Serie: Stille Schaffer
Dieser Mann fühlt sich im Untergrund wohl

Hanspeter Bögli, der Zählermonteur der Industriellen Betriebe, arbeitet oft unerkannt in Langenthals Kellern. Der 52-Jährige rückt jeden Tag aus, um Stromzähler zu montieren, abzubauen oder zu kontrollieren.

Fabienne Wüthrich
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Hanspeter Böglis Welt sind die Stromzähler. Er kennt sich mit den verschiedensten Typen aus. H. Bärtschi

Hanspeter Böglis Welt sind die Stromzähler. Er kennt sich mit den verschiedensten Typen aus. H. Bärtschi

Solothurner Zeitung

In blau-oranger Hose und schwarzem T-Shirt der Industriellen Betriebe Langenthal (IBL) steht Hanspeter Bögli am Empfang an der Talstrasse. Er geht durch das verschachtelte Gebäude; in diesem versteckt sich sein Büro, sein temporärer Arbeitsplatz. Der 52-Jährige rückt im Prinzip jeden Tag aus, um Stromzähler zu montieren, abzubauen oder zu kontrollieren. An seinem Arbeitsplatz stehen ein Computer, ein Stuhl und an den Gitterwänden hängen diverse alte und neue Stromzähler: schwarze, solche mit sichtbaren Drehrädern, neue elektronische – Bögli kennt sich mit jeder Art aus.

Er muss das auch, in Langenthals Haushaltungen oder Industriebetrieben sind die verschiedensten Stromzähler montiert. Diese sind wichtig, denn: «Die Stromenergie muss schliesslich gemessen werden», sagt er. Die IBL kaufe Strom ein und verteile diesen danach auf das Netz in der Stadt. Für die Programmierung der so genannten Netzkommandoempfänger ist der Familienvater aus Bannwil verantwortlich. Die Geräte steuern die Zählertarife und Zusatzgeräte wie Heizungen oder auch Boiler. «In Industrie, Gewerbe und Haushaltungen müssen die Geräte unterhalten werden. Das ist das A und O, um den Strom korrekt zu verrechnen.» In Langenthal gibt es laut Bögli zurzeit etwa 10000 Stromzähler.
Er montiert sie nicht nur, sondern muss sie erfassen und das Magazin verwalten.

15 Jahre Lebensdauer

Es ist schwierig, sich etwas unter einem Zählermonteur vorzustellen. Beginnt Bögli jedoch zu erzählen, hat man eine Idee, wie sein Beruf aussieht. Es fängt bei den unterschiedlichen Stromzählern an. Die schwarzen, klobigen Geräte sind sozusagen die Auslaufmodelle. Sie werden heute nicht mehr montiert und sind dennoch noch zu Hunderten in Langenthal in Betrieb. Das Eichamt gibt laut Bögli die Lebensdauer eines solchen Geräts vor. Bei den schwarzen Stromzählern sind das etwa 15 Jahre, «solange sie technisch noch funktionieren, muss man sie auch nicht ersetzen», sagt er. Ist diese Zeit aber abgelaufen, kommt der Zählermonteur zum Zug – und montiert die schwarzen Kästen ab. Ersetzt werden sie durch die neuste Generation.

Die Vorteile der modernen Zähler liegen auf der Hand: «Man muss den Stromverbrauch nicht mehr von Hand ablesen», sagt er. Die Ableserinnen sind nun mit Ablesegeräten ausgerüstet, die sie direkt in den Zähler stecken können. Dabei wird der Verbrauch angezeigt, variiert dieser stark zu jenem des vergangenen Jahres, piepst das Gerät. Dann sei wohl etwas nicht in Ordnung, der jährliche Stromverbrauch sei in etwa immer gleich hoch, so Bögli.

Technischer Beruf

Sein Beruf ist sehr technisch, alles über den Strom zu erklären, wäre komplex. «Mich fasziniert, dass ich den Strom nicht sehen oder riechen kann – er ist einfach da und doch braucht es ihn dringend.» Zählermonteur sei nicht ein Traumjob, sagt er offen und ehrlich. Er wäre gerne Archäologe geworden, seine Eltern wollten aber, dass er einen Beruf lernt. So schloss er die Lehre als Elektromonteur ab und blieb lange bei derselben Firma. Nach einem längeren Reiseaufenthalt wechselte er zur PTT. Dort machte er eine zweite Lehre als Fernmeldespezialist und musste bei Hagel und Sturm oft draussen arbeiten. Nachdem bei der Post der Umbruch kam, gefiel es ihm nicht mehr – und er wechselte zu den IBL. Er begann 2003 und war unter anderem für das Stromnetz mitverantwortlich, 2006 begann er als Zählermonteur. «Ich bekam intern eine Anfrage, ob ich diese Abteilung übernehmen möchte», sagt er. «Da es mir gefallen hat, wechselte ich.»

Er kann zahlreiche Gründe nennen, warum ihm der Beruf gefällt. Als Zählermonteur habe er Kontakt zu vielen Menschen, er komme in ganz Langenthal herum und die Technik sei eine Herausforderung. Was Bögli nicht besonders mag, «ist der Bürokram», sagt er und lacht. «Aber das muss nun einmal sein.» Die schwierigen Kunden bereiten ihm ebenfalls Kopfzerbrechen. Bögli muss beispielsweise bei zahlungsunwilligen Kunden vorbei, um einen Zahlautomaten einzubauen. Mit diesem Gerät können die Leute nur noch mit einer Karte den Strom beziehen; die Karte muss bei der IBL mit Geld aufgeladen werden. «Das ist ein unangenehmer Job», sagt er. Die Hintergründe der Kunden kenne er nicht, manchmal täten sie ihm auch leid, aber der Strom müsse bezahlt werden. In Ländern wie Deutschland würden die Zählermonteure nicht ohne Begleitung solche Zahlautomaten einbauen, zu gefährlich sei es. «In Langenthal habe ich keine Angst, mir ist noch nie etwas passiert.» Höchstens, dass die Kunden nicht sehr positiv auf ihn reagieren. Das ist für ihn aber nachvollziehbar.

«Freundlichkeit ist wichtig»

Es kommt immer darauf an, wie man den Kunden gegenüber tritt. «Freundlichkeit ist sehr wichtig», sagt er. Mit einem scharfen Ton erreiche er nichts. Die unangenehmen Seiten seines Berufes überlagern die angenehmen nicht. Bögli mag seinen Beruf, das ist spürbar. Von den IBL schwärmt er ebenfalls: «Sie sind eine gute Arbeitgeberin.» Deshalb könne er sich vorstellen, bis zur Pension zu bleiben.

Das Spannende als Zählermonteur ist die Entwicklung, die Technik. Nicht nur die Zähler haben sich verändert, auch die Systematik ist anders. Bei Industrien und grossen Betrieben braucht es laut Bögli keine Ableserinnen mehr, da wird der gesamte Stromverbrauch vom Büro aus ermittelt. Bei den Haushalten ist das Zukunftsmusik: «Diese Entwicklung kommt in den nächsten Jahren», sagt er bestimmt.

Solche Veränderungen bringen meistens auch Nachteile mit sich. «Es braucht dann keine Ableserinnen mehr», sagt er, «dieser Beruf verschwindet.» Zudem würden Fehlerquellen weniger schnell sichtbar. Es ist aber noch nicht so weit, und Bögli montiert noch die zurzeit aktuelle Zählergeneration. Heute muss er wieder ein paar Zähler ersetzen, das muss er eigentlich jeden Tag. Obwohl er im Untergrund arbeitet, sieht er durchaus Vorteile darin. «Wenn es regnet oder stürmt, bin ich bestimmt im Trockenen», sagt er und lacht.

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