Elysée-moi!
Die schönen Beurettes

Unter den neuen Gesichtern, die den französischen Wahlkampf prägen, stammen einige aus nordafrikanischen Einwandererfamilien. Doch warum sind es stets Frauen - gut aussehende Frauen?

Stefan Brändle
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Salima Saa und Najat Vallaud-Belkacem

Salima Saa und Najat Vallaud-Belkacem

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Frankreich - la France - hat ein weibliches Selbstverständnis: Die Nationalfigur heisst Marianne, die wichtigste Nationalheldin ist Jeanne d'Arc. Die Macher der Nation, also die Politiker, sind hingegen meist Männer, eben "les hommes politiques". Französische Politik ist eine Männerdomäne, ja -arena. Da wird viril gefochten und gerungen, speziell bei Präsidentschaftsduellen wie Mitterrand-Chirac oder jetzt Sarkozy-Hollande. Die wenigen Ausnahmen wie Ex-Premierministerin Edith Cresson (1991-1992), Ex-Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal oder die aktuelle Front-National-Chefin Marine Le Pen bestätigen die Regel. In den französischen Parlamenten und Exekutiven sitzen neun Zehntel Männer, obwohl in der Nationalversammlung per Gesetz die "parité" (Geschlechtergleichheit) gilt.
Auffällig ist ein kaum je thematisierter Umstand. Obwohl die Immigranten aus Nordafrika oder anderen Ex-Kolonien und Überseegebieten bis zu zehn Prozent der Bevölkerung stellen dürften, schaffen es von dort kaum je Männer in die hohe französische Politik. Durchschnittsbürger wären normalerweise nicht in der Lage, auch nur einen Spitzenpolitiker zu nennen, der ein "beur" (Umkehr-Slang für "arabe") ist. Vor diesem Befund ist es umso erstaunlicher, dass ausgerechnet aus der vermeintlichen "Machokultur" des Maghreb zahlreiche Frauen den Sprung in die Pariser Politelite schaffen.
Zu den Multikulti-Ministerinnen zählte zu Beginn der Sarkozy-Ära etwa Ex-Justizministerin Rachida Dati (46). Die von algerisch-marokkanischen Eltern abstammende Politikerin erhielt als erste Immigrantentochter ein Schlüsselministerium zugeteilt. Aus Senegal nach Frankreich gekommen, brachte es Rama Yade (35) ihrerseits zur Staatssekretärin für Menschenrechte.

Rachida Dati Ex-Justizministerin Rachida Dati (Archiv)

Rachida Dati Ex-Justizministerin Rachida Dati (Archiv)

Keystone

25. April 2012

Hollande hängt Sarkozy ab

Nach dem Erfolg im ersten Wahlgang trocknet François Hollande seinen Rivalen Nicolas Sarkozy auch taktisch ab.

Die französische Präsidentschaftskampagne hatte schon bisher Kopf gestanden: Der konservative Amtsinhaber sieht sich wegen seiner chronischen Unpopularität fast in die Rolle des Angreifers versetzt, während der sozialistische Herausforderer die bequeme Rolle des Favoriten verteidigt. In den drei Tagen seit dem ersten Wahlgang hat sich diese Tendenz noch verstärkt - und nicht zum Vorteil Sarkozys: Der einst brillante Polittaktiker platziert sich selbst immer klarer in der Position des Verlierers.
Seit Montag beackert er Landesgegenden, in denen die rechtsextreme Front-National-Kandidatin Marine Le Pen am Sonntag besonders gute Ergebnisse erzielt hat. Damit sucht sich der Noch-Präsident volksnah und sozial, zugleich aber klar rechts zu geben.
Hollande hat am Mittwoch Nachmittag das Gegenteil getan: Er stellte sich im Pariser Saal der Internationalen Eisenbahn-Union den Fragen von Dutzenden von Journalisten. Das Dekor der Pressekonferenz sei "sehr präsidentiell" staunte selbst ein Pariser Journalist. Und die Atmosphäre war eher gelöst: Siegesgewiss scherzte Hollande mit den Medienleuten, wobei er präzisierte, er habe nicht vor, einzelne Journalisten herauszupflücken und zum Gespött der anderen zu machen, wie das der "candidat sortant" - Sarkozy - pflege.
Gut die Hälfte der Fragen stammten zudem nicht von französischen Journalisten. Britische, italienische und griechische; amerikanische, afrikanische und asiatische Korrespondenten stellten Fragen zu ihrem eigenen Land und zur Weltlage. Hollande bestätigte, er wolle den bereits geschlossenen EU-Fiskalpakt neu verhandeln, um ihn durch einen Wachstumspakt zu ergänzen. "Ich werde am Tag nach der Wahl ein Memorandum an alle Staats- und Regierungschefs schicken", kündigte er dazu selbstbewusst an.
Die französischen Truppen will Hollande noch 2012 aus Afghanistan abziehen; der Frage über die - unter Sarkozy vollzogene - Rückkehr Frankreichs ins Nato-Militärkommando wich er aus und erklärte dafür klar, er werde den chinesischen Präsidenten vor dem Dalai Lama treffen.
Mit diesem Auftritt positionierte sich Hollande bereits als Staatschef von Gewicht, der auf souveräne Weise einen internationalen Tour d'horizon vornimmt, während sich sein Rivale in den Niederungen des Front-National-Diskurses verheddert. Der Unterschied zwischen dem aggressiv auftretenden Präsidenten und seinem gelassenen Widersacher stach mehr denn je ins Auge. Hollande erweist sich als gelehriger Schüler seines früheren Vorgesetzten François Mitterrand - der ihn nach 1981 als Wirtschaftsexperten ins Elysée geholt hatte: Vor dem zweiten Wahlgang war der einzige Präsident, den die französischen Sozialisten bisher stellten, als "Sammler" und "Einiger" über den Parteien aufgetreten, nachdem er im ersten Wahlgang pointiert linke Positionen vertreten hatte.
Sarkozy schlägt diese weise Regel in den Wind. Er betreibt mit seinem Rechtskurs lieber die gleiche Taktik wie 2007, als er - damals als frischer Kandidat - mit dem Versprechen eines politischen "Bruchs" zum Sieg geeilt war. Die Frage ist allerdings, ob diese Positionierung wirklich jene neuen Wähler zuführen wird, die er braucht, um seinen Rückstand aus dem ersten Wahlgang wettzumachen. Eher hätte man von Sarkozy erwartet, dass er sich in der Endphase der Wahl und eingedenk seiner fünfjährigen Amtszeit im Elysée als überparteilicher Landesvater präsentiert und damit auch die politische Mitte besetzt. Sichtlich nervös geworden, liegt ihm diese Pose aber derzeit überhaupt nicht. Er zieht die Flucht nach vorn an. Und hofft wohl auch ein Wunder.