Jungendarbeit
«Die Jugendlichen müssen mitreden können»

Die Jugendarbeit legt in diesem Jahr ihren Schwerpunkt auf Jugendtreffs – auch auf die inoffiziellen. Urs Widmer, Leiter der Jugendarbeit Region Fraubrunnen, erkärt, warum Jugendliche einen Rückzugsort brauchen und wo die Probleme liegen.

Andrea Marthaler
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Urs Widmer (54) leitet seit vier Jahren die Jugendarbeit Region Fraubrunnen. ama

Urs Widmer (54) leitet seit vier Jahren die Jugendarbeit Region Fraubrunnen. ama

Solothurner Zeitung

Ihr Jahresthema sind Jugendtreffs. Wieso?

Urs Widmer: Treffpunkte sind ein zentrales Bedürfnis von Jugendlichen. In der Altersgruppe erfolgt eine starke Sozialisierung. Deswegen brauchen Jugendliche die Möglichkeit, sich zu treffen. Raum gäbe es in ländlichen Regionen eigentlich genügend. Doch gerade für Jugendliche steht immer weniger davon zur Verfügung. So bilden sich informelle Treffpunkte wie zum Beispiel an Bahnhöfen, auf Schularealen oder in einzelnen Restaurants.

Wo sie nicht gerne gesehen werden.

Genau. Der Tenor der Politiker, respektive der Erwachsenen ist dann, den Jugendlichen einen Jugendtreff zu bieten, was an sich positiv ist.

Gerade in der Region Untere Emme funktionierten solche Treffs aber nicht gut. Das «Inside» in Utzenstorf ist definitiv zu, das «Chill out» in Bätterkinden läuft nicht wie gewünscht. Was macht man falsch?

Bisher war man fixiert auf klassische offene Teffs: Man gibt einen Raum und setzt Hausregeln fest. Diese Treffs stehen aber vor dem Problem, dass sie oft von bildungsfernen Schichten aufgesucht werden, die dann die Szene dominieren. Für andere Gruppen gibt es keinen Platz. Deswegen wäre unser Konzept, einen angebotsorientierten Treff anzubieten. So könnten sowohl öffentliche Partys, als auch geschlossene Gruppentreffen stattfinden.

Kürzlich sagten Sie auch, ein Raum sei nicht genügend.

Genau. Nur ein Raum wie die bisherigen Treffs bietet keine Rückzugsmöglichkeiten, gerade dies bräuchten Jugendliche. Ideal wäre ein Treff mit drei bis vier Räumen. Neben dem Eingangsbereich, wo sich eine Bar befinden kann, könnte es spezifische Räume geben, zum Beispiel für Konzerte. Daneben braucht es den Rückzugsraum, der auch als Arbeitsraum genutzt werden kann. Minimum ist aber, dass es sowohl einen ruhigen als auch einen lauten Bereich gibt. Ideal wäre, wenn Jugendtreffs auch von Institutionen genutzt werden könnten – für Sitzungen, zum Basteln, etc ...

Wo müsste ein Jugendtreff idealerweise sein?

Bei den Jugendlichen heisst es sehen und gesehen werden. Daher wäre ein Treff mitten im Dorf ideal, ...

... was die Bevölkerung kaum tolerieren wird.

Die Räumlichkeiten müssten klar gegen Lärm isoliert sein. Ansonsten braucht es Toleranz von beiden Seiten. Das Problem ist, dass die ländlichen Gemeinden immer mehr zu Schlafgemeinden verkommen: Die Erwachsenen wollen dort ihre Ruhe. Doch die Jugendlichen haben genauso die Berechtigung, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten.

Ein gutes Stichwort. Dann sollten sie auch auf Bahnhöfen etc. akzeptiert werden?

Klar. Allerdings müssen sich die Gemeinden überlegen, wie sie Littering und Vandalismus in den Griff bekommen. Die meisten Politiker reagieren mit Repression, also einem Verbot oder Securitypräsenz. Dadurch wird das Problem nur an andere Orte verlagert.

Was müsste stattdessen gemacht werden?

Bahnhöfe verkommen ausserhalb der Fahrzeiten zu Geisterbahnhöfen. Diese müssten wieder belebt werden, sodass sich dort nicht nur Jugendliche aufhalten. Dasselbe gilt fürs Schulareal. Dieses sollte auch von Familien genutzt werden können. Mit Bänken, gedeckten Plätzen, aber auch einer guten Beleuchtung können sie attraktiver gestaltet werden. Und wenn die Areale wieder belebt sind, gehen auch die Probleme zurück. Jugendliche wollen integriert werden.

Es gibt aber auch Querschläger.

Sicher gibt es immer das eine Prozent der Jugendlichen, die gerne Grenzen überschreiten. Damit muss man leben können. Besser wird es allerdings, wenn die Jugendlichen Verantwortung übernehmen. Sei es, dass sie etwas selber herstellen, oder Verantwortung für öffentliche Sachen übernehmen.

Gibt es diese Jugendlichen, die Verantwortung übernehmen, tatsächlich, oder ist das mehr eine Wunschvorstellung?

Grundsätzlich sind die meisten bereit Verantwortung zu tragen. Allerdings ist es je länger je schwieriger, Freiwillige zu finden, nicht nur bei den Jugendlichen, auch bei den Erwachsenen. Jugendliche stehen heute unter einer hohen Belastung. Trotzdem braucht es ihr verstärktes Engagement. Dazu muss bei den Jugendlichen die Selbstverantwortung gestärkt werden. Die Jugendlichen müssen mitreden können. Da müssen aber vor allem auch die Behörden reagieren. In der Jugendkommission Bätterkinden sind zum Beispiel nur Erwachsene.

Politiker würden nun sagen, die Jugendlichen wollten nicht mitreden.

Das liegt daran, dass viele Beteiligungsmöglichkeiten hochschwellig sind. Protokolle und Besprechungen in Sitzungszimmern entsprechen den Jugendlichen nicht. Da muss man ihnen entgegenkommen und entsprechende Formen finden. Zum Beispiel mit einer Sitzung im Jugendtreff.

Was unternehmen Sie diesbezüglich?

Wir fordern die Gemeinden auf, ein Jugendleitbild zu erarbeiten. Ein Altersleitbild haben sie ja schliesslich auch. Bei der Jugend gibt es viele brachliegende Ressourcen. Möglichkeiten zur Mitsprache müssten darin fest verankert sein.

Und was unternehmen Sie bezüglich der Jugendtreffs?

Unsere Vision in der Region Untere Emme wäre ein zentraler Jugendtreff. Einer, der für mehrere Generationen bestehen bleiben kann. Die
Bereitschaft der Behörden, darüber zu sprechen, ist da.