Regierungsratswahlen
Die Patchworkregierung bekommt Zuwachs

Im Wahlkampf entpuppt sich der Regierungsrat als Patchwork-Familie mit besonderen Eigenschaften. Mit Stephan Attiger (FDP) und Thomas Burgherr SVP kämpfen zwei Spitzenkandidaten um den freien Platz im erstaunlich familiären Gremium.

Sabina Galbiati
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Die Patchworkregierung bekommt Zuwachs

Die Patchworkregierung bekommt Zuwachs

Bruno Torricelli
Thomas Burgherr am Markt in Seon hofft auf einen zweiten SVP-Sitz.

Thomas Burgherr am Markt in Seon hofft auf einen zweiten SVP-Sitz.

Bruno Torricelli

Im Kanton Aargau gab es wohl noch nie so viele Patchwork-Familien wie heute. Knapp 58 Prozent aller Verheirateten im Kanton lassen sich scheiden. Das mag unschön sein, birgt aber Potenzial für neue Familienkonstellationen. So bekommt ein 8-jähriges Mädchen plötzlich einen erwachsenen Bruder, einen zusätzlichen Vater und möglicherweise Grosseltern, die es noch nie gesehen hat.

Wer die vier wiederkandidierenden Regierungsräte unter dieser zugegebenermassen etwas ungewohnten Perspektive betrachtet, wird feststellen: Das Patchwork-Modell ist auch auf sie anwendbar: Bei einer Wahlveranstaltung in der Kreisschule Mutschellen in Berikon diese Woche durften die Besucher miterleben, wie sich die amtierenden Kandidaten als Patchwork-Familie offenbarten. Stephan Attiger und Thomas Burgherr ihrerseits setzten alles daran, zu beweisen, dass sie bestens in den eingeschworenen Clan passen.

Grossväterlicher Ruhepol

Während die Jungen mit Elan ihr politisches Können vorbringen, sitzt Roland Brogli (CVP) an diesem Abend als grossväterlicher Ruhepol am äusseren Ende des Podiumshalbkreises. Mit seinen 12 Jahren Erfahrung als Regierungsrat weiss er: «Eine so gut funktionierende Regierung muss man lange suchen.» Das findet auch Susanne Hochuli (Grüne) und bestätigt: «Trotz unserer unterschiedlichen Standpunkte harmonieren wir sehr gut zusammen.» Mit ihrem wachenden Blick und einer durchdringenden Empathie für ihre Mitmenschen scheint sie perfekt geeignet, den Part der grossen Schwester zu übernehmen. Denn an Durchsetzungswillen fehlt es der «Landamme» keineswegs. Um ihr Departement würde sie bei einer Wiederwahl «kämpfen wie eine Löwin». Dennoch sei Kompromissbereitschaft und ein gewisser Weitblick wichtig, wenn man als Team funktionieren wolle.

Keine Familie ohne grossen Bruder. Im Regierungsrat dürfte er mit Alex Hürzeler (SVP) bestens vertreten sein. Wirkt er doch wie ein Beschützer, der mit seiner Diskussionsfreude gerne das Sprachzepter ergreift. Ein älterer Bruder, der sich auf seine Erfahrung und sein Wissen verlässt und bereit ist für eine Leaderposition, die er im Falle einer Wiederwahl im nächsten Jahr als Landammann übernehmen wird.

Dem vierten im Bunde der amtierenden Kandidaten kommt Urs Hofmann (SP) die Rolle des mittleren oder vermittelnden Bruders zu. Wer auf jede Frage eine Antwort weiss, rational und souverän argumentiert und dennoch einen eigenen Standpunkt wahren kann, ist der geborene Vermittler. Das bewies Hofmann jüngst am letzten «Café Cantonal» in Baden. Geduldig stellte er sich den kritischen Fragen seiner Parteikolleginnen und -kollegen. Jedoch ohne einen Anspruch auf das letzte Wort.

Burgherr und Attiger in Seon

Bereits gestern trafen sich die beiden Spitzenkandidaten Thomas Burgherr und Stephan Attiger am Markt in Seon erneut. Vor dem Stand der jeweiligen Mutterpartei warben sie bei den Besuchern um einen Platz im Kreis des Regierungsrates.

Zielbewusst definiert Thomas Burgherr seine Visionen als möglicher Regierungsrat. «Harmonie ist schön, aber wir brauchen Lösungen, deshalb will ich im Gremium mitmischen.» Dass er bei Gelegenheit den anderen Mitgliedern am Tisch auch mal in den Teller schaut, ist für ihn klar: «Politische Arbeit bedeutet für mich auch, dass ich mich in departementsfremde Dossiers einarbeite und meine Meinung und Lösungen einbringe.» Ob er bald der zweite grosse Bruder an der Seite von Alex Hürzeler wird? Laut Mutterpartei SVP wären mit 32 Prozent Wähleranteil zwei Sitze gerechtfertigt.

Anders tönt es am Stand der FDP-ler: Stephan Attiger sammelte bereits sieben Jahre Erfahrung als Badener Stadtammann und weiss, dass in einem Gremium mit Regierenden der unterschiedlichsten Couleurs «jeder zuerst seine Rolle finden muss.» Daher seien zwei bis drei Amtsperioden sicher optimal. «Es braucht eine gewisse Kontinuität, um die grossen Geschäfte anpacken zu können, aber auch, um sich an seine Kolleginnen und Kollegen im Gremium zu gewöhnen.» Attiger sieht sich heute schon als ruhender Pol im Parteienspektrum, denn «Mitteparteien wie die FDP können zwischen den linken und rechten Lagern einen vermittelnden Ausgleich schaffen». Er zeichnet sich als möglicher Regierungsrat mit Eigenschaften, die an den Ruhepol erinnern, den viele Wähler seit Jahren am Regierungsältesten Roland Brogli schätzen.

So werden sich die Wähler entscheiden müssen, welche Geschwister bleiben, gehen oder hinzukommen. Einmal mehr wird sich das fünfköpfige Gremium mit neuen Familienmitgliedern arrangieren müssen. Gut, haben die Kandidaten alle eine Stammfamilie oder eben eine Mutterpartei.