uns allenthalben die ganz grossen Würfe entgegenstrahlen. Sicher werden auch Banalitäten und «Running Gags» auftauchen: «Mer sinn aifach schöön» oder «Mer fyyre unser aige Jubileeum». Aber es kann nicht von so viel tausend Fasnächtlern erwartet werden, dass alle für heikle Themen den richtigen Ton finden können. Und wenn man’s nicht kann, dann soll man es auch lieber bleiben lassen.

Trotzdem werden wir gerade in diesem Jahr zweifellos mit ernsten und politischen Themen konfrontiert werden. Ganz besonders dürfen wir an den Abenden auf die Schnitzelbänke gespannt sein, von welchen uns die unzähligen Vorfasnachts-Veranstaltungen bereits gute Kostproben vorgesetzt haben. Vielleicht nachgerade schon zu viele, denn eigentlich beginnt die Fasnacht erst mit dem Morgenstreich und man sollte das ganze Pulver nicht schon vor dem Fest verschiessen.

Die Fasnacht kann, darf und muss oft ernst und bissig sein. Aber dazu gehört immer die versöhnliche Note, das Augenzwinkern mit dem Herzen. Nur das macht die Kritik erträglich. Und hier spielt Basel in der Champions League. Diese Verbindung von Totentanz und Mummenschanz ist einmalig. Auf dem Parkett der Farben, Melodien, Räppli und fasnächtlicher Freundschaft kann das Klavier der Satire gut, erträglich und hoffentlich wirksam gespielt werden.