Lotzwil
Die «Titanic»-Katastrophe vermutlich verschlafen

Bertha Lehmann überlebte den Untergang der «Titanic». Trotz diverser anderer Schicksalsschläge hat dieses Ereignis ihr Leben geprägt. Das Jahrbuch des Oberaargaus widmet der Lotzwilerin einen Beitrag.

Jürg Rettenmund
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Bertha Lehmann.

Bertha Lehmann.

Solothurner Zeitung

Als der Passagierdampfer «Titanic» am 14. April 1912 auf seiner Jungfernfahrt von Southampton nach New York mit einem Eisberg kollidierte und sank, erschütterte dies die Zuversicht einer ganzen Generation.

as Schiff galt nicht nur als das grösste je von Menschenhand gebaute bewegliche Objekt, sondern auch als praktisch unsinkbar. Das war jedoch eine trügerische Selbstüberschätzung ihrer Hersteller und Besitzer. Für einen grossen Teil der Passagiere hatte diese tödliche Folgen: Rund 2200 Personen reisten mit, 1500 von ihnen fanden in den Tiefen des Atlantiks ein eisiges Grab.

Dass die «Titanic» bis heute viele fasziniert, rührt jedoch nicht nur von der Grösse der Katastrophe her, sondern auch von den Unterschieden zwischen den Passagieren, die auf ihr für die Überfahrt zusammenfanden: Hier der Luxus der ersten Klasse mit ihren grosszügigen Flanierdecks und ihrem pompösen, von einer Glaskuppel überragten Treppenhaus aus Eichenholz, wo weder Gymnastikraum noch türkisches Dampfbad fehlten.

Dort die bedrückende Enge in den Massenunterkünften der dritten Klasse tief im Bauch des Schiffes. Hier aber auch die engen gesellschaftlichen Konventionen der Reichen, dort die unbändige Lebensfreude der Armen, die sich in der neuen Welt ein besseres Leben erhofften.

Der Film «Titanic» von James Cameron spielt genau mit diesem Kontrast zwischen den beiden Hauptdarstellern Kate Winslet und Leonardo Di Caprio. In einen weniger spektakulären Teil der «Titanic» führt eine Passagierin aus dem Oberaargau: Bertha Lehmann aus Lotzwil.

Die 17-Jährige reiste zweiter Klasse. Trotzdem war sie vom Luxus auf dem Schiff überwältigt. «Ich war in vielen schönen Hotels aus Europa und in Amerika, aber ich habe nie etwas so Schönes gesehen wie dieses Schiff», erklärte sie 1937 einem Journalisten, als dieser sie 25 Jahre nach dem Untergang befragte.

Dass Bertha Lehmann auf die Jungfernfahrt der «Titanic» geriet, war ein Zufall. Ihr Vater war Landarbeiter. Wir treffen ihn in den Quellen in immer wieder wechselnden Stellungen im Raum Burgdorf-Oberaargau.

In der sich rasch industrialisierenden Schweiz sah seine Familie jedoch keine Zukunft mehr. Stattdessen lockte Amerika mit seinen für Leute aus der Landwirtschaft attraktiven weiten Ländereien. Ein Onkel von Bertha Lehmann hatte dort bereits eine feste Stellung in einer Molkerei in Iowa gefunden. Zwei ihrer Geschwister folgten ihm als Erste.

Anfang Mai wollte Bertha ihnen nachreisen. Doch dann änderte sie ihre Pläne kurzfristig, um sie mit einer früheren Ankunft überraschen zu können.

Über Basel und Paris erreichte sie Cherbourg, wo sie das Schiff besteigen konnte. Während der ersten zwei Tage ihrer Seereise war die junge Oberaargauerin seekrank und musste in ihrer Kabine bleiben.

Wie viel sie von der fatalen Kollision mit dem Eisberg mitbekam, ist unsicher. Vermutlich verschlief sie diese und erwachte erst vom Lärm der Passagiere in den Gängen. So jedenfalls beschrieb sie es in ihren ersten Briefen an ihre Eltern. Später schmückte sie ihre Erzählungen mit weiteren Details aus, die sie jedoch vermutlich nur aus zweiter oder dritter Hand kannte.

Bertha Lehmann überlebte den Untergang der «Titanic» glücklicherweise. Sie fand Platz auf einem Rettungsboot und wurde nach einer kalten Nacht auf kühler See wie die anderen Überlebenden von einem anderen Schiff, der «Carpathia», aufgenommen.

Als Frau aus der zweiten Klasse hatte Bertha Lehmann ohnehin eine grosse Überlebenschance. Diese war unter den Klassen und Geschlechtern nämlich sehr unterschiedlich verteilt: Während von den Frauen der ersten und zweiten Klasse 97, respektive 88 Prozent überlebten, waren es bei den Männern aus der dritten Klasse bloss 22 Prozent.

Trotzdem hat die Katastrophe der «Titanic» Bertha Lehmann ihr Leben lang geprägt. Und dies, obschon sie noch andere Schicksalsschläge verkraften musste: Ihr erster Ehemann fiel im Ersten Weltkrieg in Frankreich, und ihre Farm blieb nicht von verheerenden Unwettern und Seuchen verschont. Doch als der Journalist George Grim Bertha Lehmann 1956 auf ihrer Farm im Bundesstaat Minnesota besuchte, fiel ihm über dem Eingang ein grosses Schiffsmodell auf: die «Titanic».

Ein umfangreiches Porträt des Autors über Bertha Lehmann und ihre Reise auf der «Titanic» erscheint im neuen Jahrbuch des Oberaargaus. – Vernissage: Do, 17. November, 18 Uhr, Gasthof Löwen, Melchnau.