Langenthal
Dieser Mann hat das Vertrauen der Jugendlichen gewonnen

In den letzten fünf Jahren ist die Kinder- und Jugendfachstelle ToKJO in Langenthal kräftig gewachsen.Im Januar 2007 ist ToKJO mit Unterstützung dreier Kirchgemeinden in Langenthal und Umgebung gestartet.

Lucien Fluri (Text und Bilder)
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Thomas Bertschinger leitet ToKJO seit fünf Jahren

Thomas Bertschinger leitet ToKJO seit fünf Jahren

az Langenthaler Tagblatt

Thomas Bertschinger zögert mit einer Antwort. Fünf Jahre ToKJO kann auch der Leiter der Kinder- und Jugendarbeitsstelle für Langenthal und acht weitere Gemeinden nicht einfach so zusammenfassen. «Es war viel», sagt Bertschinger: «Es war viel Gutes.» Zwei Stichworte hebt er hervor: «Vertrauen bei den Jugendlichen» und «Kredit bei der Politik.»

«Vertrauen bei den Jugendlichen», das heisst für Bertschinger «Konstanz, ernst nehmen, und auch unbequem sein.» Der Kredit in der Politik, das hat mit Glaubwürdigkeit zu tun. Die Politik investiere nicht blind, sagt Bertschinger. «Man muss beweisen, dass Jugendarbeit wirkt.» Und Vertrauen hat sich ToKJO offenbar geholt: Angefangen hat man im Januar 2007 mit drei Teilzeitmitarbeitern. Inzwischen sind es acht. 866 000 Franken beträgt das Budget.

In neun Gemeinden ist ToKJO präsent, es gibt fünf feste und einen mobilen Jugendtreff. Dass der Verwaltungsaufwand gross ist, bestreitet Bertschinger nicht. «Das dezentrale Konzept braucht Ressourcen», sagt er. Doch dies ist gewollt. «Wir sind weniger anonym in den Gemeinden.» Trotzdem: «Der Sitzungsaufwand darf nicht zu gross werden. Unser Ziel sind 60 Prozent Frontarbeit», sagt er. «Wir erreichen es nicht immer ganz.» Denn neben Planung und Administration machen die ToKJO-Mitarbeiter vom Putzen bis zur PC-Reparatur viel selbst. Und auch der Chef ist freitagabends als Streetworker unterwegs. «Ich mache das gerne und treffe viele Jugendliche.»

«Oft fehlt den Vätern die Zeit»

Kein Zögern gibt es bei der Frage nach der Zukunft. Das nächste Ziel hat Bertschinger bereits im Kopf. «Viele Männer zwischen 8 und 12, gerade mit Migrationshintergrund, können die Frage nicht beantworten, wann sie zuletzt etwas mit ihrem Vater gemacht haben.» Statt Handy und Spielkonsole will Bertschinger hämmern und basteln. «Oft fehlt den Vätern die Zeit oder der geeignete Ort.» Sprechtisch, Workshops oder Bubenwoche sollen jungen Männern das Thema «Mann sein» vermitteln.

Dass Männer von 6 bis 12 angesprochen werden, liegt auch an einer Forderung des Kantons, der für diese Altersgruppe derzeit zu wenig Angebote sieht. «Neben der Schule gibt es für sie wenig unterstützende Möglichkeiten», sagt Bertschinger.

Nicht nur bei Problemen
Doch wo hört die Aufgabe der Gemeinden auf? «Ich bin überzeugt, dass wir heute Angebote für Kinder und Jugendliche organisieren müssen», sagt Bertschinger. «Wir haben Kinder, die vereinsamen, weil die Familien isoliert leben.» Hinzu komme der öffentliche Raum, der funktionaler wird - und immer mehr Gesetze. «Das will ich nicht infrage stellen.» Doch für Kinder sei dies nicht besonders interessant. Wer aber Lust habe, etwas zu tun, für den müsse ein Angebot bereitstehen, sagt Bertschinger und widerspricht dem Clichee, Jugendarbeit sei auf Problemfälle ausgerichtet.

«Beim Mädchentreff oder in den Tanz- und Sportangeboten sollen diejenigen profitieren, die Lust haben, zusammen Zeit zu verbringen.» Bertschinger ist überzeugt, finanzielle Mittel in die Förderung einzusetzen sei günstiger als für die Behebung von Defiziten aufzuwenden. «Die Problematik ist, den Nutzen für die Wirtschaft sichtbar zu machen.» Einfacher sei es, konkrete Projekte wie den Familientag, Streetsoccer auf dem Wuhrplatz anzuführen.
Und noch ein Projekt kann Bertschinger aus dem Köcher ziehen: «In den Gemeinden leisten Vereine tolle Arbeit. Sie alle haben eine eigene Infrastruktur.» Mit einer Plattform möchte Bertschinger den «riesigen Ressourcenpool» vernetzen. Auch ToKJO habe selbst eine grosse Infrastruktur, etwa Generatoren. «Weshalb sollte die Pfadi diese nicht mitnutzen? Alles von uns gehört ja der öffentlichen Hand», sagt Bertschinger und hofft auf die Machbarkeit des Projekts. «Vieles würde möglich.»
Im Januar 2007 ist ToKJO mit Unterstützung dreier Kirchgemeinden in Langenthal, Aarwangen, Bannwil, Obersteckholz, Schwarzhäusern und Thunstetten-Bützberg gestartet. Roggwil, Lotzwil und Melchnau sind hinzugekommen. Nächstes Jahr tritt Wynau bei. In fünf Gemeinden gibt es inzwischen einen Jugendtreff. Sie alle haben einen Namen. ?«Es ist wichtig, dass eine Identität entsteht», sagt Bertschinger. «Wir gehen ja auch in die Traube, oder den Bären.»