Leitartikel
Die SVP profitiert von Bettwil, die FDP von Müller

Der Bettwiler SVP-Gemeindeammann Wolfgang Schibler wurde zu seiner eigenen Überraschung in den Grossen Rat gewählt. Seine Wahl symbolisiert den Erfolg der SVP wie keine andere.

Christian Dorer
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Bettwils Gemeindeammann Wolfgang Schibler

Bettwils Gemeindeammann Wolfgang Schibler

AZ

Mit dem Kampf gegen das Asylzentrum Bettwil hat die SVP den Nerv vieler besorgter Bürgerinnen und Bürger getroffen. Dann folgten Brugg, Koblenz, Merenschwand - überall, wo die Regierung Asylunterkünfte plant, war die SVP zur Stelle.
Die SVP stellt allen Umfragen und Unkenrufen zum Trotz weiterhin fast einen Drittel der Grossräte. Das ist ein beachtlicher Erfolg. Umso mehr, als die SVP auf nationaler Ebene derzeit keine glückliche Figur macht. Die negativen Prognosen haben wohl zusätzlich mobilisiert. Vor allem aber: Die SVP hatte einmal mehr die beste Nase für die heissen Themen - und sie hat in diesem Wahlkampf nicht überbordet. Sie gab sich hart in der Sache, aber anständig im Stil, mal abgesehen von den üblichen Provokationen des Fraktionschefs. Aber selbst die verlieren mit der Zeit ihre empörende Wirkung.
Die zweite grosse Gewinnerin heisst FDP. Nach Jahren des Niedergangs konnte sie um 1,1 Prozent zulegen - und steigt von der viert- zur zweitstärksten Partei auf. Damit besteht der nationale Präsident Philipp Müller seinen ersten grossen Test: Er hat sein Amt mit Getöse angetreten - er vertritt eigenständige Positionen, er emanzipiert seine Partei von der SVP, er tritt auch intern manchem auf die Füsse. Aber kommt das an bei den Wählern? Der Erfolg in seinem Heimkanton stärkt nun seine Position und wohl auch sein Selbstbewusstsein. Grünliberale und BDP reiten, wie erwartet, weiter auf ihrer Erfolgswelle. Ob dauerhaft oder als Modeerscheinung, das wird die Zukunft weisen.
Auf der Verliererseite stehen CVP (-1,8%), Grüne (-1,5%) und SP (-0,5%). Allen gemeinsam: Sie haben einen verschlafenen Wahlkampf geführt. Bei der CVP kommt wohl der umgekehrte Leuthard-Effekt dazu - dass die Aargauer CVP ihre eigene Bundesrätin in der Energiewende im Stich gelassen hat. Die Position der AKW-Partei jedoch hat die SVP längst besetzt.
Was ändert sich nun im Aargau? Der Grosse Rat wird leicht bürgerlicher, die Mitte also leicht stärker, die Linke leicht schwächer, die Kleinstparteien sind draussen. Das Aargauer Volk hat aber vor allem für eines gesorgt: für Kontinuität, auch in der Regierung. Der neue FDP-Mann Stephan Attiger wird sich nahtlos einfügen. Der Aargau wird weiterhin von fünf Magistraten aus fünf verschiedenen Parteien regiert. Die einzelnen Exponenten werden offenbar als Teil eines funktionierenden Teams wahrgenommen und nicht als Parteienvertreter. Sonst hätte es die Grüne Susanne Hochuli nicht problemlos geschafft. Der SVP-Angreifer Thomas Burgherr wäre nicht klar gescheitert. Und der Vertreter der Verliererpartei CVP, Roland Brogli, hätte nicht das beste Resultat eingefahren.
Enttäuschend war gestern die tiefe Wahlbeteiligung von 31,9 Prozent. Man kann es auch so sehen: Es ist das deutlichste Zeichen, dass die grosse Mehrheit der Aargauerinnen und Aargauer Kontinuität wollen.